""Wir wollen unseren
Kunden den besten Service bieten.""
Sabine Stachorski, REWE-Sprecherin
Stuttgart - Seit Februar 2007 kennt das Ladenschlussgesetz in Baden-Württemberg werktags keine Beschränkung mehr: Montags bis samstags dürften die Läden rund um die Uhr geöffnet bleiben, was aber kaum ein Geschäft in Anspruch nimmt; zusätzlich sind drei verkaufsoffene Sonntage pro Jahr erlaubt. Interessanterweise nutzen heute nicht die großen Kaufhäuser, sondern die Lebensmittelmärkte die neuen Möglichkeiten am stärksten - in der Region können die Kunden mittlerweile in 16 Rewe- und fünf Kaufland-Märkten bis Mitternacht einkaufen.
"Wir wollen unseren Kunden den besten Service bieten", begründet Sabine Stachorski von Rewe die langen Öffnungszeiten: "Und wir schauen immer, wo wir uns von der Konkurrenz abgrenzen können." Allerdings handelt es sich noch um eine Testphase, die bis März 2010 dauert. Ganz bewusst habe man die Testmärkte so ausgewählt, dass alle Lagen vertreten seien. Es sind also nicht nur frequenzstarke Innenstadtmärkte bis 24 Uhr offen, sondern auch Läden auf der grünen Wiese und Geschäfte in kleineren Gemeinden, wie in Korb oder Bernhausen. In Stuttgart sind die Märkte am Marienplatz, in der Breitscheidstraße 10, in der Olgastraße 86 und in der Ostendstraße 75 so lange offen.
Bei den Kaufland-Märkten in Stuttgart-Mühlhausen sowie je zweimal in Backnang und Ludwigsburg handelt es sich bereits um eine Regelöffnung. "Das Interesse am Einkaufen in den späten Abendstunden hat sich seit der Einführung kontinuierlich gesteigert", sagt Kaufland-Sprecherin Christine Axtmann. Auch bei Rewe ist man mit der Frequenz zufrieden, will aber der Auswertung des Tests im Frühjahr nicht vorgreifen. Nur an den harten Wintertagen der vergangenen Wochen seien weniger Kunden gekommen, so Sabine Stachorski.
Mehr Milch als Alkohol wird verkauft
Bernd Huber, Filialleiter und Betriebsrat im Rewe-Markt am Stuttgarter Marienplatz, räumt mit dem Klischee auf, dass nur junge Nachtschwärmer zwischen 22 und 24 Uhr einkaufen würden: "Es gibt alle Käuferschichten: Ehepaare, die in Ruhe einkaufen wollen, Menschen, die nach der Abendschicht noch etwas zum Essen holen, und Familien, die um diese Zeit ihren ganzen Wocheneinkauf erledigen." Sehr häufig würden aber Produkte wie Tiefkühlpizzas verkauft, die man zu Hause noch schnell warm machen kann. Die absoluten Topseller: H-Milch und Bananen.
Alkohol mache hingegen keinen nennenswerten Anteil aus, sagt Bernd Huber. Er widerspricht damit dem Gerücht, dass junge Menschen die langen Öffnungszeiten vor allem am Freitag und Samstag dazu nutzten, um sich mit Wodka einzudecken, bevor es in die Disco geht. Zum 1. März wird diese Praxis sowieso vorbei sein, weil in Baden-Württemberg dann ein generelles Verkaufsverbot für Alkohol zwischen 22 und 5 Uhr in Kraft tritt. Rewe mache sich wegen des entgehenden Umsatzes keinen Kummer, sagt Sabine Stachorski. Die Kassiererinnen würden wohl eher das Problem haben, Kunden besänftigen zu müssen, die zum Abendessen gerne eine Flasche Bier mitgenommen hätten.
Kritik an den langen Öffnungszeiten habe es bisher nicht gegeben, so Rewe und Kaufland übereinstimmend. Mit einer Ausnahme: in Vaihingen/Enz (Kreis Ludwigsburg) ist Rewe bei einem von zwei Märkten auf 22 Uhr zurückgekehrt, weil sich Anwohner wegen des Lärms und des hellen Lichts bis spät in die Nacht beschwert hatten. Martina Fischer, die Sprecherin der Stadt Vaihingen/Enz und Kundin, vermutet, dass Rewe die kürzere Öffnungszeit gar nicht unrecht ist: "Zwei Märkte eines Unternehmens bis 24 Uhr - das trägt sich nicht. Im Markt an der Hans-Krieg-Straße brummt das Geschäft aber bis Mitternacht."
Die Kirche sieht den Sonntag gefährdet
Andere Branchen, wie Möbelhäuser oder Baumärkte, haben bisher nicht nachgezogen. Die Ikea-Häuser in Ludwigsburg und Sindelfingen haben nur freitags bis 22 Uhr geöffnet; ansonsten schließen die Pforten um 21 Uhr. Baumärkte machen um 20 Uhr die Lichter aus. "Das reicht völlig aus", sagt Obi-Sprecherin Elena Ottaviano. Sie betont aber, dass Obi in vielen europäischen Ländern an sieben Tagen die Woche bis 22Uhr geöffnet habe: "In Russland oder Italien geht man gerne auch sonntags in den Baumarkt."
Die Kirche sieht die Ausdehnung der Öffnungszeiten mit Skepsis. Die evangelische Wirtschafts- und Sozialpfarrerin Esther Kuhn-Luz schätzt vor allem die Belastungen für die Mitarbeiter als extrem ein. Zudem würden am Abend häufig Minijobber oder Leute auf Abruf eingesetzt: "Die Arbeitsverhältnisse werden so immer prekärer", sagt Kuhn-Luz. Vor allem aber befürchtet sie, dass die langen Öffnungszeiten der Einstieg in den Ausstieg der Begrenzung sind: "Irgendwann ist der Sonntag in Gefahr." In einer grenzenlosen Gesellschaft wachse dann der Druck auf alle.
Der einzige Laden, der in Stuttgart rund um die Uhr geöffnet hatte, existiert übrigens nicht mehr. Der Mini-Supermarkt Everytime in der Eberhardstraße habe sich nicht getragen, so die Besitzer.