Ein Pädophiler erzählt Leben mit dem Tabu

Von Akiko Lachenmann 

Pädophile haben in unserer Gesellschaft keine Möglichkeit, sich zu ihrer Neigung zu bekennen. Ein Outing zerstört automatisch ihre bürgerliche Existenz, auch wenn sie sich nichts zuschulden kommen lassen. Einblicke in ein geheimes Dasein.

Pädophile leben mit dem Dilemma sich zu Kindern hingezogen zu fühlen. Foto: dpa
Pädophile leben mit dem Dilemma sich zu Kindern hingezogen zu fühlen.Foto: dpa

Stuttgart - Er schließt nie ab, wenn er seine Wohnung verlässt. So ein Einbruch wäre doch nicht weiter tragisch, sagt er. Jeden Tag zu sehen, dass nichts passiert ist, hilft Thorsten Brandmeier (Name geändert), mit einem anderen Risiko umzugehen, vor dem er ungleich mehr Angst hat. Das Risiko nämlich, dass jemand in sein Innenleben einbricht und das entdeckt, was er lange Zeit selbst nicht wahrhaben wollte. Eine Eigenschaft, die, wenn sie bekannt würde, seine bürgerliche Existenz vernichten würde. Thorsten Brandmeier liebt Kinder.

Er ist einer von ungefähr 300 000 pädophilen Männern in Deutschland. Die wissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass sich mindestens einer von 100 Männern sexuell zu Kindern hingezogen fühlt. Brandmeier nennt seinesgleichen „die grauen Punkte in unserer Gesellschaft“, die sich zu ihrer Neigung nicht öffentlich bekennen können. Die auf ein unauffälliges Dasein bedacht sind und stillschweigend hinnehmen müssen, wenn in den Medien Pädophile dämonisiert und mit Kinderschändern gleichgesetzt werden. Das tue weh, sagt Thorsten Brandmeier.

Pädophile ängstigen die Gesellschaft

Sie sind stigmatisiert wie kaum ein anderer Personenkreis. Bei Pädophilen denkt man an geile Männer, die sich im Gebüsch von Spielplätzen herumtreiben, um über wehrlose Kinder herzufallen. In der Fachzeitschrift „Archives of Sexual Behavior“ erschien kürzlich eine Studie von Wissenschaftlern vom Institut für Klinische Psychotherapie an der Technischen Universität in Dresden, in der 800 Menschen in deutschen Fußgängerzonen nach ihren Empfindungen gegenüber Pädophilen gefragt wurden.

14 Prozent der Befragten wünschten diesen, auch wenn sie sich nie etwas zuschulden haben kommen lassen, den Tod. Unter Online-Befragten im englischsprachigen Netz waren es sogar 27 Prozent. 39 Prozent der befragten Fußgänger würden Pädophile sofort einsperren lassen. „Pädophile ängstigen die Gesellschaft so sehr, dass eine rationale Debatte über den Umgang mit ihnen kaum möglich ist“, stellt Sara Jahnke fest, eine Mitautorin der Studie. Kriminalstatistiken, denen zufolge die Mehrheit der Sexualstraftäter, die sich an Kindern vergangen haben, gar nicht pädophil sind, ändern daran nichts.

Thorsten Brandmeier ringt einige Wochen lang mit sich, bis er zu einem Treffen bereit ist. Da sei diese ständige Paranoia, dass sein Geheimnis auffliegt, sagt er in einem der Telefonate vor dem Treffen. Am größten sei das Misstrauen gegenüber Journalisten. „Erst kürzlich hat sich wieder ein RTL-Journalist mit versteckter Kamera in einen Pädophilentreff geschmuggelt“, erzählt er. Anschließend habe der Journalist die Polizei alarmiert. Auch aus diesem Grund macht Brandmeier einen großen Bogen um Gesprächskreise und Selbsthilfegruppen. Bewusst habe er keinen Beruf gewählt, der irgendwie mit Kindern zu tun hat. „Ein zu langer Blick, ein vager Verdacht, und du musst deine Koffer packen und auswandern“, sagt er.

„Ich will einen Gegenentwurf skizzieren“

Am Ende obsiegt sein Bedürfnis, sich zu zeigen als einen Menschen, der verantwortungsbewusst mit seiner Neigung umgeht. Der weder seine sexuellen Bedürfnisse mit Kindern auslebt noch dazu therapeutische Hilfe benötigt. Zu viel sei geschrieben worden über obsessiveTäter in Therapie, beklagt Thorsten Brandmeier. Ihre Porträts verzerrten die Realität und nährten die Angst und Abscheu der Gesellschaft gegenüber pädophilen Männern. „Ich will die Probleme, die mit meiner Neigung verbunden sind, nicht verharmlosen“, betont er mehrmals am Telefon. „Ich will nur einen Gegenentwurf skizzieren zur herrschenden Vorstellung, dass jeder Pädophile seelisch gestört ist.“

Am Treffpunkt erscheint ein bärtiger Mann in den 30ern mit fröhlichen Augen. Er trägt ein grünes Poloshirt, schwarze Jeans, Asics-Turnschuhe – bewusst gewählte Durchschnittskluft. Thorsten Brandmeier ist ein selbstbewusster, gebildeter Mann, der über seine Gefühle zu sprechen vermag. „Können wir spazieren gehen?“, fragt er. Das helfe beim Erzählen.