Eine Familie berichtet Steuerfrei
Ariana Zustra, 27.01.2013 08:52 Uhr
Die StZ-Mitarbeiterin Ariana Zustra mit ihren Eltern Hari und Sonja vor der Bushaltestelle am Landungsplatz in ÜberlingenFoto: Michael Steinert
Überlingen - Meine Familie ist ganz normal. Wir sind nicht vorbestraft, zahlen unsere GEZ-Gebühren, gucken hin und wieder „Wetten, dass . . .?“ und gehen samstagmorgens auf den Wochenmarkt. Und wir haben kein Auto und auch keinen Führerschein, meine Mutter nicht, mein Vater nicht, ich nicht.
Wenn wir das sagen, reagieren Menschen manchmal, als kämen wir aus dem Dschungelcamp. Man kann keinen Fernseher haben, keine Freunde, keine Ehre – aber keinen Führerschein? „Wie kann man denn so überleben?“, entgegnen uns dann einige – halb entsetzt, halb mitleidig. Meine Eltern und ich verfügen, Gott sei Dank, über jeweils zwei gesunde Beine, Atmung und Herzschlag sind gleichmäßig, zudem nehmen wir in regelmäßigen Abständen Nahrung auf – so gesehen, hat das Überleben bis jetzt gut geklappt.
Meist schließt sich die Frage an, wie wir diese Nahrung beschaffen. Das spielt sich folgendermaßen ab: Wir gehen in den Supermarkt, suchen uns etwas aus, bezahlen und bringen die Einkäufe dann nach Hause. Diese Vorgehensweise hat sich bis jetzt ebenfalls als erfolgreich erwiesen. Meine Eltern, 55 und 50 Jahre alt, ziehen mit einem zweifachbereiften Trolley los, ich schnalle meinen Rucksack auf oder verstaue Kartoffeln und Dinkelbrot auf dem Fahrradkorb. Bierkästen kaufen wir nie, nur ab und zu eine Flasche Wein, und Wasser trinken wir gern aus der Leitung. So kann man natürlich keine großen Vorräte anhäufen. Nach zwei Tagen ist schon mal die Milch leer, dann holt man sich auf dem Heimweg von der Arbeit neue.
Manche Leute schauen schon irritiert, wenn meine Mutter das Omawägelchen hinter sich herzieht. Andere kann sie wenigstens zum Lachen bringen. So wie den Taxifahrer, dem sie mal vor einem Baumarkt den Rücksitz mit Brettern vollgestapelt hat. Ein Blickfang ist auch, wie sie alljährlich den Weihnachtsbaum aufs Fahrrad schnallt und den Berg hochschiebt.
Kindheitserinnerungen von Zugfahrten in den Urlaub
Glücklicherweise gelangt man auch ohne Führerschein von einem Ort zum anderen. Zu Fuß oder auf dem Fahrrad, per Bus oder Bahn. Sei es zur Arbeit, in die große Stadt oder in den Urlaub. Für mich sind es wunderschöne Kindheitserinnerungen, wie wir mit dem Zug in die Sommerferien ans Meer fuhren. Wir fläzten in einem Abteil, das wir ganz für uns und unsere vier, fünf Koffer hatten, mampften belegte Brote, spielten „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und ließen den Blick über vorbeiziehende Felder, Flüsse, Berge schweifen.
Er würde sich nicht gern stundenlang hinters Steuer klemmen und auf die Autobahn konzentrieren, sagt mein Vater immer. Er genießt viel lieber die Ruhe einer Zugfahrt, dass er ein gutes Buch lesen kann. Meine Mutter freut sich über nette Gespräche mit Reisenden. Auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein bedeute nicht unbedingt weniger Freiheit, sagt mein Vater. Ein Auto sei eine so große Investition. Man muss es tanken, pflegen, versichern, reparieren. Wo bleibe da die Freiheit? Von den Kosten ganz zu schweigen.
Mit Zug und Bus dauert alles viel länger, heißt es. Der Deutsche spart ja gern, auch seine Zeit. Die Schweizer haben Uhren, die Kroaten haben Zeit, sagt mein Vater gern. Er stammt aus Dubrovnik, einem Küstenstädtchen in Dalmatien, wo der Schriftsteller George Bernard Shaw das „Paradies auf Erden“ gefunden zu haben glaubte. Tempo ist nicht gerade das herausragendste Merkmal waschechter Dalmatiner.





'wie andere Menschen es schaffen...', MIT Auto zu überleben!!
In einer Stadt wie Stuttgart, wo man vieles, sehr vieles mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln und in Einzelfall mit CarSharing (Kleinwagen, Sportwagen, Familienauto, Ferienauto, Umzugsauto, 9Sitzer!!!) machen kann. Reduziert auch noch die Unfallwahrscheinlichkeit, wenn man ÖPNV nutzt. Schont wirklich die Kasse! Ich habe früher bis zu EUR 12.000 pro Jahr für ein doch relativ kleines Auto ausgegeben (Gesamtkostenbetrachtung, gell) und VVS-Monatskarte. Heute: ca. 1.000 im Jahr fürs Stadtmobil + Monatskarte. Macht: ca. EUR 11.000 im Jahr gespart. Oder für Urlaub. Oder sonstwas. Biddeschöön.
Irritiert
Ich bin etwas irritiert, weil ich nicht verstehe, dass bzw. weshalb die Familie meint, sich rechtfertigen zu müssen. Letztlich kann das doch jeder machen wie er will Ich rechtfertige mich ja auch nicht, dass ich ein Auto besitze, dass nicht besonderes umweltfreundliche ist. Manchen Menschen haben die Wahl auch nicht, etwa weil Sie beruflich auch mit dem Auto fahren müssen oder weil Sie schlicht so schlecht in das ÖPNV-Netz eingebunden sind. Jedenfalls empfinde ich Hochachtung, wie die Familie ihr Leben organisiert und damit glücklich ist. Für mich wäre es nichts, aber das ist ja auch egal. Solange ich mich nicht rechtfertigen muss...
Nee Chef,
Führerschein hab' ich keinen, müssen Sie jemand anderen schicken.