Esslingen Der gute Stoff vom Fuße der Alb

Von Philipp Braitinger 

Das Stadtmuseum zeigt den Aufstieg der einst bedeutenden Textilindustrie in Württemberg. Zu sehen gibt es Ausstellungsstücke aus der ehemaligen freien Reichsstadt, aber auch Exponate aus einstigen Textilhochburgen wie Reutlingen und Mössingen.

Eine Vorstellung von der Strandmode in den 1960er- und 1970er-Jahren vermitteln diese Badeanzüge aus dem Hause Heinzelmann. Foto: Horst Rudel
Eine Vorstellung von der Strandmode in den 1960er- und 1970er-Jahren vermitteln diese Badeanzüge aus dem Hause Heinzelmann.Foto: Horst Rudel

Esslingen - Made in China – wer heute auf das Etikett seines Pullovers, T-Shirts oder seiner neuen Tischdecke blickt, der wird in den allermeisten Fällen feststellen, dass die Ware nicht in Deutschland hergestellt wurde. Bis in das 20. Jahrhundert hinein war das noch anders. Die württembergische und mit ihr die Esslinger Textilindustrie gehörte vom Beginn des 19. Jahrhunderts an zur Speerspitze der Industrialisierung in Deutschland. Zum Aufstieg und zur einstigen Bedeutung des Industriezweigs zeigt das Esslinger Stadtmuseum im Gelben Haus vom 28. Februar bis zum 16. Mai die Ausstellung mit dem Titel „Textile Vielfalt. Industrielle Erfolgsgeschichten aus Württemberg“.

Eine jede Textilstadt hatte ihren Schwerpunkt

Neben Esslinger Ausstellungsstücken werden Exponate des Reutlinger Heimatmuseums, des Sindelfinger Webereimuseums, des Heubacher Miedermuseums, der Mössinger Kulturscheune und des Maschenmuseums Albstadt gezeigt. Die Orte hätten unterschiedliche Schwerpunkte gehabt, erklärt der Leiter der Städtischen Museen, Martin Beutelspacher. So sei Heubach die „Hauptstadt der Miederindustrie in Deutschland“ gewesen. In Reutlingen sei dagegen ein breites Spektrum an Textilprodukten hergestellt worden. Mit Mössingen ist bis heute der Name der Firma Pausa verbunden, die bis zur Jahrtausendwende Stoffe mit modischen Mustern produzierte. Und Albstadt war bekannt für Trikots, Unterwäsche und technische Textilien.

450 Arbeiter bedienen 20 000 Spindeln

In Esslingen war es vor allem der Anschluss an Württemberg im Jahr 1802, der den Beginn für den Aufschwung als Industriestandort markierte. Alle früheren Versuche zur Gründung von Textilmanufakturen waren gescheitert. Nun ergaben sich neue Möglichkeiten. Im Jahre 1810 gründete Christian Gottlieb Steudel nach Lehrjahren in der Schweiz eine Tuchfabrik, die 1811 an die obere Maille zog. Später, im Jahr 1856, wurde mit Unterstützung von Emil Keßler die Württembergische Baumwollspinnerei auf dem Brühl mit einem sagenhaften Startkapital von 1,2 Millionen Gulden gegründet. Die 450 Mitarbeiter bedienten anfangs 20 000 Spindeln an 300 Webstühlen. Um die Firma herum wurden nach und nach eine Siedlung, eine Schule, ein Kinderhaus, ein Wasch- und Backhaus, eine Sparkasse sowie eine Badeanstalt gebaut.

Die Konkurrenz im Ausland produziert billiger

Die im Jahr 1830 gegründete Kammgarnspinnerei von Merkel & Wolf schaffte es, mit der bekannten „Esslinger Wolle“ zu einem weit über die Grenzen Württembergs hinaus bekannten Unternehmen zu werden. Im 20. Jahrhundert beherrschte die Manufaktur, die von 1891 an Merkel & Kienlin hieß, den Markt für Strick- und Kammgarne. Zum Erfolg der Firma trugen die „Esslinger Wollhefte“ bei, die Strickanleitungen lieferten. Das Ende kam dann 1971. Wie bei vielen anderen traditionsreichen Textilunternehmen in Baden-Württemberg war der Lohndruck der ausländischen Konkurrenz irgendwann zu groß geworden. Ein ganzer Industriezweig wanderte erst nach Südeuropa, später nach Asien ab. Heute werden rund fünf Prozent aller weltweit hergestellten Textilien in Deutschland produziert. Auch in Esslingen werden immer noch Artikel wie Hüte oder Pullover hergestellt, wenn auch nur noch im Kleinen.

Fließgewässer sind die Motoren der Industrialisierung

Der Grund dafür, dass sich viele Textilfirmen gerade am Fuße der Schwäbischen Alb niederließen, waren die vielen schnellen Flüsse und Bäche in dieser Gegend. Die Wasserkraft lieferte vor allem zu Beginn der Industriealisierung die Energie zum Antrieb der Maschinen. In Württemberg gibt es keine Kohlevorkommen, die den Antrieb von Dampfmaschinen ermöglicht hätten. Der Import von Kohle wäre ohne die Eisenbahn zu teuer und umständlich gewesen. Gleichzeitig konnten Rohstoffe wie Baumwolle im Vergleich zu Stahl problemlos mit Pferdekarren transportiert werden. Die Eisenbahn spielte erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Rolle beim Transport von Waren und Rohstoffen. Von da an konnte auch Kohle zum Antrieb von Dampfmaschinen bezogen werden.