Einzelhandel in Stuttgart Gewagte Wette auf den Standort

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In keiner anderen deutschen Metropole wird im Einzelhandel derart auf Flächenwachstum gesetzt wie in Stuttgart. In Zeiten boomender Onlineshops und stagnierender Umsätze erscheint diese Strategie gewagt.

Das Milaneo zieht neue Kunden nach Stuttgart. Bislang scheint das dem Handel in der gesamten Stadt zu nutzen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Das Milaneo zieht neue Kunden nach Stuttgart. Bislang scheint das dem Handel in der gesamten Stadt zu nutzen.Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Allein 300 Geschäfte und damit knapp 20 Prozent Handelsfläche sind 2014 in der Stuttgarter City hinzugekommen. In den kommenden Jahren wird der Reigen der Neueröffnungen nicht ­abreißen. Die Eröffnung des Dorotheen Quartiers bringt zusätzliche Ladenflächen. Daher blickt die gesamte Branche mit großem Interesse auf Stuttgart. Die Frage lautet: Gelingt es, den stationären Handel gegen jeden Trend auszuweiten? Bislang scheint es zumindest so, als würde die gewagte Wette auf den Standort gewonnen.

Der Zuwachs an Handelsfläche durch die Eröffnungen von Gerber, Milaneo und Co. in der Innenstadt beträgt knapp 20 Prozent. Eine ähnliche Entwicklung ist aus keiner anderen deutschen Großstadt ­bekannt. „Ein derartiger Zuwachs an Fläche hat auf einem räumlich begrenzten Markt wie Stuttgart erhebliche Auswirkungen“, urteilt Philipp Nothdurft, der Teamleiter für den Bereich Einzelhandel bei den Immobilienexperten von Jones Lang ­Lasalle (JLL). Stuttgart gilt unter Maklern als Spezialfall. Der Grund: mehr als die Hälfte der gesamten Handelsfläche befindet sich in der Innenstadt. In den anderen großen deutschen Metropolen liegt dieser Wert meist bei lediglich 20 bis 30 Prozent.

Zuwachs größer als in jeder anderen Stadt

Auch aus diesem Grund wurde die Ansiedlung der beiden großen Einkaufszentren Gerber und Milaneo mit insgesamt rund 70 000 Quadratmetern Verkaufsfläche in der Stadt kritisch diskutiert. Dass der damalige Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) die Eröffnung der beiden Center als „Endpunkt einer Entwicklung“ bezeichnete, wird zumindest in Maklerkreisen komplett gegensätzlich bewertet. „Die Laufwege der Kunden haben sich verändert. Damit haben sich die Toplagen und -mieten verschoben“, erklärt Alexander Veiel, der Leiter der JLL-Niederlassung in Stuttgart. Die Calwer-, die Hirsch- oder die Eberhardstraße habe man bei JLL vor der Eröffnung der Center noch zu den 1A-Lagen der City gezählt. Heute ist das anders. „Die neuen Zentren ziehen an anderer Stelle natürlich Frequenz ab“, so Veiel.

Chance für kleine Labels in der Innenstadt?

Dass die Mieten an einigen Orten in der Stadt sinken könnten, hält Veiel im Übrigen nicht für eine schlechte Nachricht. So gebe es in den Nebenlagen seit langem wieder die Chance für junge Labels oder inhabergeführte Betriebe, ein eigenes Geschäft zu eröffnen, fügt Nothdurft hinzu.

Das bedeutet: Während die Mieten an der ehemaligen Edelmeile Calwerstraße stagnieren oder sinken, ziehen die Preise an der Marienstraße oder rund um den Marktplatz an. „Die Marienstraße liegt auf dem Weg zum Haupteingang des Gerber. Auf dem Marktplatz oder an der Sporer-straße wird die Frequenz durch das Dorotheen Quartier deutlich ansteigen“, erklärt Nothdurft.

Handelsimmobilien als Spielwiese für Investoren

In Zeiten boomender Onlineshops erscheint ein Flächenwachstum wie in Stuttgart dennoch gewagt. „Es geht darum, den Standort so zu stärken, dass die Menschen nicht mehr nach München, Düsseldorf oder Metzingen fahren, wenn sie ausgiebig einkaufen wollen, sondern sich für Stuttgart entscheiden“, so Veiel. Die Stadt habe das Potenzial, eine Topadresse zu sein. Doch die Makler sehen auf diesem Weg noch einige Baustellen. „Nachrichten von der Feinstaub- und Stauhauptstadt schaden dem Erfolg und dem Image Stuttgarts“, sagt Veiel.

