Einsatz von Cannabis als Medikament Die Umstands-Droge

Von Regine Warth 

Cannabis macht derzeit eine steile Karriere als Arzneimittel. Seit gut vier Monaten darf der Hausarzt schwer kranken Patienten Marihuana verschreiben. Doch stellt die Droge auf Rezept vor allem die Apotheken vor praktische Schwierigkeiten.

Cannabis ist der Shootingstar unter den Arzneimitteln, wird aber als solches nur begrenzt eingesetzt. Foto: 89924693
Cannabis ist der Shootingstar unter den Arzneimitteln, wird aber als solches nur begrenzt eingesetzt. Foto: 89924693

Berlin/Stuttgart - Sie ist wohl der Shootingstar unter den Arzneimitteln, die da ins Sortiment der Apotheken gewandert ist: die Cannabispflanze. Aufmerksamkeit ist ihr gewiss – in München beispielsweise, wo jetzt die Hanfmesse Cannabis XXL begonnen hat. Für zehn Euro pro Tag kann man sich dort aufklären lassen: beispielsweise über gesunde Ernährung mit Hanf, über ökologisch korrekte Kleidung aus Hanf und natürlich auch über Heilung dank Hanf. Die Cannabis-Medizin liegt den Veranstaltern, die aus den Reihen des Cannabis-Verbands Bayern stammen, besonders am Herzen: „Cannabis sollte jedem Patienten zugänglich sein, dem es nützt.“

Und nützen tut es vielen. So gilt es als wissenschaftlich erwiesen, dass Marihuana gegen Lähmungserscheinungen, Übelkeit, Appetitlosigkeit und Schmerzen wirken kann. Und so setzen immer mehr Patienten ihre Hoffnung auf den Naturstoff – vor allem seitdem die Bundesregierung beschlossen hat, dass schwer kranken Patienten der Zugang zu Cannabis erleichtert werden soll. Diese Tendenz bestätigt die Landesapothekerkammer Baden-Württemberg. „Genaue Zahlen liegen nicht vor“, sagt der Sprecher Stefan Möbius. „Aber wir können sagen, dass die Nachfrage steigt.“

Einsatz bei chronischen Schmerzen

Seit dem 10. März darf Cannabis vom Hausarzt im Rahmen der Therapiefreiheit auf Rezept verschrieben werden. Darunter fallen getrock­nete Blüten oder Cannabis­extrakte und Arznei­mittel mit den Wirk­stoffen Dronabinol oder Nabilon. Patienten können diese bekommen, wenn der behandelnde Arzt über­zeugt ist, dass das Mittel den Krank­heits­verlauf positiv beeinflusst oder schwere Symptome lindert, etwa in der Schmerz­therapie und bei bestimmten chro­nischen Erkrankungen. Und der Chef der Bundesapothekerkammer, Andreas Kiefer, hat klargestellt: „Jede Apotheke kann nach einer ärztlichen Verordnung Rezepturarzneimittel mit Cannabis herstellen und abgeben.“ Das zeigte Wirkung: Allein im März verordneten Ärzte auf 488 Rezeptformularen insgesamt 564 cannabishaltige Zubereitungen oder Cannabisblüten in Rezepturen.

Apotheker klagen über schwammige Regeln

Doch die Vorstellung, der Kunde überreicht das Rezept und hält gleich darauf seine verordnete Dosis Marihuana in Händen, funktioniert in der Realität nicht so reibungslos. „Vieles, was die Abgabe von Marihuana betrifft, ist noch nicht im Detail festgelegt, weshalb Apotheker sehr auf sich gestellt sind“, sagt etwa Philipp Böhmer. Der Apotheker aus Stuttgart klärt Kollegen im Rahmen von Fortbildungen der Apothekerkammer über die schwammigen Regeln auf, die für die Cannabis-Abgabe gelten.

So hat der Gesetzgeber beispielsweise nicht festgelegt, bei welchen Erkrankungen Cannabis verschrieben werden darf. Die entsprechenden Erkenntnisse soll eine Begleitforschung liefern, angeführt von der Bundesopiumstelle. Dafür ist aber vorgeschrieben, wie viel Cannabis jeder Patient allerhöchstens bekommen darf: 100 Gramm innerhalb von 30 Tagen.

Sprengt das Cannabis aus der Apotheke das Budget?

Doch nicht nur das unklare Regelwerk macht die Abgabe so kompliziert. So beklagen Patienten vielfach, dass Cannabis aus der Apotheke viel teurer geworden sei: von rund zwölf Euro pro Gramm auf durchschnittlich 20 bis 25 Euro pro Gramm. Es gibt auch immer noch nur wenige Ärzte, die Cannabis verschreiben. Das beklagen auch die Mediziner selbst – etwa der Arzt und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin, Franjo Grotenhermen. Das Problem sei, „dass bei mehreren Hundert Euro Therapiekosten im Monat viele Ärzte davor zurückschrecken, ein Rezept auf Cannabis auszustellen, weil sie befürchten, damit ihr Budget zu sprengen“.