Eine Familie berichtet Steuerfrei

Von Ariana Zustra 

Nichts ist unmöglich: Die StZ-Mitarbeiterin Ariana Zustra erzählt, wie ihre Familie es schafft, ohne Auto zu überleben.

Die StZ-Mitarbeiterin Ariana Zustra mit ihren Eltern Hari und Sonja vor  der Bushaltestelle am Landungsplatz in Überlingen Foto: Michael Steinert
Die StZ-Mitarbeiterin Ariana Zustra mit ihren Eltern Hari und Sonja vor der Bushaltestelle am Landungsplatz in ÜberlingenFoto: Michael Steinert

Überlingen - Meine Familie ist ganz normal. Wir sind nicht vorbestraft, zahlen unsere GEZ-Gebühren, gucken hin und wieder „Wetten, dass . . .?“ und gehen samstagmorgens auf den Wochenmarkt. Und wir haben kein Auto und auch keinen Führerschein, meine Mutter nicht, mein Vater nicht, ich nicht.

Wenn wir das sagen, reagieren Menschen manchmal, als kämen wir aus dem Dschungelcamp. Man kann keinen Fernseher haben, keine Freunde, keine Ehre – aber keinen Führerschein? „Wie kann man denn so überleben?“, entgegnen uns dann einige – halb entsetzt, halb mitleidig. Meine Eltern und ich verfügen, Gott sei Dank, über jeweils zwei gesunde Beine, Atmung und Herzschlag sind gleichmäßig, zudem nehmen wir in regelmäßigen Abständen Nahrung auf – so gesehen, hat das Überleben bis jetzt gut geklappt.

Meist schließt sich die Frage an, wie wir diese Nahrung beschaffen. Das spielt sich folgendermaßen ab: Wir gehen in den Supermarkt, suchen uns etwas aus, bezahlen und bringen die Einkäufe dann nach Hause. Diese Vorgehensweise hat sich bis jetzt ebenfalls als erfolgreich erwiesen. Meine Eltern, 55 und 50 Jahre alt, ziehen mit einem zweifachbereiften Trolley los, ich schnalle meinen Rucksack auf oder verstaue Kartoffeln und Dinkelbrot auf dem Fahrradkorb. Bierkästen kaufen wir nie, nur ab und zu eine Flasche Wein, und Wasser trinken wir gern aus der Leitung. So kann man natürlich keine großen Vorräte anhäufen. Nach zwei Tagen ist schon mal die Milch leer, dann holt man sich auf dem Heimweg von der Arbeit neue.

Manche Leute schauen schon irritiert, wenn meine Mutter das Omawägelchen hinter sich herzieht. Andere kann sie wenigstens zum Lachen bringen. So wie den Taxifahrer, dem sie mal vor einem Baumarkt den Rücksitz mit Brettern vollgestapelt hat. Ein Blickfang ist auch, wie sie alljährlich den Weihnachtsbaum aufs Fahrrad schnallt und den Berg hochschiebt.

Kindheitserinnerungen von Zugfahrten in den Urlaub

Glücklicherweise gelangt man auch ohne Führerschein von einem Ort zum anderen. Zu Fuß oder auf dem Fahrrad, per Bus oder Bahn. Sei es zur Arbeit, in die große Stadt oder in den Urlaub. Für mich sind es wunderschöne Kindheitserinnerungen, wie wir mit dem Zug in die Sommerferien ans Meer fuhren. Wir fläzten in einem Abteil, das wir ganz für uns und unsere vier, fünf Koffer hatten, mampften belegte Brote, spielten „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und ließen den Blick über vorbeiziehende Felder, Flüsse, Berge schweifen.

Er würde sich nicht gern stundenlang hinters Steuer klemmen und auf die Autobahn konzentrieren, sagt mein Vater immer. Er genießt viel lieber die Ruhe einer Zugfahrt, dass er ein gutes Buch lesen kann. Meine Mutter freut sich über nette Gespräche mit Reisenden. Auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein bedeute nicht unbedingt weniger Freiheit, sagt mein Vater. Ein Auto sei eine so große Investition. Man muss es tanken, pflegen, versichern, reparieren. Wo bleibe da die Freiheit? Von den Kosten ganz zu schweigen.

Mit Zug und Bus dauert alles viel länger, heißt es. Der Deutsche spart ja gern, auch seine Zeit. Die Schweizer haben Uhren, die Kroaten haben Zeit, sagt mein Vater gern. Er stammt aus Dubrovnik, einem Küstenstädtchen in Dalmatien, wo der Schriftsteller George Bernard Shaw das „Paradies auf Erden“ gefunden zu haben glaubte. Tempo ist nicht gerade das herausragendste Merkmal waschechter Dalmatiner.

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31 KommentareKommentar schreiben

'wie andere Menschen es schaffen...', MIT Auto zu überleben!!: In einer Stadt wie Stuttgart, wo man vieles, sehr vieles mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln und in Einzelfall mit CarSharing (Kleinwagen, Sportwagen, Familienauto, Ferienauto, Umzugsauto, 9Sitzer!!!) machen kann. Reduziert auch noch die Unfallwahrscheinlichkeit, wenn man ÖPNV nutzt. Schont wirklich die Kasse! Ich habe früher bis zu EUR 12.000 pro Jahr für ein doch relativ kleines Auto ausgegeben (Gesamtkostenbetrachtung, gell) und VVS-Monatskarte. Heute: ca. 1.000 im Jahr fürs Stadtmobil + Monatskarte. Macht: ca. EUR 11.000 im Jahr gespart. Oder für Urlaub. Oder sonstwas. Biddeschöön.

