"Es gab Tage, da sah man zehn bis zwölf Leute umfallen"

Von "Kornwestheim und Kreis Ludwigsburg" 

Kornwestheim Im Konzentrationslager Sachsenhausen mussten Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Schuhe testen. Auch Salamander war an diesem perfiden System beteiligt. Peter Josef Snep, einer von wenigen Überlebenden, kommt am Montag nach Kornwestheim. Susanne Mathes hat mit dem 88-Jährigen über sein Schicksal gesprochen.

Kornwestheim Im Konzentrationslager Sachsenhausen mussten Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen Schuhe testen. Auch Salamander war an diesem perfiden System beteiligt. Peter Josef Snep, einer von wenigen Überlebenden, kommt am Montag nach Kornwestheim. Susanne Mathes hat mit dem 88-Jährigen über sein Schicksal gesprochen.

Peter Josef Snep und sein Vater verhalfen im Dritten Reich jahrelang Juden zur Flucht. 1942 wurden sie verraten und ins Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Dort wurden sie dem berüchtigten Schuhläuferkommando zugeteilt: Auf einer speziell angelegten, 700 Meter langen Schuhprüfstrecke, die abwechselnd mit Split, Schotter, Lehm, Schlacke und anderen Straßenbelägen ausgelegt war, mussten Häftlinge im Auftrag der deutschen Schuh- und und Leder-Ersatzstoff- Industrie, zu deren führenden Unternehmen neben der Firma Freudenberg die Kornwestheimer Firma Salamander zählte, bis zu 40 Kilometer am Tag in Testschuhen zurücklegen - bei Wind und Wetter. Den Unternehmen ging es darum, die Eignung synthetischer Ersatzstoffe in der Schuhproduktion testen zu lassen. Die Schuhe sollten, wie die Historikerin Dr. Anne Sudrow in einer Studie zu diesem Thema berichtet, bis zum völligen Verschleiß abgelaufen werden. Das Schuhwerk wurde den Häftlingen oft wahllos zugeteilt oder bewusst zu eng vergeben. Für die Häftlinge, die oft nach wenigen Runden Blasen und wunde Füße hatten, wurde das Schuhläuferkommando zur Folter. Wenige überlebten die Tortur länger als einige Wochen.

Herr Snep, wie geht es Ihnen bei dem Gedanken, in die einstige Schuhstadt Kornwestheim zu kommen? Auch die Salamander AG hat auf der berüchtigten Schuhteststrecke im KZ Sachsenhausen Häftlinge Schuhe testen lassen.

Ja, ein Historiker hat mir davon erzählt. Salamander kenne ich natürlich, auch in Holland werden Salamander-Schuhe getragen. Meistens kann ich relativ kühl von meinen Erfahrungen erzählen, aber manchmal überkommen mich doch die Emotionen. Als ich zum ersten Mal wieder nach Sachsenhausen fuhr, genau 50 Jahre nachdem ich dort inhaftiert war, und den Schriftzug ,Arbeit macht frei" las, da war es plötzlich wieder ganz nah, wie ich damals dorthin kam und am Tag danach gleich zum Schuhläuferkommando musste.

Wussten Sie damals als Häftling, von welchen Firmen die Schuhe stammten, die Sie testen mussten?

Nein. Schauen Sie, das war so: Morgens nach dem Appell ging es sofort in die Schuh-Baracke. Du hattest keinen Namen mehr, sondern du warst nur noch eine Nummer. In der Baracke stand ein großer Tisch, hinter dem ebenfalls Häftlinge saßen. Die fragten, welche Schuhgröße du hast. Dann wurde dir ein Paar Schuhe zugeworfen, ob sie dir nun passten oder nicht. Wenn du protestiert hast, hieß es ,Schnauze halten", und du riskiertest einen Tritt in den Hintern oder einen Knüppelschlag von einem SS-Mann. Die Schuhe waren ganz verschieden: Mal waren es Gamaschen, mal Gummischuhe, mal waren es Turnschuhe, mal Sandalen.

Wie kann man sich diese Schuhteststrecke vorstellen?

Auf einer halbrunden Fläche im KZ war der Appellplatz. In der Rundung waren einzelne Abschnitte angelegt, jeweils etwa acht bis zehn Meter breit, mit verschiedenen Belägen: mal Stein, mal Sand, mal Gras, mal Asphalt. Und darauf mussten wir in Schuhen, die oft nicht passten, den ganzen Tag auf und ab marschieren, von morgens um sechs bis abends um fünf. Bei manchen SS-Männern schneller, bei anderen weniger schnell. Austreten war nicht erlaubt. Wer mal musste, der musste auf seine Schuhe pinkeln. Täglich sah man Leute zusammenbrechen und stürzen. Man durfte nicht reden, aber mein Vater, der zusammen mit mir inhaftiert war, und ich konnten einander manchmal zuflüstern: ,Der oder der wird es wohl morgen auch nicht mehr machen." Das sah man den Leuten schon einige Tage zuvor an.

