Energiewende Netzbetreiber werben um das Ja der Bürger

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27 Milliarden Euro wird der Netzausbau kosten. Dennoch ist nicht Geld, sondern Akzeptanz das Hauptproblem bei der Umsetzung der Energiewende.

Die Zahl   der zusätzlichen Trassenkilometer   beschreibt allerdings nur den  kleineren Teil der Infrastrukturmaßnahmen. Foto: dpa
Die Zahl der zusätzlichen Trassenkilometer beschreibt allerdings nur den kleineren Teil der Infrastrukturmaßnahmen.Foto: dpa

Stuttgart - Um angesichts der Energiewende die Stromversorgung in Deutschland zu sichern, müssen bis 2020 rund 3800 Kilometer neue Stromleitungen durch die Republik gebaut werden. Der Schwerpunkt des Ausbaus liegt in vier Nord-Süd-Trassen, die den Offshore-Windstrom aus Nord- und Ostsee in die Gebiete mit hoher Nachfrage in Süddeutschland transportieren sollen. Das haben die vier Übertragungsnetzbetreiber bei der Vorstellung des Entwurfs für den Netzentwicklungsplan erläutert.

Die Zahl der zusätzlichen Trassenkilometer beschreibt allerdings nur den kleineren Teil der Infrastrukturmaßnahmen, die notwendig sind, um die Strom-Autobahnen für die atomkraftfreie Energieversorgung der Zukunft nachzurüsten. Nimmt man alle bereits beschlossenen Projekte zur Optimierung und Verstärkung bestehender Leitungen sowie zum Bau zusätzlicher Netze und die Projekte aus dem gestern vorgestellten Entwurf zusammen, dann müssen bis 2022 rund 10 000 Kilometer neue Übertragungsleitungen verlegt werden. Mehr als die Hälfte wird nach Angaben von Tennet-Geschäftsführer Martin Fuchs allerdings auf bereits bestehenden Trassen geführt.

1,2 Millionen Kilometer neue Stromkabel

Experten schätzen, dass im Zuge des Übertragungsnetzausbaus insgesamt etwa 1,2 Millionen Kilometer neue Stromkabel verlegt werden müssen. Der Netzausbau ist damit wahrscheinlich das größte Infrastrukturprojekt, das in Deutschland in den nächsten Jahren zu bewältigen ist.

Tennet-Geschäftsführer Fuchs, der den Entwurf gemeinsam mit seinen Kollegen Boris Schucht (50-Hertz), Rainer Joswig (Transnet BW) und Klaus Kleine­korte (Amprion) vorgestellt hat, ist überzeugt davon, dass die Betreiber damit eine „solide Planungsbasis für die Bundesnetzagentur und den Gesetzgeber“ geliefert haben. Fuchs bezifferte die Kosten für die Realisierung des gestern präsentierten Planungsentwurfs auf 20 Milliarden Euro; die bereits in Gesetzesform gegossenen Altprojekte für den Netzausbau schlagen zusätzlich mit sieben Milliarden Euro zu Buche. Darin sind die Kosten für die Anbindung der Offshore-Windparks an die Küste allerdings noch nicht enthalten.

Die vier Unternehmen sind überzeugt, dass die Investitionen in neue und leistungsfähigere Netze nur einen geringen Anteil an den Kosten der Energiewende verursachen werden; diesen Anteil beziffern sie auf etwa fünf bis zehn Prozent. Von einem finanziellen Engpass sprechen die Betreiber nicht. Sie sind hingegen sicher, dass der Netzausbau „das Tempo der Energiewende bestimmen“ wird.

Bis 2015 bewältigt

Fuchs betonte, dass eine Verstärkung der vorhandenen Netzkapazitäten bereits bis 2015 bewältigt sein muss. Auch bei den vier Nord-Süd-Autobahnen für den Windstrom drücken die Betreiber aufs Tempo. „Wenn 2015 das Atomkraftwerk in Grafenrheinfeld vom Netz geht, muss die Trasse von Thüringen nach Bayern fertig sein“, betonte der Tennet-Manager. „Und weil die Meiler in Gundremmingen 2017 und 2019 abgeschaltet werden, wäre es wünschenswert, wenn die großen Korridore am Ende dieses Jahrzehnts realisiert wären.“

