Filder-Zeitung
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Völliger Kontrollverlust des Menschen über sein Leben ist die Definition der Stasi von Zersetzung", sagt Karsten Dümmel in seinem Vortrag, der sich an die neunten Klassen des Immanuel-Kant-Gymnasiums (IKG) richtet. Noch einmal wiederholt er den Satz und schaut dabei eindringlich in sein Publikum. Dümmel ist in der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik (DDR) geboren worden und somit Zeitzeuge der damaligen Parteidiktatur durch die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED). Mit der Gründung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Jahr 1950 - auch bekannt unter der Abkürzung Stasi - hatte die SED einen eigenen Überwachungsapparat, um die Bevölkerung bis in die intimsten Lebensbereiche zu kontrollieren .
Als Gründungsmitglied eines oppositionellen Arbeitskreises Mitte der 70er Jahre wird Dümmel die Zulassung zum Literaturstudium verweigert, der Arbeitsplatz wird ihm entzogen, und innerhalb von 28 Jahren ist der heutige Landesbeauftragte der Konrad-Adenauer-Stiftung viermal festgenommen worden - nach Bespitzelungen der Stasi. Bis zum Freikauf 1988 in die Bundesrepublik Deutschland (BRD). "Das erste Mal musste ich mit 16 Jahren ins Gefängnis", erinnert sich Dümmel.
Judith Schlumberger, seit Anfang des Jahres als Studienreferendarin am IKG tätig, kennt Dümmel aus dem Seminar für Didaktik und Lehrerbildung und hat den Kontakt hergestellt. "In den neunten Klassen steht das Thema DDR auf dem Lehrplan, und ein Zeitzeuge kann das gut veranschaulichen", sagt Schlumberger.
Gebannt hörten die Neuntklässler zu, als Dümmel von seinen Erfahrungen erzählt: "Ihr müsst davon ausgehen, dass wir zwar die gleiche Sprache gesprochen haben, aber die Stasi andere Inhalte" verstanden haben wollte. Ein Gemeindezentrum sei dabei schnell zu einem Ort von Oppositionellen deklariert worden.
Angebliche politische Gegner wurden in die Kategorien "feindliche Person, feindlich negative Person oder verfestigt feindliche Person" eingestuft, sagt Dümmel. Allein der Verdacht sei dann Grundlage für weitere operative Vorgänge gewesen. "Post- und Telefonkontrollen oder Beobachtungen an der Arbeit wurden zur Verunsicherung eingesetzt", erklärt Dümmel die Praktiken der Stasi. Und das meist durch inoffizielle Mitarbeiter (IM) in zivil. Ob Nachbar, Arbeitskollege, selbst der eigene Partner hätte ein Spitzel sein können. "Das zentralste Dokument der DDR enthielt Zersetzungsmaßnahmen wie die Zerstörung des öffentlichen Ansehens und die systematische Organisation von beruflichen Misserfolgen", sagt Dümmel. Das Ziel: totale Kontrolle. Auf die Frage einer Schülerin, wem er noch vertraut habe, gibt er zu: "Man spielte Hase und Igel. Ich habe außer mit meiner Frau und meiner Tochter mit niemanden mehr geredet."



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