Elektromobilität Die Straßenlaterne wird zur Stromquelle

Von  

Zwei Berliner Tüftler haben ein revolutionäres Ladesystem für E-Autos entwickelt. Statt teurer Stromsäulen werden einfach die Straßenlaternen technisch angepasst.

Demnächst will die junge Berliner Firma Ubitricity 100 Straßenlaternen mit Steckdosen ausstatten. Foto: Ubitricity
Demnächst will die junge Berliner Firma Ubitricity 100 Straßenlaternen mit Steckdosen ausstatten.Foto: Ubitricity

Berlin - Eine Million Elektroautos sollen bis 2020 auf deutschen Straßen fahren. So lautet das Ziel der Bundes­regierung. Bis jetzt ist man davon weit entfernt, denn es fehlen nicht nur preisgünstige E-Cars, sondern auch die nötige Infrastruktur ist noch nicht aufgebaut. Der Aufbau eines Netzes von 150 000 Ladestationen, die sich die EU-Kommission allein in Deutschland wünscht, könnte bis zu 750 Millionen Euro kosten. Weder die Autoindustrie noch die Strombranche wollen Investitionen in diesem Umfang riskieren.

Für Knut Hechtfischer und Frank Pawlitschek ist so viel Aufwand aber auch gar nicht nötig. Die beiden Berliner Tüftler haben ein preisgünstiges Ladesystem für Elektroautos entwickelt, das teure Ladesäulen überflüssig machen könnte. Kernstück ist ein intelligentes Stromkabel mit Zählerbox, das sich an jede haushaltsübliche Steckdose anschließen lässt und den Ladeprozess steuert. Der gezapfte Autostrom soll dann über Mobilfunk automatisch abgerechnet werden.

Die Idee hat auch Heinz Dürr überzeugt. Der Stuttgarter Unternehmer und frühere Bahn-Chef hat sich über seine Familienholding an Ubitricity beteiligt. Die beiden Gründer konnten bereits weitere namhafte Investoren gewinnen, darunter die IBB Beteiligungsgesellschaft, die in der Hauptstadt hoffnungsvolle Jungunternehmen fördert. Auch das Bundeswirtschaftsministerium unterstützt das Projekt. Mit Rupert Stützle übernahm Ende vorigen Jahres zudem ein versierter Ingenieur vom Autozulieferer Bosch die Aufgaben des technischen Geschäftsführers.

Bessere politische Rahmenbedingungen seien nötig

Im nächsten Jahr soll die Serienproduktion der Ladekabel beginnen. „Wir liegen im Zeitplan“, sagte eine Firmensprecherin der Stuttgarter Zeitung. Nach erfolgreichen Tests erster Prototypen sollen bis Jahresende 100 Berliner Straßenlaternen mit Steckdosen ausgestattet und zu Stromtankstellen umfunktioniert werden. Ubitricity kooperiere dabei mit dem Berliner Senat, führte die Sprecherin aus. Auch mit Autoherstellern und Stromkonzernen tausche man sich aus. Bislang allerdings verfolgen Daimler, BMW, RWE oder Siemens eigene Pläne beim ­Aufbau von Ladesystemen.

Ob sich ­Ubitricity gegen die mächtige Konkurrenz durchsetzen wird, kann heute niemand sagen. „Technologisch ist die ­Firma aber vorne mit dabei“, urteilt Professor Andreas Knie vom Innovationszentrum für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel in Berlin. Der geschäftliche Erfolg allerdings hänge davon ab, wie schnell sich Elektroautos hierzulande durchsetzten. Dafür seien bessere politische Rahmenbedingungen nötig als bisher.

Für Heinz Dürr jedenfalls steht fest: „Ubitricity hat das Potenzial, das Infrastrukturproblem von Elektroautos zu lösen, vor allem weil das System wesentlich billiger ist als Ladesäulen. Da sich der Zähler und die Elektronik zur Erfassung und Abrechnung im mobilen Ladekabel befinden, ist keine teure stationäre Technik nötig. Laut Ubitricity kostet der Aufbau üblicher Stromtankstellen bis zu 10 000 Euro pro Anlage. Das sind Ausgaben, die sich durch den Verkauf von Strom so schnell nicht refinanzieren lassen. Der Umbau einer Straßenlaterne dagegen schlägt mit nur 300 Euro zu Buche, erklärt das Start-up.

Die Systemsteckdosen sollen vereinheitlicht werden

Das Ladesystem soll bei allen Elektroautos funktionieren, wobei die Berliner davon profitieren, dass die EU einen europaweiten Standard für die Steckeranschlüsse beschlossen hat. Die benötigten Systemsteckdosen sollen anfangs rund 100 Euro kosten, sinnvollerweise sollte man sie auch daheim installieren. Denn egal, wo man seine Batterie auflädt, die zum Kabel gehörende Elektronik erfasst jeden Vorgang, der dann mit Nachweis auf der Stromrechnung aufgelistet und vom gewünschten Konto abgebucht wird. Den Stromanbieter und den Tarif für den „Mobilstrom“ kann man sich aussuchen.

So weit die Theorie. In der Praxis allerdings bricht das Elektrozeitalter auf deutschen Straßen viel später an, als einst von der Politik und der Wirtschaft versprochen wurde. In den ersten sechs Monaten dieses Jahres wurden nach Angaben des Kraftfahrtbundesamts bundesweit gerade mal 2389 Elektroautos zugelassen. In Berlin, immerhin einer der Förder- und Modellregionen, kamen im Juni sogar nur fünf neue Elektroautos auf die Straße.

  Artikel teilen
8 KommentareKommentar schreiben

Wieso ...: ... gehen eigentlich die Kommunen in Sachen Elektromobilität nicht einfach mit gutem Beispiel voran und bieten KOSTENLOSE Lademöglichkeiten für die Bürger?

Absolute Top-Idee! Höchster Kolumbus-Ei-Faktor!: Stadtwerke in Bürgerhand könnten fairen Strom via Laterne verkaufen. Darüber hinaus könnten bürgerliche Stadtwerke die Fortbewegung via E-Mobil durch eine Flottenpolitik plus Carsharing unterstützen. Oder Bürger und Regionale Teilhaber erwerben in Nutzergem,einschaften Elektro-Autos oder Elektro-Fortbewegungsmittel, die evtl. im Bauspar-Modell finanziert werden. Sehr geil. Mal sehen, ob das Konzept die Wirklichkeit überlebt. Zu wünschen wäre es in jedem Fall, Daumen hoch.

Regenerative Energien: Das hat ja nun wirklich jeder selbst in der Hand, aus welchen Quellen der genutzte Strom kommt! Man muss nur die Initiative ergreifen und wechseln. Am besten ist selbst erzeugter Strom!

ob das kommt oder nicht: es ist quatsch. elektromobilität ist quatsch. egal ob fahrrad, moped oder auto. solange unser strom aus kohle, gas oder atomkraftwerken kommt ist das idiotie.

Vielle grüne Ideen ....: ... da könnte man ja auch gleich an der Oberleitung der Straßen-Bahn tanken. Vorteil: Ist schon Gleichstrom, keine Wandlungsverluste und der Akku ist quasi sofort voll ......

Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt. Alternativ können Sie sich mit Ihrem Facebook-Account anmelden.