Haben Sie etwas zu trinken bekommen, durften Sie Pausen machen?

Nein. Man musste mittags stillstehen und bekam einen Napf mit - na ja, Suppe kann man es kaum nennen, es war eine furchtbare Brühe. Die musste man dann stehend aufessen, und dann ging es wieder weiter.

Und wer nicht mehr weiter konnte?

Wenn einer völlig erschöpft zusammenbrach, war es oft so, dass die SS-Leute ihn mit einem Genickschuss töteten. Um die Kolonne herum liefen zwei Männer, Häftlinge, mit einer Holzkarre. Die steht heute noch in der KZ-Gedenkstätte in Sachsenhausen. Da wurden die Leute, die zusammengebrochen waren, draufgeschmissen, und wenn zwei oder drei drauflagen, dann fuhren die Männer mit der Karre zum Krematorium. Später kamen sie zurück und marschierten wieder mit. So ging das täglich. Eine Zahl zu nennen ist schwierig, aber es gab Tage, da sah man zehn bis zwölf Leute umfallen.

Wie konnte man angesichts dieser unmenschlichen Bedingungen überhaupt weitermachen?

Riskiere nicht, dass du stehen bleibst, denn sonst bist du der Nächste, bei dem der SS-Mann anhält. . . Es war schauderhaft, wie die SS sich betrug. Wenn ich jetzt Dokumentationen über diese Zeit sehe, aber auch wenn ich in Schulen spreche, kann ich mir manchmal selbst nicht vorstellen, dass ich das alles erlebt und überlebt habe. So unheimlich ist das alles.

Hatten Sie damals Hoffnung, das zu überstehen?

Man war jeden Tag bange, dass man es nicht überleben würde. Ich hatte das große Glück, dass ich ein Spitzensportler war, ich war Turner und Handballer und durchtrainiert. Mein Vater, obwohl er damals schon 60 Jahre alt war, war immer ein fanatischer Wanderer gewesen und hatte eine entsprechende Kondition. Dadurch haben wir überlebt.

Auch für einen gut trainierten Mann müssen die Reserven unter diesen Umständen schnell aufgezehrt gewesen sein. Wie haben Sie es dennoch geschafft?

Man kann eigentlich nur sagen: Durch eisernen Willen. Als ich verhaftet wurde, wog ich 72 Kilogramm. Das weiß ich zufällig, weil ich als Spitzensportler regelmäßig gewogen worden war. Nach einiger Zeit auf der Schuhteststrecke wog ich nur noch 49 Kilo. Man war apathisch. Man lebte in einer Art Trance. Ich musste etwa drei bis vier Wochen lang Schuhe testen. Und viel länger hätten es mein Vater und ich wohl auch nicht durchgehalten. Doch dann hatten wir unheimliches Glück. Wir kamen mit einem Kommando von 100 bis 120 Mann in die KZ-Außenstelle Lichterfelde. Dieses Kommando musste in Berlin Baracken für Ausgebombte bauen, meinen Vater und mich als ausgebildete Tischler konnten sie dort gut brauchen. Die meisten mussten mit Hacke und Schippen schuften, in Schnee und Regen. Aber wir Tischler hatten in einer schon fertiggestellten Baracke eine Werkstelle einzurichten, Werkzeuge zu schleifen, Stile von Schippen und anderen Geräten zu reparieren und Türen zu justieren. Für meinen Vater und mich war das keine so schwere Arbeit.

Ins Konzentrationslager gekommen sind Sie, weil Sie mit ihrem Vater zusammen Juden zur Flucht vor dem Naziregime verholfen haben. Wie haben Sie das gemacht?

