Ein Leben mit der Strahlung

Von "Filder-Zeitung" 

Leinfelden. Zeitzeugen aus Weißrussland erzählen am IKG von ihren Erfahrungen nach dem GAU in Tschernobyl. Von Stefanie Käfferlein

Leinfelden. Zeitzeugen aus Weißrussland erzählen am IKG von ihren Erfahrungen nach dem GAU in Tschernobyl. Von Stefanie Käfferlein

Der 26. April 1986 ist ein schöner Frühlingstag. Alexander Ruchlja ist mit seiner Familie auf seinem neuen Grundstück in der Nähe von Gomel. "Wir wollten eine Datscha bauen", erzählt der Strahlenchemiker und ehemaliger Botschafter Weißrusslands. Es schien ein Tag wie jeder andere zu sein. Dass er das nicht war, erfuhr der Vater eines damals zweijährigen Sohnes erst sechs Tage später.

Der GAU, der "größte anzunehmende Unfall" im heutigen ukrainischen Tschernobyl jährt sich am 26. April zum 25. Mal. Doch vorbei ist die Katastrophe bis heute nicht. Die Menschen leiden unter den Folgen des Reaktorunglücks. Zahlreiche Gebiete sind wegen der hohen Strahlungswerte noch immer gesperrt, in vielen Gebieten müssen sich die Menschen mit der Strahlung arrangieren.

Gestern waren im Immanuel-Kant-Gymnasium (IKG) Irina Romaschevskaja, Chefärztin der Kinderkrebsstation in Gomel, Svetlana Biran, Schulleiterin des Gymnasiums in Wetka und Alexander Ruchlja zu Gast und berichteten von ihren Erfahrungen. Auf Einladung des Vereins der Freunde der Kinder von Tschernobyl, einer Gruppe im evangelischen Männerwerk Württemberg, verbringen sie mehrere Tage in Stuttgart. Der Verein fördert mit Spendengeldern die Leukämiestation für Kinder und Jugendliche in Gomel, das Gymnasium in Wetka und das Erholungszentrum Nadeshda nördlich von Minsk, dessen Gründungsvater Ruchlja ist.

"Zu den häufigsten Krankheiten gehören Schilddrüsenkrebs und Leukämie", berichtet Romaschevskaja den Schülern. "Schilddrüsenkrebs tritt etwa 30 mal häufiger auf, als vor der Katastrophe", sagt sie. Während die Chancen auf Heilung bei Schilddrüsenkrebs hoch seien, sterben an Leukämie 25 Prozent der Kinder. Ebenfalls vermehrt treten Krankheiten der Atemwege und der Verdauungsorgane auf. Viele Mädchen und Jungen haben ein geschwächtes Immunsystem.

Dass die Kinder aus radioaktiv belasteten Gebieten deutlich weniger leistungsfähig sind, weiß auch Schulleiterin Svetlana Biran. Ein solches Gebiet ist auch die Region Gomel. "Schon kurz nach der Explosion hat man gemerkt, dass bei uns die Strahlung hoch ist", erinnert sich Biran. Bäume wurden geschlagen, Straßen gewaschen und Dächer neu gedeckt. "Außerdem riet man uns, sich nicht lange im Freien aufzuhalten und es wurde uns verboten, in den Wald zu gehen." Dieses Verbot gilt bis heute, Beeren und Pilze dürfen nicht gegessen werden. "Unsere Kinder leben wie andere Kinder", sagt die Lehrerin, "sie sind aber mehr belastet, weshalb wir versuchen, ihnen die Bedingungen so gut als möglich zu machen." Dazu gehört, dass sie kostenlose Mahlzeiten erhalten, mit Lebensmitteln, die nicht verstrahlt sind. "Außerdem können unsere Kinder in Erholungseinrichtungen zu Kräften kommen", sagt Biran. In der Schule werden die Kinder sensibilisiert, dass sie mit ihrer Situation verantwortungsbewusst umgehen. "Sie sollen ja erwachsen werden und selbst einmal Kinder bekommen", betont auch Romaschevskaja.

Doch auch diese Kinder werden ein Leben führen, dass noch immer von der Normalität entfernt sein wird. Daher setzt die Ärztin ihre "ganzen Hoffnungen in die junge Generation". Ob es nach den Katastrophen in Tschernobyl und in Fukushima Überlegungen gebe, in regenerative Energien zu investieren und ob man in den Nachbarländern darüber nachdenkt, aus der Atomkraft auszusteigen, will ein Schüler wissen. "Zum Teil gibt es Versuche", sagt der Strahlenchemiker. "Diese sind aber noch immer zu wenig. Die Zahl der Atomkraftwerke steigt eher, als dass sie abnimmt." So seien für ein künftiges AKW in Weißrussland bereits Flächen ausgewählt.

"Ich war und bin ein Gegner der Atomenergie", betont Ruchlja. Was in Fukushima passiert ist, bedauert der Chemiker sehr. "In Tschernobyl war es menschliches und technisches Versagen", sagt er. "In Fukushima war es eine Umweltkatastrophe. Die Menschen tun mir sehr leid." Für Freunde in Japan haben er und seine Mitarbeiter jeder einen Wochenlohn gespendet und Briefe geschrieben. Ruchlja befürchtet: "Die Menge an Radioaktivität in Fukushima wird nicht weniger sein."