InterviewEberhard Stilz „Der Zweck heiligt nicht das Mittel“

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Der Jurist Eberhard Stilz ist Präsident der Stiftung Weltethos, die der Tübinger Theologe Hans Küng vor 20 Jahren ins Leben gerufen hat. Stilz erklärt im Interview, wo die Stiftung überall gefordert ist – zum Beispiel in Hongkonger Schulen und beim DFB.

Hans Küng hat die  Stiftung initiiert; Stilz steht jetzt an deren Spitze. Foto: factum/Granville
Hans Küng hat die Stiftung initiiert; Stilz steht jetzt an deren Spitze. Foto: factum/Granville

Tübingen - Der Theologe Hans Küng steht für Weltethos. Eberhard Stilz, sein Nachfolger an der Spitze der Weltethos-Stiftung ist sich sicher, dass Küngs Ideen für den Frieden überall auf Welt präsent bleiben, auch wenn der Schweizer nicht mehr selbst vor Ort sein kann. „Überall schätzt man Hans Küng und seine Ideen“, betont der Jurist Stilz.

Herr Stilz, wie oft sehen Sie Professor Küng, den Vater von Weltethos?
Professor Küng kann sich aus gesundheitlichen Gründen leider nicht mehr sehr für die Weltethos-Stiftung engagieren. Er hat mir aber einen großen Vertrauensvorschuss mit auf den Weg gegeben. Wir haben keinen ständigen Kontakt, aber ein sehr gutes Einvernehmen. Dafür bin ich dankbar und das ist für meine Arbeit unerlässlich.
Gelingt es, Hans Küngs Ideen zum Thema Weltethos ohne ihn zu verbreiten?
Ich habe mir das zunächst sehr schwer vorgestellt. Das ist es aber nicht, weil Küng durch seine Ideen, seine Bücher, seine Persönlichkeit präsent bleibt. Überall auf der Welt kennt man ihn, schätzt ihn, hat Anknüpfungspunkte – selbst vor Ort zu sein, ist für ihn gar nicht notwendig.
Wie neu ist die Weltethos-Idee für Sie?
Beschäftigt habe ich mich schon lange mit dem Thema. Dazu passt, dass mir seit Schüler- und Studentenzeiten philosophische und theologische Fragen wichtig sind. Als Kind habe ich den Pfarrer in unserer Gemeinde verehrt. Als Schüler und Student der 68er-Generation bin ich aus der Kirche ausgetreten, später zurückgekehrt, in die evangelische. Auch das akzeptiert der katholische Theologe Küng.
Die Stiftung ist 20 Jahre alt geworden. Wo steht die Stiftung heute, was ist zu tun?
Die theoretischen Grundlagen sind gelegt. Im wesentlichen von Küng persönlich. Heute ist die Stiftung im Bereich der interkulturellen Zusammenarbeit gefragt und dank vieler Partner und ehrenamtlicher Unterstützer breit aufgestellt in der Welt. Besonders wichtig ist mir die Arbeit für und mit Kindern und Jugendlichen.
Inhaltlich dürfte Weltethos angesichts der zahlreichen Skandale gut nachgefragt sein.
Das betrifft sogar den Sport. Beim Deutschen Fußballbund sind wir in Arbeitsgruppen zur Prävention von Rassismus und Gewalt beteiligt. Wenn die aktuellen Berichte zu den Umständen bei der Vergabe der WM 2006 stimmen, dann wurde ganz oben ein einfacher ethischer Grundsatz nicht beachtet: Der Zweck heiligt nicht das Mittel. Es ist eben nicht richtig zu denken, das macht doch jeder, oder es ist doch angesichts des hehren Ziels nur eine lässliche Sünde. Beim Sport mit seiner enormen pädagogischen Bedeutung ist eine solche ethische Verirrung besonders fatal.
Beim Thema Wirtschaftsethik fällt aktuell das Beispiel Volkswagen ein.
Wie der aktuelle Skandal zustande gekommen ist, können wir wohl alle noch nicht ganz erklären. Aber es wird jetzt sicher nicht genügen, nur über neue Organisationsstrukturen nachzudenken und einige Köpfe auszutauschen. Mit fehlt ein erkennbares Besinnen auf ethische Werte. Das muss im Inneren neu aufgesetzt und auch nach außen erkennbar gelebt werden – und nicht der Gedanke der Profitmaximierung.
Ist dieses Prinzip nicht weit verbreitet?
Gewinn ist gut und unentbehrlich für ein Unternehmen. Ausschließliche und kurzfristige Gewinnmaximierung ist aber ein ethischer und ökonomischer Irrweg. Das erkennen immer mehr Unternehmen. Ein Beispiel: Einem Mitarbeiter eines Unternehmens aus unserem Land wurden „Informationen“ angeboten, die einen wichtigen Auftrag gesichert und damit auch ihm persönlich Vorteile gebracht hätten. Der Mann nahm nicht an, sondern ging zu seinem Vorgesetzten. Das Unternehmen entschied nicht nur, das korrupte Angebot abzulehnen, sondern ganz aus dem Wettbewerb um den Auftrag auszusteigen. Mitarbeiter wie Vorgesetzter wurden im Unternehmen als Vorbild dargestellt und auch finanziell so behandelt, als ob sie den Auftrag gewonnen hätten. Das wird verstanden. Positive Beispiele überzeugen.
Braucht die Wirtschaft den Weltethos-Gedanken überhaupt?
