EnBW-Deal Zu teuer oder angemessen? Experten uneins

dpa/lsw, 12.10.2012 15:28 Uhr

Stuttgart - Waren 4,7 Milliarden Euro Ende 2010 für das Land ein guter Preis für ein 45-prozentiges Aktien-Paket des Karlsruher Energieversorgers EnBW? Mehrere Experten standen am Freitag dem Untersuchungsausschuss des Landtags Rede und Antwort und erläuterten, wie sie zu ihren unterschiedlichen Einschätzungen zum Kaufpreis kamen.

Universitätsprofessor: Preis angemessen

Der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) hatte Ende 2010 am Parlament vorbei das Aktien-Paket vom französischen Konzern EdF zurückgekauft. „Es gibt keine Hinweise darauf, dass dieser Preis falsch war“, sagte der Universitätsprofessor Dirk Schiereck. Der Preis von 41,50 Euro pro Aktie, den die EdF erhalten hatte, habe innerhalb einer vernünftigen Preisspanne gelegen.

Wirtschaftsprüfer: Überteuerte Transaktion

Dagegen betrachtete der Wirtschaftsprüfer Martin Jonas den Deal als „überteuerte Transaktion“. Das Land habe nach seinen Erkenntnissen mindestens 834 Millionen Euro zu viel bezahlt. Er gehe von einem fairen Wert pro Aktie von 34,09 Euro aus - statt den insgesamt vom Land gezahlten 41,50 Euro. Jonas' Gutachten ist Basis der Schiedsklage des Landes gegen die EdF, mit der es vermeintlich zu viel gezahltes Geld zurückbekommen will. Schiereck hatte gemeinsam mit dem Trierer Professor Christian Kammlott eine Expertise für den Untersuchungsausschuss angefertigt.

Auf Nachfrage des SPD-Obmanns Andreas Stoch sagte Schiereck, auch ein Preis von zum Beispiel 52 Euro wäre aus seiner Sicht als „fair und angemessen“ zu bezeichnen gewesen. Denn er befinde sich immer noch innerhalb einer Bandbreite, die die Investmentbank Morgan Stanley mit einer Fairness Opinion (Unternehmensbewertung aufgrund öffentlich zugänglicher Informationen) ermittelt hatte. Diese reicht von 30,20 bis 66,10 Euro pro Aktie. Es gebe eben keine Punktschätzung für den Wert eines Unternehmens, widersprach Schiereck dem Wirtschaftsprüfer Jonas. Stoch nannte das Verfahren der Fairness Opinion eine Farce. Der Erkenntnisgewinn tendiere bei einem solch breiten Korridor gen Null.

Mängel im Verfahren des Aktienkaufs

Jonas begründete seine These eines überhöhten Preises unter anderem mit dem kurz nach dem Bekanntwerden des Vertragsabschlusses massiv gestiegenen Aktienkurs des Verkäufers, der EdF. Jonas: „Richtung und Vorzeichen sagen uns, wir liegen mit unserer Einschätzung richtig, dass das Ganze für EdF ein guter Deal war.“

Professor Kammlott benannte Mängel im Verfahren des Aktienkaufs. So sei es „ungewöhnlich und hochriskant“ gewesen, dass Mappus Ende 2010 ohne jedwede weitere Informationen zum Unternehmen außer dem Buchwert in die Verhandlungen mit der EdF gegangen sei.

Schiereck räumte ein, das Land hätte zur Bewertung der Unternehmensanteile noch eine zweite Bank hinzuziehen sollen, „um einen unabhängigen Blick zu bekommen“ und damit die Qualität der Bewertung zu verbessern. Denn für Mappus' Deal hatte nur die Investmentbank Morgan Stanley eine Fairness Opinion abgegeben. Der Ex-Deutschlandchef von Morgan Stanley, Dirk Notheis, beriet aber zugleich seinen Freund Mappus.

Aus Sicht von Kammlott und Schiereck ist ein Zuschlag für ein 45-Prozent-Aktienpaket wie beim EnBW-Deal in Ordnung und unvermeidbar. Schiereck: „Ab 25 Prozent sind maßgebliche Entscheidungen durch den Eigentümer zu fällen.“ Jonas hält dagegen einen Zuschlag für nicht gerechtfertigt; eine Prämie sei aus Käufersicht nur zu vertreten, wenn ein Mehrgewinn winkt oder das Anteils-Paket teuer weiterverkauft werden soll. Jonas betonte mit Blick auf den durch den Zuschlag um mehrere 100 Millionen Euro verteuerten Preis: „Unter normalen Bedingungen wäre hier gar keine Transaktion gelaufen.“


 

 

 
 
Kommentare (46)
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OKT
16
Ludwigsburger, 11:39 Uhr