Um 1933, 1934 herum wurden Busreisen in Holland sehr populär. Man fuhr eine Woche in den Taunus, in den Schwarzwald oder an den Rhein. Mein Vater kannte sich durch seine Wanderleidenschaft und seine Geschäftsreisen sehr gut aus und wurde Reiseführer bei einer großen Reisegesellschaft. An der Grenze kannten ihn die Beamten bald so gut, dass er einfach durchfahren konnte. Die Reisenden brauchten damals nicht jeder seinen Pass, es gab einen Kollektivpass. Abends, wenn seine Reisegruppen freie Zeit hatten, ging mein Vater alte Freunde besuchen. Darunter waren viele Juden, oft frühere Lieferanten seiner damaligen Fabrik in Deutschland. Nach der Kristallnacht wurden die Juden furchtbar schlecht behandelt. Also half er diesen jüdischen Leuten nach Holland zu gelangen. Er wurde ja nicht kontrolliert. Es fiel an der Grenze also nicht auf, dass er mit 40 Leuten nach Holland zurückfuhr, obwohl er nur mit 36 gekommen war. Das ging bis 1940 gut. Aber als die Deutschen dann Holland besetzten, wurde es dort für die Juden genauso schlimm wie in Deutschland. Sie durften nicht mehr ins Kino, nicht mehr in den Park, nicht mehr die Straßenbahn benutzen, mussten den Judenstern tragen. Wieder fragten die Freunde meinen Vater: Peter, kannst du nicht etwas für uns machen? Da sagte er: Ich werde versuchen, euch in die Schweiz zu schmuggeln.

Wie hat Ihr Vater das bewerkstelligt?

Er fuhr illegal durch Belgien und Frankreich, um Stützpunkte zu suchen, und baute eine Route auf, um Juden sicher in die Schweiz zu bringen. Das war sehr, sehr viel Arbeit, denn er musste überall vertrauenswürdige Leute finden und durfte nur mündliche Absprachen treffen, um keine Beweisspuren zu hinterlassen. Er musste die Daten der Flüchtlinge notieren und Fotos organisieren, die dann an die Papierfälscher-Zentrale im holländischen Untergrund gingen. Die Juden brauchten ja Papiere. Irgendwann begann ich, ihm dabei zu helfen.

Auf welche Weise?

Ich brachte die Leute bis zur Grenze. Da gab es einen Bauernhof, da war die Tür auf der einen Seite noch in Holland und die Tür auf der anderen Seite schon in Belgien. Die Besitzer hatten ein paar hundert Meter vor der Grenze ein kleines Café. Bis dahin fuhren wir abends mit dem Zug, und der Bauer oder ich brachten die Leute dann einzeln zu dem Bauernhof, von wo sie dann später weitergeschleust wurden.

Wie sind Sie aufgeflogen? Wer hat Sie verraten?

Man musste ja immer erst zu den Leuten, die fliehen wollten, gehen, um ihnen die Papiere zu besorgen und mit ihnen genaue Absprachen zu treffen. Einer davon, ein holländischer Jude, sagte, er habe zwei Freunde bei der Polizei. Er wolle es riskieren, sich von ihnen als Häftling fortbringen zu lassen, das sei weniger gefährlich. Meinem Vater war das nicht recht, aber was sollte er machen. Die zwei Polizisten, die vermeintlichen Freunde des jüdischen Mannes, wollten ganz genau alles über den Fluchtweg über Belgien und Frankreich wissen. Als ich eines Abends fünf Leute zum Café an der Grenze gebracht hatte und am nächsten Tag zurück nach Amsterdam kam, erwarteten mich die Polizisten am Bahnhof und fragten, ob sie mir noch etwas helfen könnten. In der Nähe des Bahnhofes war das Polizeiamt. Ein paar Meter davor nahmen mich die Polizisten plötzlich fest und schleppten mich hinein. Sie zogen mich aus, durchsuchten alles, in der Hoffnung, Namen und Adressen von mir zu bekommen. Dann schlugen sie mich zusammen. Später, bei der holländischen Gestapo, spielte sich genau dasselbe ab. Kurz darauf wurde ich, grün und blau geschlagen, vor den Gestapo-Chef von Amsterdam geführt. Er versuchte es erst mit Freundlichkeit: ,Willst du eine Zigarette, willst du was zu trinken? Du sprichst so gut Deutsch, willst du nicht für uns arbeiten?" Ich wollte nicht. Da hörte ich ihn nur noch sagen: ,Abführen." Der Ton, in dem er das sagte, bedeutete wohl: Schickt ihn ins Strafkommando. Mein Vater wurde ziemlich gleichzeitig mit mir verhaftet.

Warum konnten Sie so gut Deutsch?

Meine aparte Geschichte ist ja - und dadurch ist sie vielleicht zusätzlich interessant: Ich bin in Bonn geboren und habe bis zu meinem zehnten Lebensjahr dort gewohnt. Mein Vater war Holländer, meine Mutter Deutsche. Ich habe noch die Besatzung der Franzosen miterlebt, das Anwachsen der Nazi-Partei, die Kämpfe zwischen Rotfront und SA, jede Woche sah man das. Als mein Vater dann 1930 sagte, ich will zurück nach Amsterdam, wusste man in Holland kaum etwas darüber, was in Deutschland los war. Heutzutage weiß jeder in jeder Minute alles durch Fernsehen, Radio und Internet. Aber damals gab es in Holland vielleicht alle zwei Wochen einen ganz kleinen Artikel über Deutschland in der Zeitung.

