Eine Familie berichtet Steuerfrei

Ariana Zustra, 27.01.2013 08:52 Uhr

Überlingen - Meine Familie ist ganz normal. Wir sind nicht vorbestraft, zahlen unsere GEZ-Gebühren, gucken hin und wieder „Wetten, dass . . .?“ und gehen samstagmorgens auf den Wochenmarkt. Und wir haben kein Auto und auch keinen Führerschein, meine Mutter nicht, mein Vater nicht, ich nicht.

Wenn wir das sagen, reagieren Menschen manchmal, als kämen wir aus dem Dschungelcamp. Man kann keinen Fernseher haben, keine Freunde, keine Ehre – aber keinen Führerschein? „Wie kann man denn so überleben?“, entgegnen uns dann einige – halb entsetzt, halb mitleidig. Meine Eltern und ich verfügen, Gott sei Dank, über jeweils zwei gesunde Beine, Atmung und Herzschlag sind gleichmäßig, zudem nehmen wir in regelmäßigen Abständen Nahrung auf – so gesehen, hat das Überleben bis jetzt gut geklappt.

Meist schließt sich die Frage an, wie wir diese Nahrung beschaffen. Das spielt sich folgendermaßen ab: Wir gehen in den Supermarkt, suchen uns etwas aus, bezahlen und bringen die Einkäufe dann nach Hause. Diese Vorgehensweise hat sich bis jetzt ebenfalls als erfolgreich erwiesen. Meine Eltern, 55 und 50 Jahre alt, ziehen mit einem zweifachbereiften Trolley los, ich schnalle meinen Rucksack auf oder verstaue Kartoffeln und Dinkelbrot auf dem Fahrradkorb. Bierkästen kaufen wir nie, nur ab und zu eine Flasche Wein, und Wasser trinken wir gern aus der Leitung. So kann man natürlich keine großen Vorräte anhäufen. Nach zwei Tagen ist schon mal die Milch leer, dann holt man sich auf dem Heimweg von der Arbeit neue.

Manche Leute schauen schon irritiert, wenn meine Mutter das Omawägelchen hinter sich herzieht. Andere kann sie wenigstens zum Lachen bringen. So wie den Taxifahrer, dem sie mal vor einem Baumarkt den Rücksitz mit Brettern vollgestapelt hat. Ein Blickfang ist auch, wie sie alljährlich den Weihnachtsbaum aufs Fahrrad schnallt und den Berg hochschiebt.

Kindheitserinnerungen von Zugfahrten in den Urlaub

Glücklicherweise gelangt man auch ohne Führerschein von einem Ort zum anderen. Zu Fuß oder auf dem Fahrrad, per Bus oder Bahn. Sei es zur Arbeit, in die große Stadt oder in den Urlaub. Für mich sind es wunderschöne Kindheitserinnerungen, wie wir mit dem Zug in die Sommerferien ans Meer fuhren. Wir fläzten in einem Abteil, das wir ganz für uns und unsere vier, fünf Koffer hatten, mampften belegte Brote, spielten „Ich sehe was, was du nicht siehst“ und ließen den Blick über vorbeiziehende Felder, Flüsse, Berge schweifen.

Er würde sich nicht gern stundenlang hinters Steuer klemmen und auf die Autobahn konzentrieren, sagt mein Vater immer. Er genießt viel lieber die Ruhe einer Zugfahrt, dass er ein gutes Buch lesen kann. Meine Mutter freut sich über nette Gespräche mit Reisenden. Auf öffentliche Verkehrsmittel angewiesen zu sein bedeute nicht unbedingt weniger Freiheit, sagt mein Vater. Ein Auto sei eine so große Investition. Man muss es tanken, pflegen, versichern, reparieren. Wo bleibe da die Freiheit? Von den Kosten ganz zu schweigen.

Mit Zug und Bus dauert alles viel länger, heißt es. Der Deutsche spart ja gern, auch seine Zeit. Die Schweizer haben Uhren, die Kroaten haben Zeit, sagt mein Vater gern. Er stammt aus Dubrovnik, einem Küstenstädtchen in Dalmatien, wo der Schriftsteller George Bernard Shaw das „Paradies auf Erden“ gefunden zu haben glaubte. Tempo ist nicht gerade das herausragendste Merkmal waschechter Dalmatiner.