Irritiert: Ich bin etwas irritiert, weil ich nicht verstehe, dass bzw. weshalb die Familie meint, sich rechtfertigen zu müssen. Letztlich kann das doch jeder machen wie er will Ich rechtfertige mich ja auch nicht, dass ich ein Auto besitze, dass nicht besonderes umweltfreundliche ist. Manchen Menschen haben die Wahl auch nicht, etwa weil Sie beruflich auch mit dem Auto fahren müssen oder weil Sie schlicht so schlecht in das ÖPNV-Netz eingebunden sind. Jedenfalls empfinde ich Hochachtung, wie die Familie ihr Leben organisiert und damit glücklich ist. Für mich wäre es nichts, aber das ist ja auch egal. Solange ich mich nicht rechtfertigen muss...

Nee Chef,: Führerschein hab' ich keinen, müssen Sie jemand anderen schicken.

alles relativ: Ich bin in Rumänien geboren und aufgewachsen. Da war es ein absoluter Luxus, wenn eine fünfköpfige Famile einen Trabi opder Skoda hatte, in den sich die ganze Baggage am Wochenende frohgelaunt zur Fahrt ins Grüne reingequetscht hat. Ansonsten hat man sich in den stinkenden Bus bequemt oder ist gewandert. Jetzt lebe ich in den USA. Mein Chef hat gerade Zwillinge gekriegt, wodurch seine Familiengröße von 3 auf 5 angewachsen ist. Was für ihn der Anlass war, den Kleinwagen, den er als Drittwagen hatte, zu verkaufen und stattdessen einen Kleinbus anzuschaffen. Seine fünfköpfige Famile empfindet es als absolute Notwendigkeit, über drei Fahrzeuge zu verfügen, zwei Geländewagen und ein Kleinbus. Nur zwei Autos? Nur ein Auto? Und das auch noch ein Kleinwagen? Zweiradgetrieben gar noch? Absolut unvorstellbar. So ändern sich Zeiten, Orte, Gegebenheiten und subjektive Realitäten. Dieter weiter unten hat natürlich vollkommen recht. Wirklich brauchen tut man nichts, abschaffen kann man alles außer dem Sterben. Alles dazwischen ist Verhandlungsmasse. Da ist das Auto keine besondere Ausnahme. An Georg Schmidt: so kann man zwar schon argumentieren, aber dann muss man das auch konsequent zu Ende denken und jede Art von Staatswesen/Solidargesellschaft in Frage stellen. Die Leute, die kein Auto haben und Öfis nutzen, finanzieren mit ihren Steuern auch den Straßenbau mit, nur als Beispiel. Klar kann man sagen, jeder zahlt das, und nur das, was er nutzt. Unterm Strich sinnvoll? Fragwürdig. Praktisch umsetzbar? Kaum.

@ JAN 27 Georg Schmidt, 14:12 Uhr 'Steuerfrei'?!?!: Sie zahlen auch Steuern für die die Bahn begünstigende Verträge wegen S21, hier http://www.vcd-bw.de/presse/2012/16-2012/index.html Gewusst?!? Dann hat Mappus als Staatssekkretär im Verkehrsministerium 2001 300 Millionen der Bahn für Mehrverkehre im Zusammenhang mit S21 bis 2010 über den Tisch geschoben. Auch Steuergelder. ....usw. usw. Also, wenn Sie hier Bürgern Schwarzfahren, gegen das man nicht machen könne, ankreiden, dann schauen Sie einmal lieber danach, was mit ihren Steuergeldern geschieht und wie billig wir eigentlich leben könnten, wenn wir per Wahlzettel die roten, grünen, gelben und schwarzen Mappusse aus den Parlamenten werfen würden. Sie sagen oder beklagen richtig die schlechte Auslastung des ÖPNV. Warum ist das so, dass wir per Steuergeldern eine teure Infrastruktur angebotsorientiert vorhalten? Und da will man jetzt auch noch zusätzlich einen nicht ITF fähigen Bahnhof bauen, der vermehrt die Leute auf das wirklich alternativlose Auto festnageln wird, statt den ÖPNV durch einen flächendeckenden regionalen ITF, der nur mit einem Kopfbahnhof möglich wäre, zu ertüchtigen. Diejenigen, die hier steuerlich subventioniert den ÖPNV nutzen oder wie Sie sagen schwarzfahren (nur zum Teil aber bitteschön) sind daher wahrlich nicht das Problem. Sondern die Verhinderungspolitik enes Drexlers,Mappus, Schmids usw.. In der Schweiz ist der ITF so flächendeckend und läuft so pünktlich wie das sprichwörtliche Schweizer Uhrwerk, dass viele Menschen heute auf das Auto verzichten bzw. gar ganz abgeschafft haben. Bei uns soll das mit S21 genau in die andere Richtung laufen. Und weiterhin eine teure ÖPNV Infrastruktur angebotsorientiert vorgehalten werden. Schönes Beispiel die durch Stuttgart 21 geplanten Durchbinder, die Drexler immer als vorbildlichen Fortschritt für den Regionalverkehr durch S21 gefeiert hat und die tausende von der Strasse auf die Schiene locken würden, und die nichts weiter sein werden als eine sinnlose und teure neuartige Infrastruktur, damit Sie weiter solche Dinge schreiben können, wie Sie das hier getan haben. Wenn Sie nicht verstehen können, warum das sich nochmals verschlechtern soll, dann beschäftigen Sie sich einmal mit Stuttgart 21 genauer.

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