Elektromobilität Elektromotor schaltet sich auf Knopfdruck zu

Von fal 

In der Region Stuttgart tüfteln Firmen daran, wie man normale Lieferwagen in Hybridautos verwandelt – in der Transporter-Sparte gibt es nämlich noch keine Angebote an solchen Fahrzeugen.

Ein Hybrid-Fahrzeug ist schon im täglichen Dienst. Foto: dpd
Ein Hybrid-Fahrzeug ist schon im täglichen Dienst.Foto: dpd

Stuttgart - Kaum zu glauben, aber wahr: Noch immer gibt es weltweit keinen Automobilhersteller, der Lieferwagen als Hybridvariante, also mit Diesel- und Elektromotor, anbietet. Reine E-Transporter sind zwar schon zu haben, wie der Kangoo von Renault. Doch für Paketzusteller oder Handwerker genügt oft die Reichweite nicht; sie müssen teils mehr als 100 Kilometer täglich fahren, und das schafft man mit den derzeitigen Batterien nicht. Ein Konsortium von neun Firmen auch aus der Region Stuttgart hat deshalb jetzt einen Elektro-Nachrüstsatz für Sprinter und andere Lieferwagen entwickelt, ein Fahrzeug ist bei DPD schon unterwegs. Die Serienreife ist aber noch nicht erreicht.

Der Nachrüstsatz namens „Elena“ (Elektronischer Nachrüstsatz oder neudeutsch Plug-in Hybrid Electric Vehicle) wird beim Sprinter im Unterboden angebracht, so dass kein Laderaum verloren geht – der Satz aus Elektromotor mit 40 Kilowatt Leistung, Batterie, Zwischengetriebe und geänderter Abgasanlage ist also nur sichtbar, wenn man sich unter das Fahrzeug legt. Der Fahrer kann nun per Knopfdruck entscheiden, ob der Lieferwagen rein elektrisch angetrieben wird (die Reichweite liegt bei 50 Kilometer), ob Elektro- und Dieselmotor gleichzeitig in Betrieb sein sollen oder man mit herkömmlichem Antrieb fährt. Insgesamt spare man bis zu 40 Prozent Sprit, da bei Talfahrten Energie zurückgewonnen wird.

Die Abnehmer tun damit nicht nur etwas für das Klima und gegen Feinstaub, sie haben weitere handfeste Vorteile. Erstens dürfen Fahrer, die nur den Führerschein Klasse B haben, seit kurzem Lieferwagen bis zu 4,2 Tonnen fahren, wenn es sich um Elektro- oder Hybridautos handelt. Zustellerfirmen können also größere Fahrzeuge einsetzen, ohne Fahrer mit Lkw-Führerschein anzustellen. Zweitens erlassen immer mehr Städte Fahrverbote für die Innenstädte oder beschränken die Zufahrt; mit „grünen“ Autos gibt es da kein Problem. Und drittens kann man den Nachrüstsatz „Elena“ auch wieder ausbauen und in ein neues Fahrzeug übernehmen.

Die Kosten sind bisher noch das größte Problem

Der Paketdienstleister DPD hat jetzt einen der ersten sechs Sprinter-Prototypen übernommen und setzt ihn vorwiegend in Stuttgart, Bietigheim-Bissingen und Ludwigsburg ein. Nun könne man erstmals auch in weiter entfernten Gebieten emissionsfrei zustellen, sagt Peter Hirsch, der DPD-Transportleiter in Ludwigsburg: „Das gibt uns deutlich mehr Flexibilität und eröffnet ganz neue Einsatzmöglichkeiten.“ Vor allem werde der Nachrüstsatz durch die neue 4,2-Tonnen-Transportleistung wirtschaftlich. Huber betont: „Wir rechnen damit, dass sich die Kosten einer Nachrüstung nach vier Jahren amortisieren, was für uns erstmals eine wirtschaftliche Nutzung von Elektroantrieben in greifbare Nähe rückt.“

Tatsächlich sind die Kosten noch das große Problem. Zu dem Konsortium gehören Firmen wie Aradex, WS-Engineering und Lauer & Weiss, aber auch die Hochschule Esslingen oder das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung. Die Huber Group mit Sitz in Mühlhausen (Kreis Göppingen) liefert die komplizierte Systemsteuerung. Der dortige Projektleiter Vinko Rodin sagt, Ziel sei es, den Nachrüstsatz für 20 000 Euro anzubieten; aber davon sei man noch weit entfernt. In den vergangenen vier Jahren ist die Entwicklung zweimal durch das Bundesförderprogramm für Elektromobilität (siehe Zusatztext) unterstützt worden, derzeit bewirbt man sich um eine dritte und letzte Zuschussphase: „Dann könnten wir das Produkt zur Serienreife bringen“, sagt auch Heiko Bölstler von der Huber Group.

Demnächst wird über die Serienreife entschieden

Einen herben Rückschlag mussten die Entwickler des Nachrüstsatzes zuletzt aber hinnehmen: Daimler habe in den letzten Verhandlungen abgewunken und wolle nicht in das Projekt einsteigen. Womöglich plane das Unternehmen, in den nächsten Jahren selbst ein Hybridfahrzeug im Transporterbereich auf den Markt zu bringen. Womöglich glaubt man in Untertürkheim auch nicht an die Wirtschaftlichkeit.

Für Vinko Rodin bleiben dennoch viele Möglichkeiten für „Elena“ offen: Der Nachrüstsatz soll einmal in die Lieferwagen aller Hersteller eingebaut und auch für Sonderfahrzeuge genutzt werden können. „Der Nachrüstsatz kommt auf Messen jedenfalls hervorragend an“, sagt Heiko Bölstler, manche Interessenten würden das Paket am liebsten gleich kaufen. Doch dann müssen die Entwickler leider abwinken und sagen: „Tut uns Leid, so weit sind wir noch nicht.“ Ob es jemals zur Serienreife kommen wird, entscheidet sich nun in den nächsten Monaten.

Zusatzinformationen

Mittlerweile sind die Projekte zur nachhaltigen Mobilität in der Region Stuttgart kaum noch überschaubar – auch weil viele darum wetteifern, besonders modern klingende Namen zu kreieren, wie „Netz-E-2-R“ oder „Inflott“ oder „Audi Neos“. Dies sind für die Region die drei wichtigsten Förderprogramme. Die Wirtschaftsförderung Region Stuttgart ist an allen beteiligt oder gar Leitstelle.

Seit 2012 fördert der Bund die Elektromobilität mit 180 Millionen Euro. Stuttgart und Karlsruhe wurden als ein „Schaufenster zur Elektromobilität“ ausgewählt. Es heißt hier „LivingLab BW mobil“. Im Land sind 40 Projekte am Laufen; so geht es darum, E-Autos in Dienstflotten einzusetzen („Inflott“).

Seit wenigen Jahren hat der Verband Region Stuttgart (VRS) ein eigenes Förderprogramm für nachhaltige Mobilität, für das bis 2020 mit 3,5 Millionen Euro zur Verfügung stehen. Zum Beispiel werden Pedelec-Stationen am Bahnhof („Netz-E-2-R“) aufgebaut oder die Mitnahme von Rädern in Bussen ermöglicht.

Im Jahr 2011 haben Land, VRS und Stadt Stuttgart die Initiative „Nachhaltig mobile Region Stuttgart“ (Namoreg) gegründet. Ein wichtiges Projekt war, den Fahrplan in Bussen und Bahnen in Echtzeit anzuzeigen. Dieses Ziel konnte mittlerweile weitgehend umgesetzt werden.

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