Krimikolumne

Emma Garnier: Grandhotel Angst Schauerliches für Angsthasen

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Emma Garnier hat dem ligurischen Grandhotel Angst ein literarisches Denkmal gesetzt – leider mit keinem sonderlich stabilen Fundament.

Emma Garniers „Grandhotel Angst“ spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Italien. Foto: Christian Kerber
Emma Garniers „Grandhotel Angst“ spielt Ende des 19. Jahrhunderts in Italien. Foto: Christian Kerber

Bordighera - Dieser Bau fasziniert: In Bordighera an der ligurischen Küste Italiens steht ein großer Kasten, der seine besten Jahre in der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte – das Grandhotel Angst. In seiner Blütezeit beherbergte es vor allem englische High Society des Fin de Siècle, die sich in ihrer Sehnsucht nach Wärme, Sonne und exotischen Düften auf die Spuren des Romans Il Dottor Antonio von Chevalier Giovanni Ruffini begab, der die italienische Riviera zum botanischen Elysium verklärte.

Benannt worden war das Grandhotel Angst nach seinem Erbauer Adolf Angst, wie Emma Garnier in ihrem Nachwort zu ihrem Roman erzählt. Als sie 2003 das rissige Gemäuer auf einer Urlaubsreise entdeckt habe, habe sie der Name zunächst gewundert. Dann aber habe sie erkannt, dass zur Zeit der Erbauung bei den Menschen jene Schauerromane beliebt waren, deren Ruhm sich teils bis heute erhalten hat: Bram Stokers Dracula oder auch „Die Insel des Dr. Moreau“ von H. G. Wells. Offenbar habe dahinter die Idee gestanden, dem Gast mit einer Reminiszenz an die Gruselgeschichten einen wohligen Schauer in die Nachtruhe mitzugeben.

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In eben diese Tradition stellt Emma Garnier ihren Roman, der so heißt wie das Hotel. Sie erzählt von der jungen Engländerin Nell, die den deutlich älteren Oliver geheiratet hat. Eigentlich reist das Paar an die ligurische Küste, um in der luxuriösen Herberge die Flitterwochen zu verbringen. Doch bald stellt sich heraus, dass Oliver einige dunkle Geheimnisse hat. Als ein Hotelgast überraschend stirbt, beginnt Nell nachzuforschen und stößt auf eine unheimliche Legende. Schließlich gerät sie selbst in tödliche Gefahr.

Kolportagehafte Handlung und schlichte Charakterzeichnung

Fasziniert war Emma Garnier vom Hotel und seiner Geschichte. Ob es da eine richtige Entscheidung gewesen ist, eine junge englische Frau als Ich-Erzählerin das Geschehen schildern zu lassen? Zwar ergeht sich Nell in allerlei Naturschwelgereien und beschreibt Hotel wie Gäste, doch es bleibt alles Kulisse für den schauerlichen Kriminfall, der sich innerhalb weniger Tage abspielt. Verschenkt wird das ganze Potenzial der Jahrzehnte langen Geschichte des Grandhotels Angst, das im Ersten Weltkrieg als Hospital für englische Patienten und während des Zweiten Weltkrieges als Auffanglager für italienischstämmige Flüchtlinge aus den Kolonialgebieten Libyen und Ostafrika diente.

Die bisweilen kolportagehafte Handlung, deren Wendungen der Leser der angesichts der nur wenige Tage umfassenden erzählten Zeit bisweilen nur schwer folgen kann und die eher schlichte Charakterzeichnung verstärken das Gefühl, das bei diesem Thema viel mehr möglich gewesen wäre. Man denke nur an Vicky Baums Menschen im Hotel oder eben an Bram Stokers Dracula.

Emma Garnier: Grandhotel Angst. Penguin Verlag München 2017. Paperback, Klappenbroschur, 320 Seiten, 13 Euro. Auch als E-Book, 9,99 Euro.