Eine Würdigung in sieben Songs Bob Dylan: Der Mann, der immer schon da war

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„Bob Dylan ist ein Planet, den es zu entdecken gilt“, sagt Tom Waits. „Elvis hat den Körper befreit – Dylan den Geist“, sagt Bruce Springsteen. Am 13. Oktober wurde Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Hier würdigen wir ihn in sieben Songs.

Bob Dylan – hier bei einem Auftritt im Jahr 2012 – hat den Literaturnobelpreis gewonnen. Foto: dpa
Bob Dylan – hier bei einem Auftritt im Jahr 2012 – hat den Literaturnobelpreis gewonnen. Foto: dpa

Stuttgart - Beim Versuch, das Phänomen Bob Dylan zu erklären, sind schon viele gescheitert. Auch Bob Dylan selbst. Dem Mann, der am 24. Mai 1941 in Duluth, Minnesota, als Robert Allen Zimmerman geboren wurde, nähert man sich aber sowieso am besten über seine Lieder. Darum hier der Versuch einer Würdigung des Schaffens Bob Dylans anhand von sieben seiner Songs.

Lesen Sie hier: Bob Dylan mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet.

Like A Rolling Stone

Musiker wie Brian Wilson, Elvis Costello, Joni Mitchell oder David Byrne haben vor einigen Jahren für das Musikmagazin „Rolling Stone“ die 500 besten Songs aller Zeiten gekürt. Auf Platz eins landete (vor „Satisfaction“ von den Stones und „Good Vibrations“ von den Beach Boys) der knurrige Sechsminüter „Like A Rolling Stone“, der das Album „Highway 61 Revisited“ (1965) eröffnete. Das Lied, das aus einem viele Seiten langen Songgedicht heraus entstand und dessen Ausgangspunkte in Hank Williams’ „Lost Highway“ und Richie Valens’ „La Bamba“ zu finden sein könnten, eröffnete zugleich ein neues Popzeitalter, brach mit allen damals gängigen Konventionen und weitete die Kampfzone der Rockmusik für alle Zeiten aus. „‚Rolling Stone‘“ ist mein bester Song", sagt auch Dylan selbst.

Subterranean Homesick Blues

Kurz nachdem Dylan beim Newport Folk Festival ausgebuht worden war, weil er es gewagt hatte, mit Band und E-Gitarre aufzutreten, erschien 1965 das Album „Bringing It All Back Home“, das auch auf Platte die Elektrifizierung von Dylans Musik einleitete. Und „Subterranean Homesick Blues“, eine Verneigung vor Jack Kerouacs Roman „The Subterraneans“ (deutsch: „Bebop, Bars und weißes Pulver“), war die coolste Nummer des Albums. Noch aufregender als Dylans schnoddriger Sprechgesang war aber dessen Visualisierung. Für D. A. Pennebakers Dokumentation „Don't Look Back“ hielt Dylan Schilder mit den Songlyrics in die Kamera, während „Subterranean Homesick Blues“ erklang – eine Inszenierung, die den Videoclip vorwegnahm.

All Along The Watchtower

Keinen seiner Songs hat Dylan auf Konzerten so oft gespielt wie „All Along The Watchtower“, der 1967 auf „John Wesley Harding“ erschien. Trotzdem ist Jimi Hendrix' Version dieser dunklen, mysteriösen und mit Bibelzitaten versetzten Fabel berühmter – ein Schicksal, das viele Dylan-Nummern teilen: „It's All Over Know, Baby Blue“ kennt man eher von The Them, „Mr. Tambourine Man“ von den Byrds, „Knockin' On Heaven's Door“ von Eric Clapton oder Guns N' Roses.

Blowin' In The Wind

Von Menschen, die sich nicht besonders für Musik interessieren, wird Bob Dylan immer noch für den Jungen gehalten, der mit einer Akustikgitarre vor dem Bauch und einer Mundharmonika im Gesicht Lieder singt wie das von den ziellos die Straßen entlanglaufenden Menschen, den müde über die Meere segelnden weißen Tauben und den Kanonenkugeln, die für immer verboten werden sollten. Der Protestsong „Blowin' In The Wind“, der auch heute noch an keinem Lagerfeuer, bei keiner Friedensdemo, in keinem CVJM-Zeltlager fehlen darf, ist immer noch Dylans berühmtester Song. Es muss also was dran sein an diesem Lied, das über 50 Jahre alt ist.

I Want You

Weil Dylan auf Fotografien gerne den Griesgram mimt, könnte man meinen, er sei weder zum Komiker noch zum Romantiker geeignet. Beides ist falsch. In Dylans OEuvre versteckt sich herrlich absurder Klamauk – im fiesen „Ballad Of A Thin Man“ etwa. Und auch die Rolle des Liebestollen spielt er oft in seinen Liedern – wie etwa in „Sad Eyes Lady Of The Lowlands“ oder dem zart-verlangenden Popsong „I Want You“, einem Ohrwurm, bei dem sich Dylanologen noch darüber streiten, ob er darin Edie Sedgwick oder Anita Pallenberg anhimmelt.

Spirit On The Water

Auch eine Liste mit den 100 besten Bob-Dylan-Songs hat das Magazin „Rolling Stone“ bereits veröffentlicht. Die meisten Nummern, die dort auftauchen, stammen aus den 1960er Jahren, der Rest vor allem aus den 1970ern. Tatsächlich hat Dylan vor allem in den 1980ern nur wenig Bleibendes zu Wege gebracht. Seine künstlerische Krise beendete erst „Time Out Of Mind“ (1997). Mit „Modern Times“ (2006) gelang es Dylan dann erstmals seit 1976, den ersten Platz in den US-Albumcharts zu erobern. Und das feinfühlige Songepos „Spirit On The Water“ führt vor, dass es Dylan immer noch nicht verlernt hat, großartige Lieder zu schreiben.

The Times They Are A-Changin’

Alles bleibt anders bei Bob Dylan, der unermüdlich mit seiner Never Ending Tour durch die Welt reist. Und dass er „The Times They Are A-Changin’“, den Zeitenwendesong, der einst den Soundtrack für die US-Bürgerrechtsbewegung lieferte, bei einem Konzert, das er 2011 in Peking gab, nicht gespielt hat, könnte auch daran liegen, dass Bob Dylan noch nie Lust hatte, das zu tun, was alle von ihm erwarten.