Eine Künstlerin auf dem Mount Everest Die Gipfelstürmerin

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Die Sonnenbergerin Heidi Sand hat sich einen Traum erfüllt: Sie ist auf dem Gipfel des Mount Everest gestanden. Der Aufstieg glückte gleich im ersten Anlauf.

Heidi Sand Foto: privat
Heidi Sand Foto: privat

Sonnenberg - Die Sterne sind am 26. Mai für Heidi Sand zum Greifen nah. Als es noch 30 Minuten bis zum Gipfel sind, realisiert sie, dass ein Traum Wirklichkeit wird. „Vom Kopf bis zum kleinen Zeh hat es gekribbelt“, sagt die Sonnenbergerin. In den frühen Morgenstunden erreicht sie ihr Ziel, die Spitze des Mount Everest. „Ich war wie berauscht“, erzählt Sand und spricht von einem „Glücksgefühl gemischt mit Dankbarkeit.“

Als Heidi Sand auf dem höchsten Berg der Welt steht, ist ihre Familie mit dabei: eine Flagge, die ihre Lieben zeigt, hält sie in die Kamera. Es sind Minuten, die Heidi Sand nie vergessen wird. Als die Sonne langsam aufgeht, ist das Schwerstarbeit für ihre Augen: „Ich wusste gar nicht, wo ich zuerst hinsehen sollte.“ Es ist ihr erster Achttausender und gleich im ersten Anlauf hat sie den König aller Berge bezwungen.

Ein Sherpa pro Bergsteiger

Acht Wochen vorher hat das Abenteuer begonnen. Heidi Sand will gemeinsam mit sechs Amerikanern, einem Norweger, einem Australier sowie einer Russin den Gipfelsturm wagen. „Allesamt sehr gute Bergsteiger“, wie die freischaffende Künstlerin schnell feststellt. Der Weg dorthin führt vom Flughafen in Kathmandu (Nepal) durch eine traumhafte Landschaft. Ihr Mann Arne und ihre Trainingspartnerin Sylvie Kühnemann begleiten sie ins Basislager. Nach zwei gemeinsamen Tagen heißt es Abschiednehmen von den Unterstützern. Danach liegt der Fokus auf dem Berg. In sogenannten Rotationen bereiten sich die Bergsteiger auf den Aufstieg vor. Immer wieder geht es hoch und wieder runter. Wobei runter trotzdem hoch ist: Das Basislager befindet sich auf 5200 Meter Höhe.

Jeder Bergsteiger bekommt einen Sherpa zur Seite gestellt. Heidi Sands Begleiter war schon zehn Mal auf dem Gipfel des Mount Everest. Er kennt die Gefahren und baut Sands Zelt auf und ab. „Das ist schon eine enorme Erleichterung, aber man muss sich erst daran gewöhnen.“

Die Gruppe wartet ab – und macht alles richtig

Die passionierte Bergsteigerin, die bereits auf dem höchsten Berg Nordamerikas stand, hat sich eigentlich einen denkbar schlechten Zeitpunkt ausgesucht. „Es hat ganz wenig geschneit, und die Gefahr für Steinschläge war groß.“ Der Weg zum ersten Camp führt über den Khumbu-Eisfall, eine riesige Gletscherspalte, über die Metallleitern führen. Eine gefährliche Kletterpartie: immer wieder gehen Eislawinen ab. „Mein Sherpa hat ununterbrochen gebetet“, erzählt Sand, die selbst eine kleine Lawine erlebte. Doch alles geht gut: „Ich war nur mit Schnee bestäubt.“ Auch weil die Gruppe insgesamt einen guten Riecher hat. Als für den 17. Mai gutes Wetter angekündigt ist, wollen 200 Bergsteiger diese Chance nützen. Die Gruppe um Sand beschließt: Wir warten ab. Auch weil die Mitglieder erkannt haben, dass der eine oder andere Gipfelstürmer zum ersten Mal Steigeisen an den Füßen hat. „Im Nachhinein war das richtig.“ Sechs Bergsteiger bezahlen ihren Traum mit dem Leben. Es sind Menschen darunter, die auch Sand im Camp kennengelernt hat. Es ist ein deutliche Warnung; „Man fragt sich da noch einmal: Habe ich die Kraft umzukehren?“ Dass Leben und Tod am Berg eng zusammenhängen, davon zeugen auch die toten Menschen, an denen die Gipfelstürmer vorbeilaufen.

Im Lager auf mehr als 7000 Meter Höhe hat Sand „einen gigantischen Blick“ und lässt Vorsicht walten: „Aufs Klo bin ich nur mit dem Eispickel gegangen.“ Das Mitglied des Möhringer Ateliers Bunt gestreift hat sich akribisch auf die Tour vorbereitet. Seit Weihnachten hat sie trainiert und auf ihre Ernährung geachtet. Sie hat auf vieles verzichtet, und auch unterwegs ist Schmalhans Küchenmeister. Es gibt Müsliriegel, Fünf-Minuten-Terrinen und viel geschmolzenen Schnee zum Trinken.

Erst in Kathmandu wird gefeiert

Als Heidi Sand auf dem Gipfel steht, weicht die Euphorie schnell einer gewissen Nüchternheit. Einige kurze Umarmungen müssen reichen. „Wir gratulieren uns erst, wenn wir unten sind“, sagen die Bergsteiger. Und es geht alles gut. Doch zum Feiern kommt Sand nicht. Ein Magen-Darm-Infekt hat sie erwischt. Mitten in der Nacht ruft die dreifache Mutter zu Hause an. Die sind erleichtert und stolz. Mit dem Feiern muss sie warten, bis die Bergsteiger in Kathmandu sind. Am nächsten Morgen geht es zurück nach Hause. Am Flughafen wartet Sands Familie. Mit einem Schild heißen sie die „Everest-Mama“ willkommen. Dem Glücksgefühl folgt die Leere. Das Umschalten auf den Alltag dauert einige Tage.

Es wird der Tag kommen, da wird Heidi Sand wieder die Steigeisen anziehen. Andere Berge warten. Nun freut sich Sand aber auf den Urlaub mit der Familie. Auch das Atelier hat sie vermisst. Im Sommer werden kleinere Gipfel in Österreich und der Schweiz erklommen. Heidi Sand wird dann nicht davonsprinten: „Ich bin ja froh, wenn sie mitgehen.“

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