Eklat um Theodor-Heuss-Preis Cohn-Bendit bietet Verzicht auf Preis an

Von Stefan Geiger und  

Der Grünen-Politiker Cohn-Bendit hat angeboten, auf den Theodor-Heuss-Preis zu verzichten. Er reagiert damit auf die Entscheidung des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, den Festvortrag abzusagen.

Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle (r.) hat auf einen Festvortrag während der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises 2013 an Daniel Cohn-Bendit verzichtet. Foto: dpa
Gerichtspräsident Andreas Voßkuhle (r.) hat auf einen Festvortrag während der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises 2013 an Daniel Cohn-Bendit verzichtet.Foto: dpa

Stuttgart - Der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit hat angeboten, auf den Theodor-Heuss-Preis 2013 zu verzichten. Er reagiert damit auf die Entscheidung des Präsidenten des Bundesverfassungsgerichts, Andreas Voßkuhle, den Festvortrag während der Preisverleihung in Stuttgart abzusagen. Voßkuhle wiederum begründete seine Absage mit einer – seit langem bekannten – „nicht unproblematischen“ Äußerung Cohn-Behndits zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern im Jahr 1975. Cohn-Bendit hatte damals in dem Buch „Großer Basar“ , das sich im wesentlichen mit seiner Zeit als linker Studentenführer beschäftigt, geschrieben, fünfjährige Mädchen hätten ihn in Kinderläden, in denen er gearbeitet hatte, „angemacht“. Er beschreibt Handlungen, die als sexuell motiviert interpretiert werden können. Die kurze Passage erregte seinerzeit keinerlei Aufsehen. Erst 2001 kam es zu einer öffentlichen Debatte. Cohn-Bendit bestritt vehement sexuellen Missbrauch von Kindern. Er habe mit dem Buch zuspitzen und provozieren wollen.

Cohn-Bendit war 1968 ein führender Kopf der französischen Studentenbewegung. Es folgten die „Sponti-Jahre“ in Frankfurt, wo er gemeinsam mit dem späteren Außenminister Joschka Fischer versuchte, Arbeiter zu mobilisieren. Er engagierte sich als Erzieher in anti-autoritären Kinderläden. Weder damals noch in den Jahren um 2001 wurden Vorwürfe bekannt, dass er gegen Kinder übergriffig geworden sei. Eltern bestritten dies nachdrücklich und verteidigten ihn. In den Jahren nach 1978 wandelte sich Cohn-Bendit zum Realpolitiker bei den Grünen. Politisches Ansehen über Parteigrenzen hinweg gewann er insbesondere durch seine Arbeit im Europäischen Parlament seit 1994.

Keine Festrede mehr geplant

Die Theodor-Heuss-Stiftung ist eine überparteiliche und renommierte Institution. Sie gewann bereits Anfang 2012 den Verfassungsgerichtspräsidenten als Festredner, nicht als Laudator anlässlich der Verleihung des Theodor-Heuss-Preises im April 2013 in Stuttgart. Voßkuhles Thema lautete: „Neue Wege in der Demokratie“. Erst im November 2012 nominierten Kuratorium und Vorstand der Stiftung Cohn-Bendit zum Preisträger des Jahres 2013. Solche Entscheidungen fallen, so Geschäftsführerin Birgitta Reinhardt, stets mit großer Mehrheit. In dem Kuratorium sitzt auch die frühere Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach.

Die Stiftung würdigte Cohn-Bendits „langjähriges Engagement als Ideengeber und Politiker“, der auf Veränderung en eingehe und Lösungen suche. Ob dessen Äußerung aus dem Jahr 1975 dabei thematisiert wurde, konnte Reinhardt nicht sagen. Am 27. Dezember 2012 informierte die Stiftung Voßkuhle über den Preisträger. Am 23. Januar wurde die Öffentlichkeit informiert.

Am Dienstag dieser Woche erhielt die Stiftung einen Anruf von Voßkuhles Büro, nicht vom Präsidenten selbst, in dem die Absage mitgeteilt wurde. Ein Brief Voßkuhles lag bis gestern nicht vor. Eine Festrede wird es bei der Preisverleihung nun nicht geben. Ludwig Theodor Heuss, der Enkel von Theodor Heuss werde bei diesem Anlass auf das Thema aber eingehen, so Reinhardt. Eine Sondersitzung der Gremien ist bisher nicht geplant.