@ Hari Seldon

'(Die Regierung will nicht die EnBW-Anteile abtossen, und hat sogar noch 600 M€ nachgeschossen).' Sie sind ein rechter Witzbold, Hari Seldon. Was glauben, Sie welchen Preis das Land B-W derzeit für seine EnBW-Anteile erzielen könnte? Man würde einen Verlust von an die 1,5 Mrd Euro einfahren, wenn man das Paket jetzt 'abstoßen' würde, ganz abgesehen davon, dass weit und breit kein Interessent in Sicht ist. Der Landesregierung bleibt also gar nichts anderes übrig, als erst mal die EnBW zu behalten, ob sie das gut findet oder nicht. Ihr CDUler seid merkwürdig: Immer gegen Staatswirtschaft wettern und nach Privatisierung und freiem Markt rufen (hat die CDU nicht neulich die Privatisierung der Staatsbrauerei Rothaus gefordert?), aber wenn eine CDU-Regierung ein Unternehmen verstaatlicht, ist das natürlich total in Ordnung oder sogar genial.

OKT
15
Hari Seldon, 11:39 Uhr

@harald berner

Nun, die Frage: War der Preis in Ordnung oder nicht? Dass der Rückkauf in Ordnung war (ist) hat sogar die Grün-Rot Landesregierung nicht bezweifelt (Die Regierung will nicht die EnBW-Anteile abtossen, und hat sogar noch 600 M€ nachgeschossen). Aber bis jetzt konnte niemand eine rechtsverbindliche Antwort oder Kalkulation geben, dass der Preis zu hoch war. Jetzt hat die Landesregierung geklagt, und will auf Basis der 'Expertise' von M. Jonas 834 M€ zurück haben. Nun, der Gerichtsverfahren kostet nicht wenig Geld, und falls Land BaWü den Verfahren verlieren wird, muss das Land nicht wenig Geld bezahlen. Was ich geschrieben habe: Hätte der Herr M. Jonas Haftung für die zu bezahlende Rechnung falls der Gericthsverfahren verloren wird, weil Herr Jonas falsch kalkuliert hat (Arbeitsfehler)? Oder 'no risk, only fun', egal was passiert, kassiert er die Kohle (sein Honorar)? Falls Land Bawü den Gerichtsverfahren verlieren wird, wird dieser Sachverhalt auch bedeuten, dass Mappus NICHT zu viel bezahlt hat, und der Preis war in Ordnung. Wie ich weiss, ist Deutschland ein Rechtstaat. Und in einem Rechtstaat sind Vorverurteilungen auf Basis von Vorwürfen, usw. sind eigentlich NICHT erlaubt, nur unter einem gewissen intellektuellen Niveau. Bitte, denken Sie an dieses Niveau (wo steht eigentlich Ihr Niveau?), und warten wir ab, wie die Entscheidung im Gerichtsverfahren ausfallen wird. Danke.===PS.: Bitte, Sie erwähnen irgendwelche Strahlung aus Philippsburg nach Pforzheim. Nun, Greenpace Gurus haben jetzt 27 Stunden lang auf dem Dach eines AKWs in Sweden kampiert. Trotz der Horrorvisionen von Greenpeace haben alle die Strahlung auf dem Dach sehr gut überlebt (laut Greenpeace müssten die Leute schon nach kurzem Zeit totkrank sein), so nur auf Basis der Entfernung zwischen Pforzheim und AKW Philippsburg glaube ich es nicht, dass in Pforzheim irgendwelche Strahlung aus Philippsburg existieren würde.

OKT
15
Ludwigsburger, 10:57 Uhr

@ Nachdenken

Sie schreiben über Mappus: 'Er wollte nicht, daß über Energiefragen für Baden-Württemberg in Paris, London, Moskau oder sonst wo auf der Welt entschieden wird.' Sie haben in Ihrer Aufzählung Berlin vergessen. Dort ist die wohl wichtigste Energiefrage für Baden-Württemberg entschieden worden, nämlich der Atomausstieg. Diese Entscheidung konnte Mappus mit oder ohne den Rückkauf der EnBW-Anteile nicht beeinflussen. Was also wollen Sie mit Ihrem bedeutungsvollen Satz suggerieren? Welche für Baden-Württemberg bedeutsame Energiefrage ist in den letzten 10 Jahren in Paris entschieden worden? Welches Szenario hätte eintreten müssen, damit über das Energieschicksal Baden-Württembergs jemals in London oder gar Moskau entschieden worden wäre? Man muss schon eine überbordende Phantasie haben, um sich so etwas auszumalen. Immerhin zeigt Ihr Kommentar, dass Sie über die Funktionsweise der Börse zumindest Grundkenntnisse haben, im Gegensatz zu Herrn Mappus.

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