Ein Sport vor dem Olympia-Aus Ringen um Fassung

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Die Wut angesichts der bevorstehenden Streichung aus dem Olympiaprogramm ist groß bei den Clubs der Ringer – trotz aller Probleme.

Faszination Ringen: der TSV Musberg hat in seinen Bundesligazeiten nicht über mangelndes Interesse klagen können Foto: Baumann
Faszination Ringen: der TSV Musberg hat in seinen Bundesligazeiten nicht über mangelndes Interesse klagen könnenFoto: Baumann

Stuttgart - Manfred Wanner hat am Mittwoch ein 16 Jahre altes Papier aus der Schublade geholt. Zuvor hatte er beim Frühstück zu Hause in Holzgerlingen in der Zeitung gelesen, dass Ringen aus dem Olympiaprogramm fliegen soll. Ein Schock – und die Zeit, mal wieder in alten Unterlagen zu blättern, die zeigen, wie lange der Überlebenskampf schon dauert.

Damals wollte Manfred Wanner mit seinen Mitstreitern Karl Maier (Aalen) und Egon Janz (Duisburg) helfen, das Ringen zu retten, und formulierte unter anderem diesen Satz: „Will der Ringkampfsport als olympische Sportart auf Dauer seine Existenz sichern, muss er die Kraft zu Reformen aufbringen.“ Diese Zeilen stehen in der „Offensive 2000 – Empfehlungen der Strukturkommission des Deutschen Ringer-Bundes“. Ein Satz aus dem April 1997, als die Verfasser das Ringen schon am Abgrund sahen. Im Februar 2013 nun ist man einen Schritt weiter.

Manfred Wanner war lange Jahre Vorsitzender des KSV Holzgerlingen, der heute 65-Jährige war im Württembergischen Ringer-Verband aktiv und auch im Deutschen Ringer-Bund (DRB), noch heute macht er den Hallensprecher bei seinem Heimatverein. Er liebt diesen Sport, und er weiß so gut wie nur wenige, dass das Ringen es zwar nicht verdient hätte, aus dem Olympiaprogramm zu fliegen, aber dass der Sport seit Jahren gewaltige Probleme ungelöst vor sich herschiebt.

Ein Sport mit großer Geschichte und großen Problemen

„Die Kraft zur Erneuerung hat immer gefehlt“, sagt Wanner selbstkritisch und spricht von „Unfähigkeit der Funktionäre“. Nicht nur in Deutschland. Das 50-seitige Papier mit innovativen Vorschlägen zur Präsentation, den Regeln und der Darstellung erblickte nie das Licht der Ringeröffentlichkeit. Verstaubte in Schubladen. Typisch. „Jetzt zahlen wir die Zeche dafür.“ Für die jahrelange Misswirtschaft.

Ein zweifellos viel zu hoher Preis, auch wenn die Probleme groß sind. Wie etwa die selbst bis in untere Ligen gängige Praxis, bezahlte Ausländer, vornehmlich aus dem Osten, zu den Kämpfen in die Hallen zu holen. Auch das Regelwerk und manche Änderung haben nicht dazu beigetragen, Ringen für Außenstehende nachvollziehbarer zu machen. Dazu kommt eine bisweilen katastrophale Außendarstellung auf internationaler Ebene durch den Weltverband Fila wie auch auf nationaler – man denke da nur etwa an das jährliche Theater, wenn Mannschaften um jeden Preis einen Aufstieg in die teure Bundesliga verhindern wollen. Die Arbeit des deutschen Verbandes war häufig geprägt von Grabenkämpfen zwischen Verband und Vereinen, oft warf man sich Unfähigkeit und Egoismus vor.

Das Land Baden-Württemberg und die Region haben eine große Geschichte in dem archaischen Zweikampf und eine lebendige Gegenwart, die ohne Olympia zerbrechen könnte. Der ASV Nendingen (bei Tuttlingen) schaffte es zuletzt bis ins Meisterschaftshalbfinale, Germania Weingarten war 2011 und 2012 Deutscher Meister. Der ASV Germania Freiburg, gegründet 1885, ist einer der ältesten Clubs in Deutschland. Ringen hat auch in der Region eine respektable Gegenwart mit vielen rührigen Vereinen wie dem TSV Musberg, dem mehrmaligen Meister KSV Aalen oder dem 1895 gegründeten KV Stuttgart.

Die Attraktivität muss gesteigert werden

In den Hochzeiten dieses Sports kämpfte Aalen 1984 vor 8000 Zuschauern in der Schleyerhalle um den Titel. Später stolperte der Verein über nicht abgeführte Steuern, ist aber noch immer erstklassig, auch wenn das Geld knapp ist. Wie überall in der Liga. Musberg wurde 2010 erstklassig und wollte sich mit Eigengewächsen den Gesetzen der Branche widersetzen. Nach zwei Jahren zog man zurück, um sich selbst treu zu bleiben, statt sich weiter am allgemeinen Wettrüsten zu beteiligen.

Markus Scheibner ist Trainer in Musberg, in Frank Stäbler hat der TSV einen Europameister und Olympiafünften hervorgebracht. Scheibner ist noch immer fassungslos – aber auch überrascht von der Welle der Solidarität, selbst von Leuten, die mit seinem Sport nichts anfangen können. „Das zeigt mir, wie sehr man Olympia mit Ringen verbindet“, sagt er. „Am schlimmsten ist es für die Kinder, die trifft es hart.“ Auch er glaubt aber, dass es Veränderungen braucht: „Wir müssen attraktiver werden.“

Ohne Olympia kein Geld, ohne Geld keine Zukunft

Viele hoffen nun, dass sich endlich etwas tut und es Innovationen gibt – dass die größte Krise des Sports wenigstens etwas Positives hervorbringt. Sei es bei der Präsentation, den Regeln oder durch eine neue Festlegung der Stilarten und Gewichtsklassen, wie der DRB jetzt etwa vorschlug, um den Platz bei Olympia noch zu retten.

Ringen ist aktuell ein Zombie, nicht tot, nicht lebendig. Wenn der Rauswurf final beschlossen werden sollte – was nach der weltweiten Empörung mittlerweile aber nicht mehr als sicher gilt –, könnte Ringen schnell von gestern sein. Ohne Olympia kein Geld, ohne Geld keine Zukunft.

In Holzgerlingen werben sie mit Flyern um Nachwuchs, das Wort „olympisch“ steht darauf. Olympia zieht, weil jeder Olympia kennt. Manfred Wanner sagt: „Das können wir jetzt alles in die Tonne kloppen.“

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