Weitere Bezirke
 
 

Ein neuer Freiraum für Stuttgarts Kreative

"Bad Cannstatt und Neckarvororte", 09.09.2011 02:46 Uhr
Wangen Viele Künstler undTüftler sind vom InnerenNordbahnhof in die Ulmer Straßegezogen. Von Martina Nicklaus

Es ist ein regnerischer Donnerstagabend im Gewerbegebiet von Stuttgart-Wangen. Dort, gegenüber der Kulturhaus-Arena, haben Künstler und Tüftler eine neue Heimat gefunden. Der Großteil von ihnen war bis Anfang des Jahres im Pfleiderer-Areal im Inneren Nordbahnhof beheimatet, das aber im Zuge der Bauarbeiten für Stuttgart 21 geräumt werden musste.

Die Tür zu Wangens neuem Kreativzentrum steht weit offen. Während in der Werkstatt im Erdgeschoss ein Schlosser arbeitet, wird im zweiten Stock am perfekten Sound gefeilt. Steffen Dix hat einen der Büroräume der früheren Baufirma an der Ulmer Straße zu einem Musikstudio umfunktioniert. Hier arbeitet der Musiker heute an seinem aktuellen Projekt "Endless": Dafür verwendet Dix die Knackgeräusche, die auf den Endlosrinnen von LPs zu hören sind, als Beats für seine Kompositionen. Später will er den Part von Sängerin Luise Gabel aufnehmen.

Dass in einem Gebäude viele Kreative unter einem Dach arbeiten, ist für den Musiker anregend und praktisch zugleich: Mit manchen seiner Büro-Nachbarn spielt er gemeinsam in mehreren, unterschiedlichen Bands, den Maler von gegenüber kennt er noch aus der Zeit am Nordbahnhof. "Es gibt Abende, an denen proben hier sechs Bands gleichzeitig", erzählt Dix. Auch er selbst, der Saxophon an der Stuttgarter Musikhochschule studiert hat und unter anderem in der Band Volxtanz spielt, muss mehrere Stunden pro Tag üben, um in Form zu bleiben.

Für den Fall, dass es im neuen Kreativzentrum doch einmal zu laut zugeht, hat er sich eine Studiobox besorgt: Was mit schallgedämpftem Holz wie eine Mini-Sauna wirkt, ermöglicht störungsfreies Aufnehmen neuer Musikstücke. "Es ist schade, dass wir das Areal am Nordbahnhof, diesen Freiraum, verlassen mussten", sagt Steffen Dix und blickt aus dem Fenster über die Dächer von Wangen, "doch so etwas könnte hier wieder entstehen."

Ein Stockwerk darunter geben Computer den Ton an. Als erster Mieter hat der Stuttgarter Hackerspace im ersten Stock einen gesamten Flügel bezogen. Auch die Hacker mussten ihre Räume im Pfleiderer-Areal verlassen und fanden auf Vorschlag des Vermieters Thomas Blau eine neue Bleibe in Wangen.

In dem Haus in der Ulmer Straße 255 haben die technikaffinen Kreativen von "Shackspace" gleich mehrere ehemalige Büroräume zur Verfügung. In Wohnküche und Gemeinschaftsraum schaffen Sitzsäcke, Autositze und der Snackautomat eine Art Jugendhaus-Atmosphäre. Dabei ist das Klientel nicht zwingend jung: Hier treffen sich Computerliebhaber zwischen 16 und 50. Die Idee des Freiraums für eine bestimmte Gruppe ist jedoch dieselbe: Hier können die Hacker nach Herzenslust programmieren, surfen oder an der perfekten Hardware basteln. Zum Löten, Filme schneiden oder für "Dreckarbeiten" gibt es jeweils einen eigenen Raum. Ohne Zeitlimit oder verständnislose Blicke von Nicht-Hackern.

Die eigene Definition von "hacken" ist den Mitgliedern sehr wichtig. "Das Wort hacken" wurde zuerst im Modelleisenbahnbau verwendet," sagt Jan Vanvinkenroye, der Vorsitzende des Hackerclubs, "und beschrieb die Arbeit von unten" an der Elektronik der Modelleisenbahn." Der Shackspace steht laut Vanvinkenroye für diesen explizit unpolitischen Bastleransatz.

Statt in fremde Systeme einzudringen, tüfteln die Stuttgarter Hacker lieber an atypischen Nutzungsmöglichkeiten von technischen Geräten. So öffnen die Mitglieder die Tür zum Shack mit Hilfe eines Codes über ihren Laptop oder ein internetfähiges Handy. Oder sie funktionieren einen Backofen so um, dass er filigrane Schaltkreise auf eine Platine lötet.

Anders als seine Hacker-Kollegen, von denen die meisten hauptberuflich Informatiker sind oder diesen Beruf zumindest anstreben, ist Jan Vanvinkenroye gelernter Sozialpädagoge. Erst vor ein paar Jahren hat er sein Hobby zum Beruf gemacht und arbeitet als Informatik-Lehrer. "Er ist oft so unangenehm schlichtend," sagt Hadez grinsend über Jan. Der ganz eigene Hacker-Humor ist legendär und in beinahe jedem Gespräch hier hörbar. Dass der 28-jährige Informatiker in den Räumen des Shackspace ganz selbstverständlich mit seinem Hacker-Pseudonym angesprochen wird, gehört genauso dazu.

Langsam füllt sich an diesem Donnerstagabend schließlich der Seminarraum des Shackspace zum wöchentlichen Plenum. Schließlich steckt hinter jedem noch so kreativen Freiraum auch eine Menge Arbeit und Organisation.