Energiesparen in Stuttgart Musterhaus als Musterbeispiel für künftiges Wohnen?

Thomas Braun, 09.11.2012 09:36 Uhr

Stuttgart - Über den Plan des Stuttgarter Universitätsprofessors Werner Sobek, in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung ein Energiemusterhaus nach Berliner Vorbild zu errichten , gibt es Streit. Zwar stehen nahezu alle Fraktionen des Gemeinderats mit Ausnahme der SÖS/Linke hinter dem Konzept, doch der Standort bleibt umstritten. Dagegen melden sich aus der Architektenschaft auch Stimmen, die Sobeks 2,1 Millionen teures Modellprojekt, das er gemeinsam mit Daimler und weiteren Partnern sowie aus Bundeszuschüssen finanzieren will. nicht für zukunftsweisend halten.

In Berlin steht schon ein solches Sobek-Haus

In Berlin hat Sobek, der auch in der Politik bestens vernetzt ist, ein solches Projekt bereits umgesetzt. Zur Eröffnung des sogenannten Energieeffizienzhauses Ende vergangenen Jahres kamen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) und lobten das Projekt in den höchsten Tönen. Seit März 2012 erprobt dort eine vierköpfige Familie den Alltag in einem Haus, das mehr Strom produziert als es verbraucht. Mit dem Überschuss werden Elektromobile „betankt“, der Rest wird ins Stromnetz eingespeist. Für manche Wissenschaftler gilt Sobeks Musterhaus allerdings eher als Wolkenkuckucksheim: Harald Dück, Kollege von Sobek an der Uni Stuttgart und Leiter des dortigen Forschungs- und Testzentrums für Solaranlagen, kritisierte im August 2012 im Magazin „Spiegel“ die Abhängigkeit des Hauses von der Solarenergie, die nicht als Reserve für die Wintermonate gespeichert werden könne. Und auch die Berliner Testfamilie zeigte sich laut einem Bericht von Spiegel-TV skeptisch, ob ihr derzeitiges Heim wirklich die Wohnform der Zukunft sein kann. Bei seinem Stuttgarter Projekt will Sobek allerdings auch neue Speichertechniken erproben. Doch die von ihm und OB Wolfgang Schuster als Standort favorisierte Baubrache am Bruckmannweg erscheint auch den Grünen und der SPD im Rat als ungeeignet. Sie hatten bereits vor zwei Wochen im Wirtschaftsausschuss des Gemeinderats einen neuen Suchlauf gefordert. In einem Antrag zur Sitzung des Gremiums am Freitag legt die Ökofraktion nach: Neben dem Neckarpark wird auch das Wohngebiet Veielbrunnen, das Rosensteinviertel sowie das Areal des ehemals geplanten Modezentrums Szenario auf dem Killesberg als Alternative genannt.

Kritik von Kollegen des Architekten

Grünen-Fraktionschef Peter Pätzold sieht in der Anbindung des sogenannten E-Lab an geplante oder existierende Wohngebiete einen Vorteil gegenüber einer singulären und „elitären“ Wohnform am Weißenhof. Er verweist auf eine Verwaltungsvorlage aus dem Jahr 2007, wonach als Standorte für sogenannte energiesparende Triple-Zero-Häuser auch innerstädtische Areale wie der City Prag, im Hallschlag oder auf dem ehemaligen Cannstatter Güterbahnhofsareal in Frage kommen. Manche Städteplaner und Architekten, die ebenfalls auf dem Gebiet der Energieplushäuser forschen und entwickeln, sehen das ähnlich: Manfred Fisch, Professor für Energiedesign, Bauphysik und Solartechnik an der Uni Braunschweig etwa sieht die Entwicklungschancen der neuen Techniken nicht im Einfamilienhaus, sondern in Miet- und Eigentumswohnungen im innerstädtischen Bereich. Fisch hat zurzeit entsprechende Siedlungen in Esslingen und Frankfurt in Planung.Sobeks Drohung, er könne das Projekt auch andernorts realisieren, schreckt die Grünen nicht. Obwohl der Professor mit Hinweis auf den Terminplan eine Entscheidung über den Standort für die Sitzung am Freitag angemahnt hat, will die Fraktion das Thema erst am 23. November im Technischen Ausschuss beraten.

Auch der Verein der Freunde der Weißenhofsiedlung sieht den Standort „sehr kritisch“. In einem Brief an alle Fraktionschefs im Rathaus heißt es, ein experimentelles Gebäude in der Weißenhofsiedlung dürfe es ohne ein Gesamtkonzept für das Ensemble, das den Belangen des Denkmalschutzes Rechnung trage und eine tragfähige Verbindung von den ursprünglichen Zielen der Avantgarde des 20. Jahrhunderts zu den zukunftsweisenden Bautypologien des 21. Jahrhunderts schaffe, nicht geben.