Mit großem Brimborium wollte das Forum damals mehrere Friedenspreise verleihen – unter anderem an den südafrikanischen Bischof Desmond Tutu und den russischen Präsidenten Wladimir Putin, zu dem Bykov schon damals gute Kontakte nachgesagt wurden. Ob er auch offiziell einer der Wirtschaftsberater Putins war, blieb immer diffus. Die Preisverleihung erfolgte durch Putins Vorvorgänger Michail Gorbatschow, für das Rahmenprogramm im Zuger Stadtcasino hatte man das russische Staatsorchester und die Starlets Michelle Hunziker und Lolita Morena engagiert. Beköstigt wurden die Gäste mit Champagner und Kaviarhäppchen.
Doch das Großaufgebot an Prominenz half wenig, die Preisverleihung wurde von Protesten überlagert. Greenpeace sah darin eine Reinwaschung für „fragwürdige Atomgeschäfte“, der Zuger Landammann sagte demonstrativ wieder ab – auch wegen Putins Rolle im Tschetschenienkrieg, aber vor allem, weil er sich nicht für undurchsichtige PR-Zwecke einspannen lassen wollte. Bykov zeigte sich damals fassungslos über das ihm entgegenschlagende Misstrauen. Er werde weiterhin für Abrüstung kämpfen, verkündete er trotzig.
An Medienkontakten hat Bykov kein Interesse
Nach dem Fehlschlag indes mied er die Öffentlichkeit, bis heute. An Medienkontakten sei er nicht interessiert, sagt sein deutscher Anwalt. Die deutsch-russische Außenhandelskammer in Moskau, deren Präsidialrat er angehört, darf nicht einmal seine Kontaktdaten herausgeben. In der Mitgliederliste, die auch die deutschen Topmanager Klaus Mangold und Eckhard Cordes aufführt, firmiert er als „Geschäftsführer von Energonavigator“. Die Firma bietet sich als Plattform an, um internationale Kontakte in der Energiebranche und den gegenseitigen Austausch zu fördern – teils bei Konferenzen, teils im Internet. Dort ist Bykov immerhin auf Videos zu sehen: ein Mann um die fünfzig mit weichem, bubenhaften Gesicht, dessen Züge ein wenig an den jungen Jelzin erinnern. Auffällig sind seine braunen Augen, die beim Reden ständig hin und her wandern – als würde er das Publikum abscannen. Bykov sei religiös und verehre den heiligen Nikolaus, heißt es, er soll auch karitativ tätig sein.
Doch meistens geht es wohl um Geschäfte. Vom Zuger „Abrüstungsforum“ gibt es übrigens eine interessante Verbindung zu einer der beiden Firmen, die die EnBW heute darauf verklagen, 120 Millionen Euro für angebliche Lobbyarbeit in Russland behalten zu dürfen: Die Eurepa Suisse SA residierte damals unter der gleichen Adresse wie NDF. Später zog sie ebenso wie die zweite klagende Firma, Pro Life Systems SA, nach Zürich um. Ihr Zweck ist laut Schweizer Handelsregister bei Eurepa „der Aufbau eines internationalen Netzwerks . . . zwischen Westeuropa und den GUS-Ländern, insbesondere in den Bereichen Energie und Versicherungswesen“, bei Pro Life Systems geht es um Bau und Vertrieb von Kontroll- und Mautsystemen für Verkehr, Transport und Logistik. 2009 ist Bykov aus den Funktionen dort ausgeschieden. Inwieweit er mit den Firmen verbunden blieb, ist unklar.
Im gleichen Züricher Bürohaus, Stockerstrasse 50, residierten damals zwei Bykov-Firmen, an denen die EnBW beteiligt war: Easy Toll Systems und ETS Premium. Angeblich ging es dort um ein System, mit dem der Weg radioaktiver Materialien in Russland verfolgt werden sollte. Nachdem Moskau die Mittel dafür gestrichen hatte, versandeten die Pläne. Inzwischen sind die Unternehmen liquidiert. In ihren Gremien saßen einst zwei der Manager, gegen die die EnBW heute klagt: Heni und der gerade wiederbestellte Technikvorstand Hans-Josef Zimmer. Heni war Ende der neunziger Jahre übrigens auch an Gesprächen mit russischen und Schweizer Akteuren beteiligt, in denen es um ein atomares Endlager in Russland ging. Diesen „Meinungsaustausch“ habe aber nicht die EnBW initiiert, versicherte das Unternehmen später. Konzernintern beflügelt der Vorgang die Spekulationen, bei der Russland-Affäre gehe es um weitaus mehr, als bisher bekannt sei.
Mehr Klarheit könnte es geben, wenn Bykovs Klage der EnBW auch offiziell zugestellt wird – und eines Tages öffentlich darüber verhandelt würde. Noch indes liegt die 77-seitige Schrift beim Karlsruher Landgericht, das auf den Kostenvorschuss von 300 000 Euro wartet. Über die Gründe des Zögerns darf Bykovs Anwalt – was Wunder – nichts verraten.


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