Einkaufszentrum „Hat Stuttgart dieses Projekt nötig?“

Von Thomas Borgmann 

Städtebauexperten erteilen dem ECE-Vorhaben hinter dem Hauptbahnhof eine Absage: "Die städtebauliche Qualität fehlt völlig."

Die geplanten drei Baublöcke des umstrittenen Einkaufszentrums mit 400 Wohnungen darüber sollen sich zum Mailänder Platz hin öffnen. Foto: Visualisierung: ECE
Die geplanten drei Baublöcke des umstrittenen Einkaufszentrums mit 400 Wohnungen darüber sollen sich zum Mailänder Platz hin öffnen. Foto: Visualisierung: ECE
Stuttgart - Am vergangenen Freitag haben die drei Investoren Strabag, ECE und BBIG ihr neues Konzept für ein großes Einkaufszentrum mit 400 Wohnungen und 2200 Stellplätzen an der Ecke Heilbronner / Wolframstraße präsentiert – am Dienstag haben die im gemeindrätlichen Städtebauausschuss versammelten Architekten und Stadtplaner diesem Projekt eine klare Absage erteilt und heftige Kritik geübt: "Hat Stuttgart dieses Projekt nötig?", so lautete die quasi sich selbst beantwortende Grundsatzfrage. Der Gemeinderat wurde von den Experten aufgefordert, nicht nur über Stellplätze und Handlesflächen zu diskutieren, sondern seine Vorgaben für den Städtebau neu zu überdenken.

Der Stadtplaner Professor Franz Pesch fragte, an die Mitglieder des Rates im Städtebauausschuss gewandt: "Welche Stadt wollt ihr an dieser Stelle?" Die von Baubürgermeister Matthias Hahn zuvor erläuterten Pläne der drei Investoren zeigten, so Peschs Eindruck, "nur eine Einkaufs-Mall im Keller – wenn man aber wirklich eine Mall will, kann man Besseres bekommen". Er, Pesch, frage sich, "ob das unser städtebauliches Bild vom neuen Europaviertel ist"? Die Mischung zwischen Einkaufen, Hotel und Wohnen möge ja noch stimmen – "aber die städtebauliche Qualität fehlt völlig". Pesch riet dem Gemeinderat, "über den Hebel der Stellplätze die planerische Qualität zu fordern".

Architekten üben Kritik


Auch der Stuttgarter Architekt Arno Lederer kritisierte das Projekt: "Wir haben es zu tun mit der Vereinheitlichung von Stadt. Überall werden die Quartiere größer gemacht, anstatt kleiner." An der Wolframstraße, so Lederer, gehe es "um die Versoßung von Stadt: Aus drei Grundstücken wird eines mit nur einem Bauherren." Von Urbanität und kleinen Parzellen der Stadtgestaltung könne keine Rede sein. Weitere Stimmen nannten das Vorhaben "ein Trojanisches Pferd, dem völlig die Maßstäblichkeit fehlt". Einer empfahl dem Gemeinderat sogar, künftig nicht mehr auf die großen Investoren zu setzen, die enormen Druck ausübten, sondern auf mittlere und kleinere Investoren – Stuttgart brauche "eine neue Struktur von Bauherren".

Matthias Hahn, der Baubürgermeister, hatte bei der Präsentation des auf 500 Millionen Euro taxierten Projektes auf die Vorgeschichte hingewiesen: "1998 hat der Gemeinderat den bis heute gültigen Bebauungsplan für dieses Quartier beschlossen. Damals aber herrschten, was den Einzelhandel in der Innenstadt betrifft, völlig andere Verhältnisse als heute." Allein der Bau des Kunstmuseums habe zu einer weitgehenden Neuordnung der Handelsflächen an der Königstraße geführt. Vor allem aber die städtebaulichen Aspekte des Vorhabens erregten die heftige Kritik der Experten. Nach ihrer Ansicht bekäme die im Bau befindliche, neue Bibliothek 21 "eine monotone Nachbarschaft – an der Bibliothek bliebe nur noch eine Bauwüste". Eine in sich abgeschlossene "Shoppingmeile" sei überdies "gar nicht mehr zeitgemäß". Die Ausschussmitglieder haben auch die Forderung erhoben, die Debatte fortzusetzen. Der städtische Wirtschaftsförderer Klaus Vogt solle daran teilnehmen. So wie vorgestellt, dürfe das Projekt nicht verwirklicht werden, es müsse ein neuer Architektenwettbewerb ausgeschrieben werden. Dass es diesen geben wird, hat der Oberbürgermeister bereits angekündigt.