Cohn-Bendit will sich für alte Vorwürfe nicht mehr rechtfertigen

Das Bundesverfassungsgericht erklärt dazu: „In den vergangenen Wochen haben Bürgerinnen und Bürger dem Präsidenten zur Kenntnis gebracht, dass sich Herr Cohn-Bendit in einer Veröffentlichung Mitte der siebziger Jahre in nicht unproblematischer Weise zur Sexualität zwischen Erwachsenen und Kindern geäußert hat.“ Das Gericht sei „in ganz besonderer Weise gehalten, jeden Anschein zu vermeiden, es würde solche Aussagen billigen“. Mit der Absage sei „eine Bewertung der Verdienste“ von Cohn-Bendit in keiner Weise verbunden.

Cohn-Bendit sagte der „Stuttgarter Zeitung“ zur Absage Voßkuhles: „Es ist nicht meine Aufgabe zu verstehen, was er macht und was nicht.“ Er freue sich über den Preis, „wenn es für die Heuss-Stiftung jetzt aber zu kompliziert geworden sein sollte, mir diesen Preis zu verleihen, biete ich ihr gerne an, auf den Preis zu verzichten. Ich wäre der Stiftung nicht böse. Mein Leben hängt nicht an diesem Preis.“ Er wolle deshalb mit der Stiftung reden. Zu den alten Vorwürfen sagte Cohn-Bendit: „Ich habe keinen Bock mehr, mich wegen dieser alten Sache immer wieder rechtfertigen zu müssen.“ Es handele sich um eine irrationale Debatte, „und ich werde es nicht schaffen, sie zu rationalisieren.“

17 Kommentare Kommentar schreiben

Ein Schlag ins Gesicht der Opfer.: Ja, was CB getan hatte, ist verjährt. Er kann dafür nicht mehr juristisch belangt werden. ABER: Ist das, was im Rahmen der katholischen Kirche an Missbrauch geschehen war, nicht auch verjährt? Und dennoch regen wir uns darüber auf und verurteilen die Täter moralisch? Und warum sollte es bei CB anders sein? Auch ihn müssen wir, wie jeden katholischen pädophilen Täter, auch wenn dessen Taten verjährt sind, moralisch verurteilen. Solchen Leuten Preise zu geben, ist ein Schlag ins Gesicht der Opfer.

Kann mir vielleicht.....: einer der pro DCB-Schreiber dessen damalige Seelenverfassung erläutern? Also provokant ist das? Und dann die 68-iger und das Büchle war ja 1975. Alles supi - aber welcher normale Mensch würde solchen Quatsch schreiben! Egal, ob jetzt 1968, 1975 oder im 2.Jahrhundert. Da bereitet ja sogar die katholische Kirche ihre unseelige Geschichte besser auf als wie der - offensichtlich nicht ganz normal tickende - DCB seine Eigene! Es ist unglaublich widerlich.

wer denn nun die 'wahren Propheten' sind, nachdem die 68er ja: nach einem bestimmten Weltbild geurteilt die 'falschen Propheten' sind/waren? Selektive Wahrnehmung usw. kann man nachlesen, welche Nachteile diese mit sich bringt. U.a. aber nicht nur in der Persönlichkeitsbildung. Es ist doch immer wieder verwunderlich, grad 'bei de Schdudierdde'. Die Aufklärung ist doch noch nicht vorbei? Oder gar doch? Und DAS (gelb-schwarze Koalition, Rüstungsexporte ohne Scham und Moral trotz christlichem Leitbild z.B.) ist schon das Ende? Sackzement.

Punkt.: Doppelpunkt. Ausrufezeichen.

Steinewerfer: Daß ein C-B immerhin versucht hat, das erlebte zu dokumentieren, ist eine Qualität für sich. In Zeiten des Umbruchs wurden immerhin Veränderungen auch wahrgenommen. Pädophilie, warum soll sie in der Spontiszene anders sein, als im katholischen Internat? Nur, da hat man sehr lange Zeit gebraucht, es aufzudecken. Abgearbeitet ist es deshalb noch lange nicht. Und Herr Voßkuhle mißt mit zweierlei Maß. Verurteilte Steuerbetrüger erhalten das Bundesverdienstkreuz, ein europäischer Politiker, der diesen Titel verdient wir geschnitten. Man kann sich auch selbst ein Bein stellen. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.