Erste Bilanz der Frostschäden Minister spricht von Jahrhundertfrost

Von und Liviana Jansen 

Die kalten Nächte der vergangenen Woche haben Weinreben und Obstbäumen stärker zugesetzt als befürchtet – der Agrarminister Peter Hauk bilanziert Schäden im dreistelligen Millionenbereich. Fast alle Bauern im Land sind mehr oder minder stark betroffen.

Vor allem  Weinreben sind  zerstört  worden. Foto: dpa
Vor allem Weinreben sind zerstört worden. Foto: dpa

Stuttgart - Die Folgen des ungewöhnlich starken Frosts der vergangenen Tage sind für die Landwirte dramatisch – das geht aus der ersten Bilanz des Agrarministeriums hervor. „Wir müssen von einem dreistelligen Millionenbetrag ausgehen, alle Bauern im Land sind mehr oder minder stark betroffen“, sagte der Agrarminister Peter Hauk (CDU) am Dienstag: „Bei diesem Ausmaß können wir von einem Jahrhundertfrost sprechen, der zu einer Katastrophe für unsere Winzer und Landwirte geführt hat.“ Ähnlich heftige Schäden habe es zuletzt 1981 gegeben. In den beiden Nächten vom 19. bis zum 21. April sank das Thermometer auf bis zu minus sieben Grad. In den kommenden beiden Nächten sind für manche Landstriche erneut Temperaturen unter null Grad angesagt. „Manche Bauern sind so deprimiert, dass sie eigentlich psychologischen Beistand bräuchten“, sagt Hauk.

Ein Viertel der Weinbauflächen weist nach den bisherigen Rückmeldungen starke Schäden auf, oder die Blüten sind völlig kaputtgegangen. Im Land wird auf 28 000 Hektar Wein angebaut. Laut dem württembergischen Weinbaupräsidenten Hermann Hohl sei im Taubertal ein Totalausfall zu beklagen, kaum besser sehe es um Weinsberg und in der Region Hohenlohe aus. Das Remstal sei mit einem Ertragsausfall von 60  Prozent betroffen.

Bei Apfel- und Birnbäumen sei knapp ein Viertel der 11 000 Hektar stark betroffen, so das Land. Auch die 116 000 Hektar an meist privat gepflegten Streuobstwiesen hat es schwer erwischt. Besonders schlimm sieht es bei Kirschen und Zwetschgen aus: Drei Viertel der Bäume würden dieses Jahr keine Früchte tragen. Auch die Beeren sind stark in Mitleidenschaft gezogen, Erdbeeren, Spargel und Getreide weniger.

Schon in zurückliegenden Jahren gab es Ernteausfälle

Auch viele jener Bauern, deren Anbaufläche nur in Teilen betroffen ist, sind auf Hilfe angewiesen. „Würden die Betriebe auf den Schäden sitzenbleiben, wäre dies in vielen Regionen für große und kleine existenzbedrohend“, betont der Geschäftsführer des Weinbauverbandes Württemberg, Werner Bader. Versicherungen hätten nur wenige abgeschlossen; dies lohne sich nur in Gegenden, die häufig mit späten Frösten zu kämpfen hätten. Auch im Obstbau sind Betriebe selten versichert: Derartige Angebote gebe es nur für Erdbeerpflanzen, wie Kathrin Walter, die Geschäftsführerin des Landesverbandes Erwerbsobstbau Baden-Württemberg (LVEO), berichtet.

Alle Regionen in Baden-Württemberg seien gleichermaßen vom Frost betroffen, die tatsächliche Schadenshöhe werde sich aber erst in einigen Wochen zeigen, berichtet Walter weiter. Dann sei zum einen klar, welche Triebe überlebt hätten, zum anderen stünden den Bauern noch einige Frostnächte bevor. „Es kann sein, dass dann mancherorts die Ausfälle noch von 70 auf 90 Prozent nach oben korrigiert werden müssen“, sagt Kathrin Walter. Die Lage sei dramatisch, zumal viele Betriebe bereits in den vergangenen Jahren Ernteausfälle wegen Frosts, Hochwassers oder der Kirschessigfliege zu beklagen gehabt hätten.

Hauk: „Es darf kein Landwirt auf der Strecke bleiben“

Von einem massiven Schaden berichtet auch der Obst- und Weinbauer Karl Ulrich Vollert aus Obersulm. Die drei Hektar, auf denen er seit 1985 Äpfel und Birnen anbaut, würden in diesem Jahr wohl ein Totalausfall, und seine 27 Hektar Rebfläche seien so stark geschädigt, dass er mit Ertragseinbußen von bis zu 70 Prozent rechnet. Hoffnung setzt er dort noch auf die sogenannten Beiaugen, die nach dem Frost nochmals austreiben könnten. Diese Triebe, die dem Überleben der Pflanze dienen, sind allerdings wenig ertragreich. „Der Schaden wird unseren Betrieb nicht umbringen, aber ihn massiv zurückwerfen“, fasst Karl Ulrich Vollert seine Lage zusammen. Denn die laufenden Kosten blieben gleich und müssten trotzdem beglichen werden.

Minister Peter Hauk hat bereits angekündigt, dass er den Landwirten helfen wolle: „Das Land ist nicht der Rückversicherer der landwirtschaftlichen Branche, aber dort, wo Existenzen gefährdet sind, muss sich der Staat engagieren.“ Da er am Dienstag sowieso in Berlin war, habe er das Thema auch beim Bund eingespeist – in vielen anderen Bundesländern gab es ebenfalls erhebliche Schäden. Daneben hat Hauk beim Finanzministerium in Stuttgart steuerliche Erleichterungen für die betroffenen Landwirte angeregt.

Trotz der hohen zu erwartenden Ernteeinbußen wird der Verbraucher auch in diesem Jahr Kirschen, Himbeeren und Wein genießen können – der globalisierte Markt wird dafür sorgen. Die regionalen Produkte, ist sich Peter Hauk sicher, werden 2017 aber deutlich teurer sein.

Wie nun deutlich wurde, haben viele übliche Maßnahmen der Bauern angesichts des starken Frostes nichts gebracht. Nebelkerzen erhöhen die Temperatur höchstens um 1,8 Grad, was in der vergangenen Woche zu wenig war. Die Vereisung der Blüten ist aufwendig und teuer; am Bodensee konnten jetzt nur zwei bis drei Prozent der Kernobstfläche auf diese Weise geschützt werden. Und auch ein erstmals genutzter Hubschrauber, der die kalte Luft nach oben wirbeln sollte, hat aufgrund der massiven Kaltluftfront nur geringe Effekte erzielt. Außer im Kochertal ist der Hubschrauber deshalb kein zweites Mal geflogen.