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London - „Tut mir leid, dass die Sicht auf den olympischen Park so schlecht ist. Aber dieses Wetter ist wirklich völlig untypisch für London“, sagt Ike Ijeh und erntet schallendes Gelächter. Guter Witz, Nebel soll selten sein. Ha, ha! Kontinentaleuropäer stellen sich die britische Hauptstadt nun mal gerne im Dunst vor. Ein real gewordener Edgar-Wallace-Film. So trostlos wie in alten Schwarz-Weiß-Streifen hat es in dieser Gegend am kleinen Themse-Nebenflüsschen Lee bis vor drei Jahren tatsächlich ausgesehen: verfallene Fabrikhallen, Schrott, ein stillgelegter Güterbahnhof. Nur die graffitigeschmückten Zäune passten nicht ins Sechziger-Jahre-Bild. Ade, Klischee: Heute kann man die angegammelte Vergangenheit allenfalls noch erschnuppern – falls man zufällig über einen der alten viktorianischen Abwasserkanäle spaziert, die das neu gebaute Sportgelände nach wie vor durchziehen.
Die größte Baustelle Europas
„Den Bereich, auf dem der Olympic Park liegt, teilen sich die Stadtteile Stratford, Bow, Leyton und Homerton, die ärmsten der Metropole“, erzählt Ike Ijeh. Der Architekt führt für London Architecture Walks Besuchergruppen durch die Stadt. Zurzeit sind seine Ausflüge in die größte Baustelle Europas besonders beliebt. Ike Ijeh erklärt, dass für „die wunderbare Veranstaltung“ nicht nur deshalb die Brache im East End ausgewählt wurde, weil dort Platz war: „Die Spiele sollen langfristig Gutes bewirken.“ Das Wort „langfristig“ wird er noch viele Male in den Mund nehmen, knapp gefolgt von „nachhaltig“. „Das Olympiastadion ist das nachhaltigste, das jemals gebaut wurde“, sagt der Architekt und erklärt, dass die weißen Rohre, die das Gebäude wie ein stützendes Korsett umspannen, im ersten Leben Gas-Pipelines waren. „Man fand sie bei den Bauarbeiten im Boden und hat sie wieder verwendet.“
Auferstanden aus Ruinen. London 2012 möchte sich von allen vorangegangenen Spielen absetzen. Vor allem von Peking 2008. Die Chinesen setzten Maßstäbe – in Sachen Geldverschwendung. An das „Vogelnest“-Stadion in Peking wird das britische Recycling-Modell nicht heranreichen. „Londons gesamtes Budget umfasst umgerechnet etwa 10,8 Milliarden Euro“, sagt Ike Ijeh, „Peking hat angeblich um die 45 Milliarden Euro ausgegeben.“ Weil die Briten dagegen nicht ankommen, haben sie sich etwas anderes, Großartiges einfallen lassen.
Olympiastadion wird teilweise demontiert
Bei diesen Spielen steht eine Frage über allem: Was machen wir hinterher mit den Sportstätten? Jede Menge Antworten gibt es auch schon. Das Olympiastadion wird teilweise demontiert. Für den Rest hat man ein postolympisches Nutzungskonzept gefunden: Weil Fußball in England sehr populär ist, bot man das Gebäude den örtlichen Vereinen an. Tottenham Hotspur und West Ham United waren interessiert. „Es gab einen Wettbewerb, den West Ham gewonnen hat“, erklärt der Stadtführer. Die 12 000 Zuschauer fassende Basketballarena wird nach den Spielen abgebaut und an anderer Stelle im Vereinigten Königreich wieder aufgestellt. Am von Zaha Hadid entworfenen Schwimmstadion, dem Aquatics Centre, werden zwei Zuschauerbereiche entfernt werden. Das olympische Medienzentrum, in dem während der Spiele mehr als 20 000 Journalisten arbeiten, darf hingegen bleiben und auch in Zukunft als Arbeitsstätte dienen. Zehn Firmen haben ein Gebot für das Gebäude abgegeben. Um das olympische Dorf auch nach Ende der Abschlussfeier noch mit Leben zu erfüllen, wurde die Anlage von vornherein wie ein neuer Stadtteil geplant. Wenn die 17 500 Athleten und Offiziellen nach den Spielen wieder ausgezogen sind, werden Sozialwohnungen daraus. Bereits jetzt pulsiert das Leben im Stratford Shopping Centre nebenan, einem neu eröffneten Konsumtempel.
4000 Bäume wurden gepflanzt, ein neuer Bahnhof gebaut
„Durch die Spiele sind schon jetzt unzählige viele Jobs entstanden“, sagt Ike Ijeh stolz. 4000 Bäume wurden gepflanzt, ein neuer Bahnhof gebaut, zwei weitere aufgerüstet. Denn Nachhaltigkeit ist Trumpf: Alle Zuschauer sollen mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen können. „Vom Bahnhof King’s Cross St. Pancras sind es nur sieben Minuten Fahrzeit bis Stratford“, sagt Ike Ijeh. Keine Frage: Das East End ist nicht mehr abgehängt vom Rest Londons. Von dieser Entwicklung profitiert haben auch die hier ansässigen Betriebe wie etwa die Firma Forman. Seit 1905 räuchert das Familienunternehmen schottischen Lachs. Die alte Fabrik stand genau an der Stelle, an der sich heute die wild gezackte Silhouette des Olympiastadions in den Himmel reckt. „Es war einer der wenigen Betriebe, die hier tatsächlich noch produzierten. Die anderen waren schon lange fortgezogen, vor allem die Textilfirmen. Auch Burberry hat hier mal angefangen“, erzählt William Chamberlain. Der hochgewachsene Brite ist Direktor der Forman Smokehouse Gallery, einer Kunstgalerie im Dachgeschoss der neuen Räucherei. Der schicke Neubau liegt direkt gegenüber dem Olympiagelände auf der anderen Seite des Lee.
Die Formans bekamen das Filetstückchen zum Ausgleich für ihren Verzicht auf den Stammsitz. Sie bauten darauf nicht nur eine hochmoderne, schmuck in Lachsrosa und Silbergrau gehaltene Räucherei, sondern auch ein Restaurant und Ausstellungsräume. „Die Idee mit der Galerie lag nahe: Hier in Hackney Wick im Osten gibt es die höchste Konzentration an Künstlern außerhalb von New York“, sagt Chamberlain. Ganz nebenbei hat man von Forman den schönsten Blick aufs Stadion. Das wissen auch die Herrschaften des Internationalen Olympischen Komitee zu schätzen: Nach der Eröffnungsfeier – lässt William Chamberlain durchblicken – soll bei Forman eine VIP-Party steigen. Wie die meisten Londoner freut sich Chamberlain auf Olympia: „Das wird großartig. Wir werden jeden Abend im Hof eine riesige Party feiern und rüberschauen.“ Falls das Wetter nicht mal wieder die Sicht vernebelt.

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