Engagement Die Retterin vom Belchen

Von Christine Luz 

Als Kind kam Annika Stoll zur Bergwacht, seither verbringt sie fast jeden freien Tag bei Übungen und Einsätzen im Südschwarzwald. Begegnung mit einer 20-Jährgen, die glücklich ist, wenn sie in der Natur sein kann.

Wie rettet man einen Verletzten aus steilem, schwer zugänglichem Gelände? Annika Stoll übt für den Ernstfall. Foto: EV
Wie rettet man einen Verletzten aus steilem, schwer zugänglichem Gelände? Annika Stoll übt für den Ernstfall.Foto: EV

Annika Stoll hat den Boden unter den Füßen verloren. Unter ihr tut sich ein Abgrund auf, vor ihr eine steile Felswand, ihr Leben hängt an einem Kletterseil. Zwei Meter noch. Sie gleitet weiter abwärts, stößt sich mit den Füßen am Felsen ab. Ruppiges Gestrüpp reißt an ihrer Jacke, ihrer Hose. Einen Meter noch. Dann sieht sie ihn. Eingekeilt zwischen einer kleinen Fichte und nacktem Stein kauert ein Junge – abgestürzt.

Der Schwarzwald beschwört Bilder von mystischen Baumlandschaften herauf, von weiten Tälern, urwüchsiger Natur. Dabei vergessen Touristen leicht, dass der Schwarzwald auch Deutschland höchstes Mittelgebirge ist. Schön, aber gefährlich.

Die Frau am Abgrund weiß das. Annika Stoll ist erst 20 Jahre alt, doch sie hat viele Stunden, Tage, Wochen und Monate damit verbracht, sich auf Situationen wie diese vorzubereiten. Das Funkgerät an ihrem Klettergurt rauscht. „Patient ist unverletzt. Ich brauche die Gebirgstrage.“ Ihre Stimme bleibt klar und fest.

Eine Halskrause für das verletzte Kind

Annika Stoll ist an diesem Tag als Ersthelferin eingeteilt. Während sie auf Verstärkung von oben wartet, streift sie den Notfallrucksack von ihren Schultern. Ihr Gruppenführer hat das Gebiet als Geländetyp vier von fünf eingestuft: steil und schwer zugänglich. Aus dem Rucksack angelt sie eine Halskrause und legt sie dem Kind vorsichtig an. Obwohl es äußerlich unverletzt scheint, kann sie nicht ausschließen, dass es sich beim Sturz die Wirbelsäule verletzt hat. Stumm lässt der Junge alles mit sich geschehen – und lächelt.

Auch er ist bei der Bergwacht Schwarzwald, gehört zu den 1500 Mitgliedern des Vereins. An diesem Tag lässt er sich zu Übungszwecken retten. Der Einsatzort ist die Obere Stuhlsebene, von hier sind es nur wenige Kilometer bis zur Spitze des Belchens, des mit 1414 Metern dritthöchsten Berges im Schwarzwald. Für seine Retterin ist es eine von vielen Übungen in diesem Jahr, 30 Ausbildungsstunden muss sie für den aktiven Dienst vorweisen. Dazu kommen Einsatzzeiten auf den Rettungshütten.

Bereitschaft haben die Mitglieder ohnehin immer. Wählt man im Schwarzwald die 112, rückt nicht die Feuerwehr aus, sondern die Bergwacht. Zumindest „bei Einsätzen im Gebirge und unwegsamen Gelände“, wie es im Rettungsdienstplan des Landes Baden-Württemberg heißt.