Ehrenamtliche in der Sitzwache des Hospiz Stuttgart Ein neuer Blick auf das Leben

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Susanne Müller ist eine vor 136 Ehrenamtlichen, die sich in der Sitzwache des Hospiz Stuttgart engagieren. Sie geht zu Sterbenden in Krankenhäusern und Heime und begleitet sie in ihren letzten Lebenstagen.

Susanne Müller   begleitet Sterbende in Pflegeheimen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Susanne Müller begleitet Sterbende in Pflegeheimen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Susanne Müller weiß nicht, wie viele Sterbende sie in den vergangenen Jahren schon begleitet hat in ihren letzten Lebenstagen. Zahlen sind aber auch unwichtig, es geht ihr um die Menschen. Sehr berührt hat sie ein Mann, der erst Anfang 60 war und in ihrem Beisein gestorben ist. Er hat ihre Hand gehalten und ist zur Ruhe gekommen. „Ich habe gespürt, da verändert sich etwas im Zimmer“, erzählt sie. Dann habe er zum letzten Mal geatmet.

Bei einem Ehepaar hat sie beide nacheinander begleitet. Sie wird nie das Gesicht der hoch dementen Gattin vergessen, als man sie damals im Rollstuhl ans Bett ihres frisch verstorbenen Mannes fuhr. Sie habe noch nie solche Trauer im Gesicht eines Menschen gesehen, wie in dem dieser Frau, die doch angeblich alles vergessen haben sollte. „Das hat mich unglaublich bewegt.“

Susanne Müller ist eine von 136 Ehrenamtlichen, die sich in der Sitzwache des Hospiz Stuttgart engagieren. Die Sitzwache geht in Pflegeheime und in Krankenhäuser zu den Sterbenden.Die Ehrenamtlichen sind da, wenn es aufs Ende hin zu geht. Oft seien die Verwandten der Sterbenden weit weg oder sie bräuchten auch mal eine Pause, sagt die Leiterin der Sitzwache, Christa Seeger, die laufend Ehrenamtliche sucht. Den Pflegekräften in den Heimen bleibe keine Zeit, um einfach nur da sein zu können.

Der Tod des Schwiegervaters ist ihr im Kopf geblieben

Als Susanne Müller im Jahr 2007 in Rente ging, habe sie sich überlegt, dass sie einen Teil ihrer Zeit „jemandem schenken“ möchte. Durch Zufall las sie in der Zeitung eine kleine Notiz über die Sitzwache und dachte, dass das zu ihr passen würde. Sehr eindrücklich ist ihr der Tod ihres Schwiegervaters im Kopf geblieben. Eigentlich habe sie ins Büro gemusst, erinnert sie sich, doch dann habe sie gespürt, dass sie ihn zum Arzt begleiten muss und bei der Arbeit abgesagt. Kurz vor der Praxistür sei der Schwiegervater zusammengebrochen – und in ihren Armen gestorben. Sie ist heute noch froh, dass sie damals ihrem Gefühl gefolgt ist.

Im Herbst 2007 begann Susanne Müller die Ausbildung zur Ehrenamtlichen bei der Sitzwache des Hospizes, seit Sommer 2008 ist sie im Einsatz. Mal ist sie in einer Woche zwei- oder dreimal bei einem Sterbenden, dann wieder nur alle zwei Wochen. Das bestimmt sie selbst, je nachdem, wie viel Zeit sie hat. „Wo ich gebraucht werde, da gehe ich hin“, sagt die 68-jährige fünffache Großmutter. Jede Begleitung sei für sie etwas sehr Berührendes. Auch wenn jemand gar nicht mehr reagieren könne, denke sie, dass er ihre Anwesenheit spürt.

Die eigenen Sorge lässt sie an der Garderobe

Bevor sie zum ersten Mal zu jemanden gehe, empfinde sie meist eine „gewisse Demut“, ihre eigene Person werde unwichtig. Die eigenen Sorgen, die lasse sie an der Garderobe, sagt Susanne Müller. Während des Besuchs sei sie nur für den Menschen da. Ganz in Ruhe, ganz bei der Person. „Es geht darum, wirklich da zu sein, ihn auch in Gedanken zu begleiten, das spüren sie und werden ruhiger.“ Manchmal sitzt sie zwei Stunden bei einem Todkranken, dann drei oder vier. Eine sehr reizende Dame habe sie einmal, als sie müde wurde, auf entzückende Art gebeten zu gehen – schlafen wolle sie alleine. Ein schwer kranker Mann wiederum hat sie im Krankenhaus um einen letzten Wunsch gebeten – um ein Bier aus der Kneipe gegenüber. Die Krankenschwester habe es erlaubt, so holte sie dem Mann das Bier. Aber in der Regel seien die Menschen sehr nah am Tod – da würden keine Wünsche mehr geäußert.

„Ich bekomme sehr viel, ich opfere mich nicht auf, diese Arbeit ist gut für mich“, sagt Susanne Müller. Denn als Sitzwache bekomme man „eine innere Berührung zu jemandem.“ Kurz vorm Tod sei alles sehr authentisch. Es sind intime Situationen, die man sonst nicht mit Fremden teilen würde.

Die Beschäftigung mit dem Tod hat auch ihren Blick aufs Leben gewandelt. „Ich bin gelassener geworden“, sagt sie. Sehr wichtig sind ihr zudem die Enkelkinder. Drei Enkeltage pro Woche sind für sie reserviert. An denen steht sie für die Sitzwache nicht zur Verfügung. Denn wenn sie etwas macht, dann richtig – das gilt für die Sitzwache wie für die Betreuung der Enkel.