Eclat-Festival Ein Mann der Worte und Töne

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Am Wochenende findet in Stuttgart das Eclat-Festival für Neue Musik statt. Es ist das letzte von Hans-Peter Jahn programmierte, der künstlerische Leiter geht nach der Auflage 2013 in den Ruhestand. StZ-Kulturredakteur Götz Thieme hat ihn getroffen.

Hans-Peter Jahn Foto: Jürgen Palmer
Hans-Peter JahnFoto: Jürgen Palmer

Stuttgart - Die Tomate glänzt: rot, saftig-fleischig. Zum Anschneiden. Lieber nicht, denn rechts oben, vom blättrigen Stiel, kriecht flaumiger Schimmel heran. Typisch irgendwie: erst mal irritieren, scheint die Devise der Macher des Stuttgarter Eclat-Festivals für Neue Musik zu sein. Die Tomate ist das Plakatmotiv für die diesjährige Ausgabe des Festivals (7. bis 10. Februar). Oder ist der Betrachter einfach mal wieder reingefallen: in ein dialektisches Spiel von Erwartung und Enttäuschung?

Hans-Peter Jahn, einer, dem man zutraut, das ingeniös lächelnd angestiftet zu haben, ist jedoch vollkommen unschuldig. Die Motividee habe der langjährige Grafiker von Musik der Jahrhunderte (MdJ), dem Eclat-Veranstalter, gehabt, sagt Jahn. Aber wer ihn kennt, ist über die prompt ­folgende Motivexegese nicht überrascht. Man sehe einen „hochqualifizierten Verwesungsprozess, der uns allen zusteht, der uns bevorsteht – in der Schönheit der Schöpfung, im Sinne Candides, ist alles gut: und somit auch der Verfall“.

Lust an Irritierendem

Die Anfänge von MdJ reichen bis ins Jahr 1978. Bald stieß Hans-Peter Jahn, 1948 in Stuttgart geboren, dazu: Als Autor, Cellist, Schulmusiker, Musikwissenschaftler, Germanist, Komponist und noch vieles mehr wurde er ein Ideengeber neben der Geschäftsführerin Christine Fischer und dem Dirigenten Manfred Schreier in der künstlerischen Leitung. Jahns Rolle wurde entscheidend, als er 1989 die Leitung der Redaktion für Neue Musik beim SDR übernahm. Die Kompositionsaufträge des Senders waren der vitale Boden für das jährlichen Neue-Musik-Festival; seit 1997 heißt es Eclat.

Als künstlerischer Leiter bei dieser Leuchtturm-Institution der zeitgenössischen Musik in Stuttgart hat Jahn in seiner Zeit mit Lust manches Irritierende, wie jetzt die Tomaten-Plakat-Tat, verteidigt, denn solche Art von kauzigem – oder kaustischem? – Witz ist genau die, die ihm entspricht. Obwohl, ein Spötter ist Jahn nicht, scharf auch nicht, eher ein Jongleur, ein ziemlich ironischer: „Da in der Neuen Musik kein Humor vorkommen kann, kommt er eben auf dem Plakat vor . . .“

Und so lässt Hans-Peter Jahn einen mal wieder sitzen vorm Deutungshorizont, dem weiten. Seine Überzeugungen sind nicht leicht auszumachen, die Trennlinien auf seiner ästhetischen Vermessungskarte zwischen einem unmöglichen und dem in aufgeklärtem Sinne richtigen Musikstück scheinen zu fließen. Wenn man ihn nach Wahrheiten, Auffassungen, Vorlieben fragt, kann man was erleben, denn Jahn teilt sie nicht freigiebig, vor allem nicht in wohlproportionierten, sprich leicht zu schluckenden Verständnisbrocken mit.

Das Tagesgeschäft hat ihm nicht die Energien genommen

Christine Fischer, die MdJ-Geschäftsführerin und diejenige, die in den vergangenen dreißig Jahren die Jahn’schen Programme finanziell und logistisch umgesetzt hat, kennt ihn seit Jahrzehnten: „Er ist ein Künstler, er legt es darauf an, missverstanden zu werden. Man findet ihn in den Zwischentönen.“

Wer sich nun fragt, warum das Tagesgeschäft einen wie Jahn, einen Vielschichtigkeits-Labyrinthiker, einen Irritationen-Verabreicher nicht längst zuschanden hat gehen lassen, rechnet eben nicht mit der künstlerischen Münze, die hier auf dem Pragsattel bei Musik der Jahrhunderte die renditesichere Währung ist. Christine Fischer erinnert an den immer profitablen Umtausch, den Hans-Peter Jahn garantiert hat. Ein genialer Programmmacher sei er eben, sagt sie. Mit Jahn hätte man eine Plattform geschaffen für das Risiko. „Er ist großzügig, aber nicht gleichgültig gegenüber den Ergebnissen.“ Dem will Jahn nicht widersprechen – aber sein Urteil, das erfahren nur die Komponisten selbst, unter vier Augen. „Als öffentlicher Mensch bin ich eher schüchtern, einer, der allen diskursiven Prozessen oben im Theaterhaus ausweicht.“ Ja, berechtigte Kritik muss ausgesprochen werden, aber „Urteilspracht“ fürchte er dann doch.

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