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Ein Zentrum für jüdisches Leben entsteht
"Filder-Zeitung", 20.01.2012 02:46 Uhr
Esslingen In der Stadt gibt es schon bald wieder eine Synagoge. Damit geht eine 70-jährige Wartezeit zu Ende. Von Ulrich Stolte

Die Verträge sind zwar noch nicht unterschrieben, doch beide Seiten haben sich geeinigt. Der Notartermin sei für Ende Januar anberaumt, bestätigt Roland Karpentier, der Esslinger Pressesprecher. "Wir gehen davon aus, dass es klappt", sagt er. Das mittelalterliche Gebäude wird der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) in Erbpacht übergeben. Das heißt, nach einer Grundsanierung muss die Gemeinschaft das Gebäude, in dem zuletzt die Galerie Kunst im Heppächer untergebracht war, selbst unterhalten.

Schon im Jahre 1819 hatte die jüdische Gemeinde das ehemalige Zunfthaus der Schneider im Heppächer gekauft. Dabei hatte sich die Gemeinde derart verschuldet, dass sie das gotische Fachwerkhaus erst 1889 renovieren konnte. Um diese Zeit hatte das jüdische Leben der Stadt einen Höhepunkt erreicht, vor allem durch den Bau des jüdischen Waisenhauses. 1938 wurde die Synagoge von den Nationalsozialisten gestürmt und verwüstet, im März 1940 musste die jüdische Gemeinde das Haus an die Stadt weit unter Wert verkaufen. Kurze Zeit später wurde ein Heim für die Hitlerjugend daraus. Das Fachwerkhaus wurde komplett entkernt, damit nichts mehr an das jüdische Leben darin erinnert. Nach dem Krieg kam das Gebäude in den Besitz der Jewish Restitution Successor Organisation, von der es die Stadt für 35 000 Mark abkaufte. Im Preis inbegriffen waren der Garten und die beiden jüdischen Friedhöfe. Damals aber verpflichtete sich die Stadt, "ihr Möglichstes zu tun, um einen Raum für Gottesdienste nachzuweisen, sollte sich wieder eine jüdische Gemeinde in Esslingen bilden".

Diese Verpflichtung hat die Stadt sehr ernst genommen. Nachdem die Galerie Kunst im Heppächer im Jahr 2010 ihre Pforten geschlossen hatte, war die Stadtverwaltung auf die IRGW zugegangen, um ihr eine Nutzung als Synagoge anzubieten, zumal nach der großen Einwanderungswelle in den 90er Jahren inzwischen wieder etwa 200 Juden im Kreis leben, wovon sich etwa 100 Mitglieder aktiv in der Gemeinde engagieren. Nach langen Verhandlungen, bei denen es vor allem um die Innenrenovierung ging, hat man sich jetzt auf eine Übergabe in Erbpacht geeinigt. Sowieso sind den Umbauten Grenzen gesetzt, weil das Haus unter Denkmalschutz steht.

Die IRGW kommentiert den Vorgang nicht, bestätigt aber, dass man auf einem gutem Weg sei. Sobald die Verträge unterschrieben seien, werde man sich an die Öffentlichkeit wenden, hieß es aus Stuttgart. Damit herrscht nicht nur Einigkeit zwischen der IRGW und der Stadtverwaltung. Auch der Gemeinderat und der Oberbürgermeister Jürgen Zieger begrüßen es einhellig, dass sich nach 70 Jahren wieder jüdisches Leben in der Stadt entfaltet.

Das Interesse am jüdischen Leben in der Stadt ist groß. Der Verein Denkzeichen, der den alten jüdischen Friedhof in der Beutau betreut, hat im vergangenen Jahr etwa 800 Besucher gezählt. Die ummauerte Grabstätte gilt als der älteste jüdische Friedhof der Stadt. Dort sind nach den Verwüstungen, die die Nationalsozialisten angerichtet haben, allerdings nur noch wenige Grabsteine erhalten. Eine weitere jüdische Grabstätte befindet sich auf dem Ebershaldenfriedhof.

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