Nika Bacikadze hat ein Händchen für Elektronik. Gelassen stöpselt der 20-Jährige einen tragbaren Computer an ein paar Kabel, die aus der Mittelkonsole eines weißen Ford Mondeo heraushängen. Er wartet, bis blaue Balken und seltsame Diagramme über den Bildschirm laufen, verfolgt mit konzentriertem Blick die endlose Zahlenkolonne. Bis er mit einem Stift auf eine bestimmte Zeile deutet - er hat einen Fehler gefunden.
Seit eineinhalb Wochen arbeitet Nika Bacikadze nun bei Ford Epple in Rutesheim. Der junge Georgier ist der erste Praktikant aus seinem Land, den es hierher verschlagen hat. Obwohl er zu Beginn kaum ein Wort Deutsch konnte, ist sein Werkstattmeister Erich Conle voll des Lobes. "Er wollte von Anfang an gleich alles wissen, ist mit unheimlich viel Energie bei der Sache", sagt der 56-Jährige. Nika Bacikadze steht daneben und lächelt - dass er seinen schwäbischen Meister nach so kurzer Zeit schon recht gut versteht, ist ebenfalls ein Zeichen für seinen Wissensdurst.
Dieser kommt nicht von ungefähr. Nika Bacikadze hat sich das Praktikum in Rutesheim hart erarbeitet. Daheim in Georgien hat er eine einjährige Ausbildung zum Automechaniker als Bester seines Jahrgangs abgeschlossen. Die Reise nach Deutschland war dafür die Belohnung. Sie wird sicher ein Pluspunkt sein, wenn er sich in seinem zwar schönen, aber armen Heimatland auf die Suche nach einer Stelle macht.
Genau darum geht es bei dem Projekt, das der Weissacher Matthias Hettinger mit eingefädelt hat. Als zweiter Vorsitzender des Fördervereins für internationale Beziehungen im CVJM (FIB) hat er seit Jahren enge Kontakte zu einem Kinderheim in Kodjori bei Tiflis. Das Heim hat aus Weissach auch schon viel Unterstützung bekommen und sich gut entwickelt. "Doch mit 18 Jahren müssen die jungen Leute das Heim verlassen. Ohne Arbeit stehen sie dann auf der Straße", weiß der Weissacher aus Erfahrung.
Um dies zu ändern, hat der FIB zusammen mit seinen georgischen Partnern des Vereins "Life Chance" nach deutschem Vorbild eine duale Ausbildung von Automechanikern gestartet. In einer eigenen Lehrwerkstatt, aber auch in den Werkstätten von Partnern wie Mercedes Benz, bekommen 25 junge Männer ein Jahr lang theoretischen und praktischen Unterricht. Wer gut ist, hat hinterher auf dem Arbeitsmarkt eine Chance - in einem Land, das sonst nur für 60 Prozent eines jeden Jahrgangs Studienplätze und Ausbildungschancen bereit hält. "Ziel des Ganzen ist es, ein so genanntes Social Business aufzubauen, das benachteiligte Jugendliche ausbildet und trotzdem genug erwirtschaftet, um ohne Hilfe von Außen zu überleben", beschreibt Matthias Hettinger die Grundidee.
Nika Bacikadze soll darum nur der erste junge Georgier sein, der am Ende seiner Lehre zum Praktikum nach Deutschland gefahren ist. Das zweite Standbein von Life Chance entsteht gerade: In der Altstadt der Hauptstadt Tiflis, dort wo auch Touristen hinkommen, hat vor kurzem ein Lehrrestaurant eröffnet. Hier sollen auch Mädchen eine Ausbildung bekommen. "In Georgien gibt es kein soziales Netz. Wenn wir keine Brücken in den Arbeitsmarkt bauen, haben diese jungen Menschen keine Zukunft", betont Matthias Hettinger, bei dem Nika Bacikadze derzeit wohnt. Dabei sei sein georgischer Gast das beste Beispiel, dass sich der Einsatz lohnt. Der hat inzwischen das nächste Prüfgerät in einen Ford Focus gesteckt. "Deutschland ist gut!", sagt Nika Bacikadze grinsend. Nächste Woche geht es in die Berufsschule. Auch da will der junge Mann aus dem Kaukasus wieder jede Menge lernen.


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