Gerade Unternehmen arbeiten heute fast durchweg global und brauchen deshalb eine ethische Grundlage, die überall anerkannt ist. Was in Wolfsburg gelten soll, muss man im Grundsatz auch in China vertreten können. Und dort werden wir nur gehört, wenn wir keinen geistigen Kolonialismus betreiben. Gerade in China wird es geschätzt, dass Weltethos beispielsweise die große Bedeutung von Konfuzius für die Goldene Regel der Gegenseitigkeit hervorhebt. So bietet Weltethos nicht nur eine ethische Grundlage, die in allen Teilen eines Weltunternehmens verstanden und akzeptiert werden kann, sondern fördert damit auch den Zusammenhalt.
.Weltethos hat sich zunächst mit religiösen Fragen beschäftigt.
Die Grundidee ist es zu fragen, welche gemeinsamen Werte – nicht welche religiösen Überzeugungen – in allen Religionen und humanistischen Lehren zu finden sind. Solche Werte gibt es, das lässt sich wissenschaftlich feststellen. Das Gegenseitigkeitsgebot – was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinem andern zu – ist in allen Religionen verankert. Konfuzius hat das früh formuliert und ausdifferenziert, es findet sich aber auch im Matthäus-Evangelium und im Lukas-Evangelium und bei Mohammed ebenso. Doch man muss auch das Bewusstsein für solche verbindenden Werte wecken, damit sich ihre friedensstiftende Wirkung durchsetzt.
Sollen diese Grundwerte schon in den Schulen vermittelt werden?
Unbedingt, Projekte dafür haben wir weltweit. In Hongkong haben wir es sogar in den offiziellen Lehrplan geschafft. In Deutschland betreiben wir seit kurzem das Projekt der Weltethos-Schulen. Schon elf Schulen sind von uns in den ausgezeichneten Kreis aufgenommen worden, zuletzt kam das Zeppelin-Gymnasium in Stuttgart hinzu. Weltethos-Schulen nehmen den Weltethos-Gedanken in ihren Unterricht auf und füllen ihn in Projekten mit greifbarem Inhalt. Alle Lehrer sollen einbezogen werden und auch die Eltern. Es ist erstaunlich, wie befriedend und erhellend Weltethos so wirkt – zwischen Schülern und sogar zwischen Eltern, die verschiedene religiöse und kulturelle Hintergründe haben.
Das klingt schön, aber im Namen der Religionen geschehen viele hässliche Dinge.
Missbrauchen kann man Vieles, doch gerade auf der Grundlage von Weltethos lässt sich der Missbrauch aufdecken. Weltethos und Heiliger Krieg, das geht natürlich gar nicht zusammen. Auch die Benachteiligung der Frau passt nicht zum Weltethos-Gedanken. Wer von Weltethos redet, aber dagegen ist, dass Frauen Auto fahren, der hat die Grundlage verlassen und die Grundsätze seiner eigenen Religion nicht verstanden. Selbstverständlich respektiert Weltethos die Besonderheiten einer jeden Religion, ihre spezifischen Glaubenssätze und Traditionen. Aber die Besonderheiten müssen sich an den eigenen Grundsätzen messen lassen.
Beim Thema Flüchtlinge stellen sich Fragen des Zusammenlebens vor unserer Haustür.
Gerade dafür liefert der Weltethos-Gedanke einen Schlüssel. Gemeinsame Werte sind die Grundlage eines jeden Zusammenlebens. Machen wir sie bewusst, schaffen wir eine Brücke der Integration und stärken den Zusammenhalt über Unterschiede hinweg. Der schlimmste Fehler wäre, wenn wir jene, die bei uns bleiben, in räumliche oder geistige Gettos abdrängen.
Wie werden Weltethos-Stiftung und Weltethos-Institut finanziert?
Stiftung wie Institut haben zwar nur wenige hauptamtliche Mitarbeiter. Aber wir brauchen einen steten Mittelzufluss. Unser relativ bescheidenes Stiftungskapital wirft wenig Zinsen ab. Wir haben das Glück, dass bedeutende Stiftungen und große Persönlichkeiten erkannt haben, wie wichtig es ist, dass es uns gibt. So finanziert die Stiftung des Gründers und früheren Chefs des Weltunternehmens Putzmeister, Karl Schlecht, das Institut komplett und die Stiftung annähernd zur Hälfte. Aber auch andere Stiftungen und Persönlichkeiten, vor allem aus der Region, sind verlässliche und großzügige Förderer. So konnten wir im vergangenen Jahr um zwei Vollzeitkräfte aufstocken, die dringend gebraucht wurden. Jede weitere finanzielle Unterstützung würde es uns erlauben, unseren Wirkungskreis zu vergrößern und den vielen Anfragen an uns noch besser gerecht zu werden.
Verlässt Sie angesichts der riesigen Probleme unserer Welt nicht manchmal der Mut und hat Ihre Arbeit nach den Ereignissen von Paris vom vergangenen Freitag überhaupt noch einen Sinn?
Unsere Stiftung ist klein, und Sie mögen sagen, es ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Aber nichts zu tun, ist weniger. Wenn unsere Arbeit nur einen Menschen davon abhalten würde, verbrecherischen Fundamentalisten nachzulaufen, wenn Sie nur einer Gemeinschaft Frieden und Versöhnung statt Hass bringt, dann hat sie sich gelohnt. Wir fühlen uns durch Paris nicht entmutigt, sondern angespornt – solange und so gut wie möglich dafür zu arbeiten, dass dieser Wahnsinn aufhört!