Die Netzbetreiber wissen, dass die Vorbehalte von Bürgern gegen neue Leitungen die Achillesferse für den Netzausbau sind. „Wir brauchen einen breiten Konsens mit Gesellschaft und Politik“, sagte der Transnet-BW-Geschäftsführer Rainer Joswig. Die Transnet BW ist eine Tochter der Energie Baden-Württemberg (EnBW). Alle vier Unternehmen betonten, dass sie einen engen Schulterschluss mit der Politik, mit den Behörden und mit den Bürgern suchen. Deshalb haben sie gestern den Startschuss für die Bürgerbeteiligung gegeben. Jeder Interessierte soll sich am Konsultationsverfahren, dessen erster Teil in den nächsten sechs Wochen läuft, beteiligen können. Festgelegt sind bisher nur die Anfangs- und Endpunkte der künftigen Stromautobahnen. Wie die Trassen genau verlaufen, ist offen. Der Spielraum, darauf Einfluss zu nehmen, ist jetzt noch groß. Joswig setzt auf Transparenz und Aufklärung, macht sich allerdings keine Illusionen darüber, dass nicht alle Blockaden gegen den Stromnetzausbau aufgelöst werden können. Seit gestern stehe der Entwurf im Internet . Vier Minuten nach der Veröffentlichung sei bereits der erste Wunsch registriert worden, am Konsultationsverfahren teilzunehmen. Die Deutsche Umwelthilfe ruft die Bürger zum Mitmachen auf.

Der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) forderte die Politik auf, „die notwendigen Investitionen zügig auf den Weg zu bringen“. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hält den Neubau von 3800 Trassenkilometern nicht für alternativlos und forderte mehr Anstrengungen beim Energiesparen und einen verstärkten Windkraft-Ausbau in Süddeutschland. Der Bauernverband mahnte, die Anliegen von Landwirten und Grundeigentümern stärker zu berücksichtigen.

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4 KommentareKommentar schreiben

Die Betreiber zahlen die Kosten für den Rückbau der Meiler: Dazu gibt es Milliarden an Rücklagen. So hoch, dass Rot-Grün die damals gerne besteuert hätte.

Volksverdummung: Seit der Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen wurde lese ich mit wachsendem Zorn das Gejammer um den Verlust der 'ach so billigen Atomenergie' und um die (angeblich) wegen der eneuerbaren Energien steigenden Strompreise!!!! Für wie dumm hält uns eigentlich die Politik und die Industrie? Wie teuer wäre denn der Atomstrom, wenn die Betreiber selbst die Kosten für die Castortransporte, die Lagerung der Abfälle und den Abbau der Meiler tragen müßten!!! Aber nein, das trägt ja der Steuerzahler. Die ganze Last der 'beherrschbaren' Atomtechnik. Dagegen sind selbst die Milliarden für die Förderung der erneuerbaren Energien ein Nasenwasser. Warum müssen die Stromkunden allein die Last der neuen Stromleitungen zahlen? Es profitieren doch alle vom Atomausstieg. Wer das nicht will, soll doch einfach nach Fukushima auswandern. Und dann noch das überlegene Grinsen der Netzbetreiber-Gesellschafter. Die machen ja jetzt ihren Reibach. Und die Energieriesen haben Ihren Freibrief für ihre Preiserhöhungen. Wer kann mich beruhigen? Ich hab so einen Hals!

Monopolisierbarmachung: Netzausbau halte ich für wichtig. Durch das vehemente Wachstum dezentraler Energieerzeugung wurde das Monopol der Stromerzeugung faktisch gebrochen. Bestrebungen der Strommonopolisten, jetzt die Netze 'monopolsicher' auszubauen, sind die naheliegende Reaktion darauf. Der Dialog, den sie jetzt anstrengen, ist folglich die bekannte Einbahnstraße, da das 'Ja' bereits vorgegeben ist. Eine Mitgestaltung durch die Bürger mit dem Ziel, die Strommonopole ganz abzuschaffen bzw. wieder in die öffentliche Hand zurückzuführen, sind unerwünscht und werden wirksam verhindert werden.

Jaja, die Verbände...: ...das Gewurschtel im zu erneuernden Eneergiepark Deutschland ist schon sehr 'kartoffelsuppendurchsichtig'. Ich empfinde die 'Energiewende' weiterhin als monopolistischen Akt einer Regierung, die uns sowas von hinter das erneurbarte Licht führt, das einem schwindelig werden kann. Wir Bürger bezahlen nicht nur die Subventionen, Steuererleichterungen, Gewinne und Rückbau incl. Endlagerung der Atomkraft weiter, sondern zeitgleich auch noch den Netzausbau, den Betrieb und die Neustrukturierung der Gewinnmaximierungsautobahn der ehemaligen und zukünftigen Konzerne wie EnBW, Eon, RWE und Vattenfall. Alles (fast) beim Alten mit regenerativer Energie. Danke für so viel gelebte Demokratie.

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