Entscheidung des SWR-Rundfunkrates Des einen Freud, des andern Leid

Heinz Siebold und Michael Werner, 06.12.2012 19:42 Uhr

Freiburg/Stuttgart - Nach Informationen der „Badischen Zeitung“ hat die externe Standortkommission des SWR eine Empfehlung für Stuttgart als Standort des künftig fusionierten SWR-Sinfonieorchesters ausgesprochen. Informationen der StZ zufolge kann die entsprechende Sitzungsvorlage jedoch nicht so eindeutig interpretiert werden. Und wirklich entschieden wird erst am Freitag – vom Rundfunkrat des SWR. Seit Ende Oktober haben die derzeitigen SWR-Orchesterstädte Stuttgart und Freiburg versucht, sich als Standort zu empfehlen.

Als Uli Kostenbader vom Verein der Freunde und Förderer des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart (RSO) Ende Oktober vor dem Kulturausschuss des Stuttgarter Gemeinderates einen Zwei-Städte-Wettbewerb eröffnete, den es offiziell gar nicht gibt, hatte sein emotionaler Appell für den Standort Stuttgart fast religiöse Züge. Kostenbader sprach von Schweiß auf der Stirn, von Rücken an der Wand, und man hätte den Eindruck gewinnen können, als bemühe er sich darum, eine kostbare Reliquie für eines von zwei infrage kommenden Klöstern zu sichern. Dabei ging es um die Frage des Standorts für das in Zukunft fusionierte SWR-Orchester, über den bei seiner am Freitag in Baden-Baden stattfindenden Sitzung der Rundfunkrat des Südwestrundfunks (SWR) befinden soll.

Die sogenannte externe Standortkommission hat ihr Urteil anhand eines Kriterienkatalogs bereits gefällt und der SWR-Intendanz vorgelegt. Der SWR-Sprecher Wolfgang Utz bestätigte am Donnerstag, dass daraufhin auch die Intendanz ihr Votum getroffen habe, das er nicht verraten darf. Nach Uli Kostenbaders emotionaler Pro-Stuttgart-Rede Ende Oktober blies der Gemeinderat der Landeshauptstadt, die sich in so ziemlich allen vom SWR vorgelegten Kriterien (zum Beispiel Verkehrsanbindung, Nachfragepotenzial, Kosten, künstlerische Konsequenzen) – außer bei der Probensituation – für klar überlegen hält, zum Angriff. Nicht nur, dass sich der Kulturausschuss des Gemeinderates einstimmig für den Standort Stuttgart und für eine Verschiebung der Entscheidung aussprach; Stuttgart zeigte sich nun entschlossen, in puncto Probentage für ein fusioniertes SWR-Orchester auf Freiburger Niveau aufzurüsten. Anfang November erklärte Finanzbürgermeister Michael Föll nach Gesprächen des Liederhallen-Chefs mit den Nutzern der dortigen Konzertsäle, dass nun auch in der Liederhalle 120 Probentage möglich seien – so viele wie in Freiburg.

Stuttgarts OB Schuster hüllt sich in Schweigen

Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster wollte der Stuttgarter Zeitung auf Anfrage zwar nicht sagen, mit welchen Argumenten er Ende Oktober bei seinem Treffen mit SWR-Intendant Peter Boudgoust für den Standort Stuttgart geworben hat, aber Kulturbürgermeisterin Susanne Eisenmann zeigt sich überzeugt, dass Stuttgart „der optimale Ort“ für das fusionierte Orchester sei – zum einen wegen der Liederhalle, zum anderen weil „Stadt und Region eine Vielfalt bieten, die ihresgleichen sucht“.

Auch in Freiburg zeigte man sich siegessicher. Denn Freiburg hat, was ein Sinfonieorchester braucht. Sagt Freiburgs Oberbürgermeister Dieter Salomon. Und weiter: „Wir können bei allen Standortkriterien gewichtige Argumente ins Feld führen.“ Seitdem der Wettbewerb entbrannt ist, vergeht keine Woche, wo nicht ein Gremium der Region sein Votum für Freiburg in die Waagschale wirft: Der Freiburger Gemeinderat, der Regionalverband Südlicher Oberrhein, der Landrat von Emmendingen, selbst Körperschaften auf der elsässischen Rheinseite schrieben Brandbriefe an den SWR-Intendanten mit immer dem gleichen Inhalt: Freiburg soll Standort werden beziehungsweise bleiben.

In Freiburg werden die Tonträgeraufnahmen des Orchesters gemacht

Woher rührt das Selbstbewusstsein? Zunächst: Freiburg hat den Wettkampf um den Orchesterstandort bereits einmal gewonnen: 1996 zog das Sinfonieorchester des Südwestfunks von Baden-Baden in das neu eröffnete Konzerthaus in Freiburg, buchstäblich nur einen Steinwurf vom Hauptbahnhof entfernt. Dort, im Rolf-Böhme-Saal, finden die großen Konzerte statt, daneben gibt es einen kleineren Runden Saal, ein großes Foyer, Künstlergarderoben, Probenräume. In Freiburg werden die Tonträgeraufnahmen des Orchesters gemacht. Der SWR hat im Konzerthaus viel Geld in Technik, Infrastruktur und ein sogenanntes „Übehaus“ im Hinterhof investiert. Er hat dafür im Grundbuch eingetragene eigentumsähnliche Rechte erworben.

Obwohl der SWR-Intendant keine offizielle Bewerbung wollte, hat Freiburg demonstrativ öffentlich den Hut in den Ring geworfen. Am Freitag wird also der Rundfunkrat entscheiden, wo der „Hauptprobenstandort“ der insgesamt 200 Musikerinnen und Musiker aus Stuttgart und Freiburg sein wird. Gespielt wird auch künftig an den bisherigen Standorten. Mit dem Begriff „Hauptprobenstandort“ wolle die SWR-Spitze wohl die Angelegenheit „entpolitisieren“, vermutet der Freiburger OB Salomon. „Greencity“, so die Eigenwerbung der Stadt, malt kräftig auch an seinen Standortfaktoren abseits der musikalischen Seite. Eine gute Verkehrsanbindung: die nahe Autobahn und der Nord-Süd-Schienenweg. Im nächsten Jahr wird in Freiburg auch der französische Hochgeschwindigkeitszug TGV einfahren, aus Lyon oder Paris. Ein Manko freilich bleibt: Der Euro-Airport Basel-Mulhouse-Freiburg liegt 77 Kilometer weiter südlich. Vor allem aber, so locken die Freiburger, sei das „Wohlfühlklima“ ihrer Stadt ein geradezu paradiesisches Umfeld für künstlerische Betätigung. Und der Einzugsbereich für den einzigen regionalen Klangkörper der „A-Klasse“ erstreckt sich über das Dreiländereck bis nach Basel und Mulhouse. Die Abokonzerte seien zu 95 Prozent ausgelastet.