Entzughilfe im Krankenhaus Endlich Rauchfrei
Christine Keck, 07.02.2010 10:38 Uhr
Otto Frenz hat das Rauchen aufgegeben und will unbedingt durchhalten. Foto: Zweygarth
Otto Frenz hat das Rauchen aufgegeben und will unbedingt durchhalten. Foto: Zweygarth
""Ein Krankenhaus muss Vorbildfunktion einnehmen.""
Chefarzt Martin Hetzel

Stuttgart - Plötzlich blieb Otto Frenz die Luft weg. Als ob sich eine Hand um seinen Hals gelegt und zugedrückt hätte. "Ich dachte, ich bin fällig", erzählt der 68-Jährige mit Tränen in den Augen. Vor vier Jahren ist der Stuttgarter zum ersten Mal in eine lebensgefährliche Atemnot geraten und konnte gerettet werden. Auf die Lungenembolie folgten weitere Anfälle und Klinikaufenthalte, denn Otto Frenz hat vier Jahrzehnte lang stark geraucht.

Der frühere Lastwagenfahrer steckte sich locker 40 Zigaretten am Tag an - aus Langeweile, zur Entspannung, zum Stressabbau, aus Gewohnheit. Gründe fürs Rauchen hatte er genug, inzwischen hat er eingesehen, dass es auch einen guten Grund fürs Aufhören gibt. Die Ärzte im Krankenhaus vom Roten Kreuz haben bei ihm eine chronische obstruktive Bronchitis diagnostiziert, und die ist nicht heilbar. "Ich stecke mir nie wieder eine an", hat sich Frenz fest vorgenommen.

Der Suchtmediziner Alexander Rupp nimmt sich Zeit, um den Patienten über die Risiken des Nikotinkonsums aufzuklären und ihm klarzumachen, dass er als schwer kranker Raucher wertvolle Lebenszeit aufs Spiel setzt. Als Facharzt in einer Klinik, wo viele Menschen mit tödlichen Lungenerkrankungen behandelt werden, hat Rupp schon etliche Tragödien miterlebt. Die Heilungschancen bei Lungenkrebs sind miserabel, und viele der früheren Patienten des Arztes sind längst beerdigt worden.

Krankenkassen investierten kaum in Nichtraucherprogramme


"Warum nicht im Krankenhaus mit der Tabakentwöhnung anfangen", hat sich Rupp gefragt, der früher selbst geraucht hat. In der Klinik haben die Patienten Zeit zum Nachdenken über die eigene Gesundheit und darüber, wohin es im Leben gehen soll. Eigentlich ein guter Zeitpunkt für einen Neubeginn. Rupp hat sich gewundert, dass die meisten der pneumologischen Akutkrankenhäuser in Baden-Württemberg keine eigenen Aktivitäten entwickelt haben, um ihre Patienten von der Kippe wegzubringen. Ein paar wenige kooperieren mit anderen Einrichtungen bei entsprechenden Projekten.

Für das Krankenhaus vom Roten Kreuz baut Rupp eine Ambulanz auf, um Patienten beim Entzug zu helfen. Auch für Externe gibt es ein Angebot, eine kostenpflichtige Sprechstunde samt kurzer medizinischer Untersuchung. Ergänzend können verhaltenstherapeutische Gruppensitzungen gebucht werden.

Für Rupp ist es unverständlich, dass in deutschen Krankenhäusern das Thema Tabakentwöhnung so nebensächlich ist. Die Krankenkassen steckten Unsummen in die Behandlung von Folgeerkrankungen des Rauchens, investierten aber viel zu wenig in Nichtraucherprogramme. Ein krasses Missverhältnis, findet Rupp und muss erleben, wie mühsam es ist, Gelder für die Tabakambulanz aufzutreiben. Er klopft bei Krankenkassen an, er schreibt Bittbriefe an Pharmakonzerne.

Verständnis für die Raucher


Unterstützung erhält er von Chefarzt Martin Hetzel. "Ein Krankenhaus muss Vorbildfunktion einnehmen", sagt Hetzel und hofft auf ein Einsehen der Krankenkassen, "die könnten sehr viel Geld sparen, wenn sie mehr auf Prävention setzen". Mit dem erhobenen Zeigefinger tritt am Krankenhaus vom Roten Kreuz keiner an. "Wir moralisieren nicht", verspricht Hetzel und hat Verständnis für die Raucher, die sich zwar vornehmen, die Kippen stecken zu lassen, aber nicht durchhalten. "Es geht nicht um Disziplinlosigkeit, sondern um die Symptome einer Suchterkrankung."

Bei Otto Frenz braucht es nicht mehr viel Überzeugskraft. "Ich hatte eine solche Panik", sagt der 68-Jährige und spürt bei jedem starken Husten die Ängste mithochsteigen. Seit Tagen hat er nicht mehr geraucht, und dabei soll es bleiben.

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