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Ein uraltes Nischenprodukt Adventskalender
"Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg", 07.12.2011 02:46 Uhr
Ein kleines, unauffälliges Gefäß haben vor drei, vier Jahren Archäologen aus dem Boden im Osten Pattonvilles geborgen. Es lag in einem frühmittelalterlichen Grab neben dem Kopf des Bestatteten. Dass es dort überhaupt noch lag, war einem glücklichen Umstand zu verdanken: Grabräuber haben es bei ihrer unrühmlichen Tätigkeit übersehen. Ein Glockenbecher ist in seiner Unauffälligkeit aber auch kein Blickfang, zumindest so lange er von Lehm verdreckt ist . . .

Aber jetzt hat der kleine Becher - nein, nicht etwa eine eigene Straße, aber immerhin einen eigenen Weg bekommen: Den Glockenbecherweg. Er befindet sich in Pattonville, auf der Remsecker Seite. In dem Bauabschnitt erinnern andere Wege wegen der in der Nähe vorgefundenen Grabstätten und früheren Ansiedelungen an die Kelten, die Merowinger und die Franken. Es gibt einen Pliniusweg und einen Spathaweg. Eine Spatha ist übrigens ein zweischneidiges Schwert, das auch als Grabbeigabe diente.

Paul Reinecke, ein Prähistoriker, soll Anfang des 20. Jahrhunderts den Begriff Glockenbecher geprägt haben. Ab 2600 vor Christus tauchten diese Gefäße mit flachem Standboden und S-förmigem Profil in Süd-, West- und Mitteleuropa auf. Ihre Hersteller beherrschten schon die Kunst der Metallurgie, aber nicht alle Historiker wollen von einer Glockenbecherkultur sprechen.

Jörg Bofinger, der als Archäologe des Landesamts für Denkmalschutz die Ausgrabungen in Pattonville geleitet hat, hat in der 19. Ausgabe der Kornwestheimer Geschichtsblätter die Funde in Pattonville detailliert beschrieben. Der Glockenbecher lag demnach im Grab 112 (insgesamt wurden über 200 Gräber entdeckt). Grabräuber hatten die Knochen des dort Beerdigten durcheinander geworfen. Die Gebeine unterhalb der Schultern haben sie in den Westteil der Grabgrube geschoben. Vermutlich haben die Grabräuber über einen engen Schacht die Begräbnisstätte nach Beigaben "abgefischt".

Aber sie übersahen einiges: einen kleinen Eisenpfriem und die Klinge einer Axt. In originaler Fundlage befand sich laut Bofinger lediglich der linke Unterschenkel, der über einem bronzenen Becken mit Perlrandverzierung lag. "Eine Besonderheit bildet eine Nische", schreibt Bofinger, "die sich im Westen, südlich an die Grabgrube angrenzend befand. In der Nische war ein vollständig erhaltener kleiner Glockenbecher aus Glas deponiert."

Was sich insgesamt bei den Ausgrabungen in Pattonville gut dokumentieren ließ, war das Vorgehen der Grabräuber. Die konnten offensichtlich an der Grabstätte erkennen, ob es sich um eine männliche oder eine weibliche Person im Grab handelte, und sondierten mittels Eisenstangen Hohlräume. Bei Frauen suchten sie im Brustbereich, auf Schmuck spekulierend, bei Männern auf Höhe der Körpermitte und der Beine, wo Ausrüstung und Waffen niedergelegt wurden.

90 Prozent der Gräber in Pattonville waren geplündert. Die älteste Spuren, die zwischen Aldingen und Pattonville gefunden wurden, datieren aus der Jungsteinzeit (drittes Jahrtausend v. Chr.). Funde aus dem Frühmittelalter werden derzeit in Tübingen, im Museum der Universität Tübingen MUT, Schloss Hohentübingen, Burgsteige 11, gezeigt. Geöffnet ist die Ausstellung mit dem Titel "Entdeckungen" mittwochs bis sonntags, 10 bis 17 Uhr, donnerstags bis 19 Uhr. bk

Von 1 bis 24 In der Adventszeit werden wir Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, jeden Tag einen anderen Straßennamen aufschlüsseln.

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