Sabine Hagmann, die Hauptgeschäftsführerin des ­Handelsverbands Baden-Württemberg, hat sich in der Vergangenheit mehrfach kritisch über den Flächenboom in Stuttgart geäußert: „Investoren suchen sich eine Spielwiese für ihr Geld und das sind derzeit Handelsimmobilien“, sagte sie vor Kurzem in der StZ. Und: „Ich beobachte das mit großer Sorge. Ich hoffe, dass dieser Trend bei den ­Investitionen bald zurückgeht.“ Trotzdem teilt Hagmann das aktuelle Fazit der Makler. „Auch mir sind bislang keine größeren negativen Folgen aufgrund der Ansiedlung der beiden neuen Einkaufszentren bekannt“, erklärt sie. Die ­Geschäftsführerin sieht sogar Anzeichen dafür, dass die Neuansiedlungen im Handel den ­gesamten Standort tatsächlich gestärkt ­haben: „Der Handel hat in der Textilbranche Verluste zu verzeichnen, nicht aber in Stuttgart“, sagt sie. Auch Stuttgarts Citymanagerin Bettina Fuchs glaubt: „Die ­Veränderungen haben der Stadt bislang gut getan.“ Stuttgart genieße seither eine große Aufmerksamkeit.

6 Kommentare Kommentar schreiben

Das sind doch alle freie Menschen: und freie Unternehmen die hier investieren. Die werden sich schon was dabei gedacht haben. Dazu braucht mnan keine verklärten ideologischen Politiker die glauben sich in ezwas einmischen zu müssen das nicht zu ihren Aufgaben gehört. Es sei denn wir sind schon in der DDR oder einer weit fortgeschrittenen Vorstufe. Ich habe den Eindruck, das es so ist aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Zuerst die Wahrheit.

Am Rande von Stuttgart: Zum Kommentar von @Stephan Wünsch ist nur noch hinzuzufügen, dass auch aufgrund der vielen Baustellen Einkaufen in Stuttgart wirklich keinen Spaß mehr macht und ich mir Primark und Co nicht antun muß. Gottseidank wohne ich am Rand von Stuttgart und bin in kurzer Zeit in Esslingen oder Ludwigsburg, wo es wirklich noch Einkaufsstraßen und nette Geschäft gibt.

Ökolabels in Stuttgart: Es gibt auch unterstützenswerte Öko-Fair-Labels mitten in Stuttgart - garantiert ohne Kinderarbeit - die dazu noch gut aussehen. Jeder kann sich über Klick informieren. (Auch in einem gewissen Laden mit Cafe am Charlottenplatz gibts welche.) Wünsche Öko-Faires Frühjahr!

Wo ist der Unterschied....: in den demokratischen Strukturen, wenn von "Flächenwachstum" in einem Einzelhandel die Rede ist, der es sich erlaubt, neben seiner Haupteinnahmequelle, dem Online-Versandhandel, sich eben noch eine Fussgängerzonendependance "leistet", um den Anschein von "Tradition" und gelebter Beteiligung im Prozess zu erwecken, was vor Ort aus meiner Sicht nur durch inhabergeführten Einzelhandel gewährleistet wäre. Schlecht bezahlte bis sehr temporäre Arbeitsverhältnisse sind hier eher die Regel als die Ausnahme. Dieses "Flächenwachstum" ist ein Spiel zwischen hochhausverschuldeter Kommunalpolitik wie Geldinstituten, Immobilien-Investoren und Online-Versandhandelskonzernstrukturen oder umgekehrt. Der Mensch an sich als demokratische Wurzel dieses rein konsumtiven Tuns in Gesellschaft wird hier max. noch als Konsument "hofiert" wie beteiligt. Eben als von sämtlichen sozialen wie kulturellen Grundkenntnissen durch "Geiz ist geil" Kampagnen befreiten Flaniermichel.

Es gibt in Stuttgart nichts: Relevantes, was es nicht auch außerhalb Stuttgarts gibt. Alle 14 Mittelzentren der Region bieten im Einzelhandel dieselbe Auswahl wie Stuttgart. Es besteht daher überhaupt kein Grund, zum Einkaufen nach Stuttgart zu fahren, ob im überfüllten ÖBNV oder auf den noch überfüllteren Straßen. Davon abgesehen darf man durchaus der Meinung sein, Stuttgart benötigt nicht immer noch mehr Einzelhandelsflächen, sondern weit dringender: mehr bezahlbaren Wohnraum.

Es gibt in Stuttgart nichts: Relevantes: sorry Herr Wunsch, gehen Sie nach München, Berlin, Köln usw., dort ist es nicht anders, als in Stuttgart. Die gleiche Misere, die gleichen überfüllten Bahnen und fehlenden bezahlbaren Wohnraum. Warum sollte Stuttgart eine Ausnahme sein.....

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