Nach der durchlittenen Zeit in Sachsenhausen und Lichterfelde gelang es Ihnen, in Amsterdam unterzutauchen.

Absurde Sache eigentlich. Im SS-Sanitätshauptamt in Berlin mussten wir Türen, Fenster, Stühle und Tische reparieren, denn es waren schon erste Bomben gefallen. Eines Morgens wurde meine Nummer aufgerufen, und der Rapportführer sagte, ich solle in Sachsenhausen meine Häftlingskleider holen und dann nach Amsterdam zum Arbeitseinsatz fahren. In Holland mussten sich alle Jungs meines Alters melden und wurden nach Deutschland in die Waffenfabriken geschickt. Was waren die doch blöd! Sie schickten mich einfach so mit dem Zug nach Amsterdam. Dort habe ich mich nicht zum Arbeitseinsatz gemeldet, sondern bin in der Prinsengracht in einem Betriebsraum meines Vaters untergetaucht. Schräg gegenüber von dem Haus, in dem sich Anne Frank und ihre Familie versteckt hatten. Das habe ich aber erst später erfahren. Dort versteckte ich mich bis Kriegsende. Ich bin aber abends manchmal nach Hause gegangen und habe dort übernachtet.

Hatten Sie keine Angst, dass Nachbarn das mitbekommen und Sie verraten?

Ach, wissen Sie: Angst hatte man immer.

Und Ihr Vater?

Den haben sie ein halbes Jahr später nach Hause geschickt. Wir haben nie herausgefunden, wie das kam, denn normalerweise wurde dort ja niemand einfach gehen gelassen. Vielleicht, weil ein hoher SS-Offizier, ein wirklich anständiger Mann, mit dem wir uns einmal gut unterhalten haben, das veranlasst hat. Es ist nur eine Theorie von mir. Wissen tut es keiner. Mein Vater arbeitete danach für die Untergrund-Presse.

Trotz der vorherigen Erfahrungen?

Mein Vater war nicht zu unterdrücken.

Was bedeutet es für Sie, wenn Menschen durch Ihre Erzählungen von Gräueln wie der KZ-Schuhteststrecke erfahren?

Es ist wichtig, dass wir das behalten. Man muss es den Jugendlichen weitererzählen, damit sich so etwas niemals wiederholt.

Wie erleben Sie die Menschen, die sich Ihre Geschichte anhören?

Sie sind sehr interessiert, gerade auch die jungen Leute. Wenn ich in Schulen, egal ob in Holland oder in Deutschland, spreche, sagen die Lehrer oft: ,Wir haben die größte Mühe, mal fünf Minuten Ruhe zu bekommen, und dir hören sie eine ganze Stunde lang mucksmäuschenstill zu."

Hatten Sie nach dem Krieg Rachegefühle den Deutschen gegenüber?

Am Ende des Krieges war für die Holländer jeder Deutsche ein Schweinehund. Weil man dachte - und der Eindruck wurde auch erweckt -, dass jeder hinter Hitler stand. Aber ich wusste ja mehr. Meine Brüder, die zwölf und 13 Jahre älter als ich waren, hatten zum Beispiel Sportfreunde aus unserer Bonner Zeit. Diese Freunde waren in der Wehrmacht, aber später kamen sie zu uns zu Besuch nach Amsterdam. Dadurch wussten wir, dass es für die Deutschen eigentlich genauso schlimm war wie für die Holländer. Und ich habe auch bald nach dem Krieg mit dem katholischen Sportverband gegen deutsche Mannschaften Handball gespielt. Der Hass der Holländer ist im Lauf der Jahre weniger geworden, und jetzt, würde ich sagen, ist das Verhältnis normal.

Herr Snep, danke für das Gespräch.

Besuch Peter Josef Snep lebt heute in Amsterdam. Am Montag, 17. Mai, kommt er auf Einladung der evangelischen Kirchengemeinde um 19.30 Uhr zum Zeitzeugengespräch ins Johannesgemeindehaus, Weimarstraße 33. Dort wird er über seine Erlebnisse berichten und für Fragen zur Verfügung stehen. Der Eintritt für den Abend kostet drei Euro.

Buch Von der Historikerin Dr. Anne Sudrow wird im September 2010 das Buch "Der Schuh im Nationalsozialismus. Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich" im Göttinger Wallstein-Verlag erscheinen. Darin befasst sie sich auf rund 750 Seiten auch mit der Rolle der Firma Salamander im Konzentrationslager Sachsenhausen. Nähere Informationen hierzu unter www.wallstein-verlag.de. (sam)