Ende des Zweiten Weltkriegs in Stuttgart Drei furchtbare Tage im April

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Es war eine schlimme Zeit für die Stuttgarter Bevölkerung, als vor 70 Jahren die französischen Truppen in die Stadt einmarschierten und der Zweite Weltkrieg endete. Denn es häuften sich Vergewaltigungen, willkürliche Verhaftungen und Plünderungen. Wir blicken zurück.

Der französische Soldat Raymond Lescastreyres hat dieses Foto von seinem Panzer aus gemacht – es zeigt, wie in Vaihingen deutsche Soldaten gefangen genommen werden. Die Bildergalerie zeigt weitere Motive aus dieser Zeit. Foto: Lescastreyres 10 Bilder
Der französische Soldat Raymond Lescastreyres hat dieses Foto von seinem Panzer aus gemacht – es zeigt, wie in Vaihingen deutsche Soldaten gefangen genommen werden. Die Bildergalerie zeigt weitere Motive aus dieser Zeit. Foto: Lescastreyres

Stuttgart - Viele Stuttgarter haben sich vor ihnen gefürchtet: Es sind zu einem guten Teil nordafrikanische Hilfstruppen der Franzosen, die an diesem 21. April 1945, einem warmen Frühlingstag mit viel Sonne, nach Stuttgart vordringen. Die teils dunkelhäutigen Männer haben Turbane auf, sie tragen lange Mäntel, und sie sehen nach dem strapaziösen Vormarsch durch den Schwarzwald einigermaßen verwahrlost aus. „Und sie stanken gewaltig“, erinnert sich Kurt Stohrer aus Kaltental, der damals neun Jahre alt war: „Aber sie hatten auch nichts mehr zum essen – sie waren genauso arm wie wir.“

Furcht legt sich auf die Stadt in jenen Stunden und in den folgenden Wochen. Die Menschen verbarrikadieren sich am Tag des Einmarschs in den Bunkern und Stollen, denn niemand weiß, ob es nicht doch noch eine letzte Schlacht um die größte Stadt im deutschen Südwesten geben wird. Freudenstadt haben die gleichen französischen Truppen fünf Tage zuvor fast dem Erdboden gleichgemacht, weil sich dort geringer Widerstand geregt hatte.

Dass diese Gefahr für Stuttgart im beinahe letzten Moment abgewendet wird, ist den Bürgern im Bunker nicht bekannt. Der Wehrmachtskommandant Paul Marbach erteilt seinen Truppen, die nur noch aus Kranken und einem Volkssturm mit Alten und Kindern bestehen, erst den Rückzugsbefehl, als die Franzosen schon in Degerloch stehen. Tote gibt es bei kleineren Scharmützeln dennoch auf beiden Seiten.

Die Rachegelüste sind groß. Von den Westmächten war Frankreich das einzige Land, das von den Deutschen tatsächlich besetzt gewesen war und in dem die Wehrmacht und die SS furchtbar gewütet hatten. „Was wir unter den Deutschen gelitten haben, ist unvorstellbar“, sagt ein französischer Soldat in einer Arte-Dokumentation: „Ich kam deshalb mit Hassgefühlen nach Deutschland.“ Es gab für die Truppen keinen Anlass, milde gestimmt zu sein.

Plünderungen waren zunächst an der Tagesordnung

Bei den marokkanischen, algerischen und tunesischen Soldaten kam hinzu, dass sie zwar immer ganz vorne an der Front eingesetzt wurden und die höchsten Verluste zu beklagen hatten, aber dennoch nur als französische Soldaten zweiter Klasse angesehen wurden. Jetzt waren sie erschöpft und ausgehungert – und so begannen viele, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Stuttgart wurde geplündert. Wie das ablaufen konnte, schildert Heinz Kohlmaier aus Feuerbach, damals elf Jahre alt: „Oft kamen die Franzosen in ein Haus, sperrten die Bewohner in ein Zimmer und durchsuchten alles. Sie nahmen alles mit, was sie brauchen konnten.“ Im Vorübergehen werden auch die Hasen und Hühner im Garten oder der Most im Keller requiriert.

Noch am 21. April hängen Plakate aus, auf denen die Franzosen ihre Regeln kund tun (siehe Bild): Sollte ein Soldat angegriffen werden, würden 25 Deutsche erschossen. Und den Deutschen wird die geringste Menge an Nahrung aller Besatzungszonen zugeteilt, 970 Kalorien pro Tag. Mehr wäre möglich gewesen, aber man orientiert sich daran, was die Franzosen unter deutscher Herrschaft erhalten haben. Am Montag nach der Besetzung seien zudem Tausende von Männern von der Straße weg verhaftet worden, schreibt Hermann Vietzen in seiner Chronik der Stadt. Die Franzosen suchen nach Soldaten, die ihre Uniform weggeworfen haben und untergetaucht sind. Viele kommen erst nach Wochen heim.