Krimikolumne

Eine Begegnung mit Joe R. Lansdale „Herr Lansdale, ist der Krimi ein mieses Genre?“

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Für die StZ-Porträtreihe „Begegnung mit ...“ unterhalten wir uns mit Kulturschaffenden über Ernstes und Komisches. Mit dem texanischen Autor Joe R. Lansdale, der Krimis, Horror, Western und Comics schreibt, hat Thomas Klingenmaier über Statusfragen gesprochen.

Joe R. Lansdale macht auch Kampfsport. Foto: laif
Joe R. Lansdale macht auch Kampfsport. Foto: laif

Stuttgart - In Texas, so stellen wir uns das in Deutschland vor, gibt es viel Himmel, endlose Weiden, horizontweite Rinderherden, dürre Wüsten, viele Klapperschlangen, noch mehr Pferde und auf jedem Pferd einen Cowboy. Und, ach ja, dieser moderne Nachsatz blitzt noch ins Gehirn, es gibt das Ölintrigantengezücht Marke „Dallas“, J. R. und Konsorten.

Der im Osten des auf seine konservativen Eigenarten bajuwarisch stolzen Bundesstaates lebende Schriftsteller Joe R. Lansdale kennt solche Texas-Assoziationen nur allzu gut. Auch viele Amerikaner denken sofort an Stetson-Hüte, wenn die Rede auf Texas kommt. Weshalb Lansdale gleich mal eines klarstellt: „Osttexas ist nicht der Westen. Wir sind eher ein Teil der Südstaaten, von der Geografie, von der Mentalität, von der Sprache her.“

Er spricht die Sprache des Südens

Seine Zunge ist sein Zeuge: wie der 1951 in Gladewater geborene Lansdale die Worte formt, das räumt jeden Zweifel an der Zugehörigkeit zur Südstaatenkultur beiseite. Der texanische Dialekt ist berüchtigt für Schnarrer und Schepperer, für den „Texas twang“. Wer den beherrscht, der klingt, als ob man ihm ein paar kleine Metallstimmzungen einer Mundharmonika in die Stirnhöhle gepflanzt hätte, wo sie nun bei all den extrem lang gestreckten Vokalen des Slangs der Cowboyerben nölend mitschwingen.

Lansdale rollen die Worte weich aus dem Mund, wie das für die Sprechweise des Südens typisch ist. Er klingt wie ein Mann, der beim Sprechen halb ins Singen kommt, sich dabei aber noch Reste von Karamellcreme aus den Backentaschen schleckt.

Ein Triumph über den Snobismus

Auch Dialekte kennen ihre sozialen Differenzierungen, sind aber im Großen und Ganzen Gleichmacher. Oben und Unten rücken durch Dialekt näher zusammen, zumindest im Verhältnis zu jenen Eliten, die sich durch eine kühle Hochsprache von ihrer regionalen Herkunft und Prägung absetzen. Lansdale hat eine Sprachfärbung, die auch den Kleinfarmern, Tagelöhnern und Dorfkrämern einer einst sehr armen Gegend eigen ist. Dass er sie pflegt, statt sie zu verstecken, ist Programm. Der bei uns immer noch nicht hinreichend bekannte Lansdale sieht seine Karriere als Triumph über Snobismus, Arroganz und Dünkel.

Er schreibt das, was viele gerade hierzulande näher am Mülleimer als an einem Regal mit den Werken von William Faulkner, Cormac McCarthy und anderen Schwergewichten der amerikanischen Literatur aus dem Süden und Westen platzieren möchten: Krimis, Horror, Western, Comics, Drehbücher. Aber Abqualifizierung ist kein deutsches Phänomen. „Man hat mich am Anfang meiner Karriere als Genreautor gesehen, und auch bei uns in USA schwingt in so einer Bezeichnung immer das ‚nur‘ mit.“