Weitere Kreise
 
 

Esslingen Zusammen wird es wirtschaftlich

hol, 25.01.2013 18:00 Uhr

Esslingen - Die Hauptbotschaft des Gutachtens zur Zukunft der medizinischen Versorgung im Landkreis Esslingen ist bereits am Mittwoch durchgesickert: Die Experten des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young schlagen ihren gemeinsamen Auftraggebern, dem Landkreis und der Stadt Esslingen, vor, die Kreiskliniken und das Klinikum Esslingen in ein gemeinsames Unternehmen zu überführen und damit deren ruinösen Wettbewerb der vergangenen Jahren zu beenden. Weder eine Kooperation noch die Gründung einer Holding als Dachgesellschaft für zwei eigenständige Unternehmen biete die Chance, mittelfristig eine schwarze Null zu schreiben.

Ungünstige Ausgangssituation für die Kreiskliniken

Gestern ist das 118 Seiten starke Gutachten nicht nur den rund 3000 Mitarbeitern der Kreiskliniken und des Klinikums Esslingen, sondern auch den Medien vorgestellt worden. Nils Söhnle, der Projektleiter von Ernst & Young, machte dabei deutlich, dass die Ausgangssituation vor allem auf Seite der Kreiskliniken ausgesprochen ungünstig ist. Dem Klinikum Esslingen gelinge es momentan wenigstens noch annähernd, mit den Einnahmen aus dem laufenden Betrieb die Zinsen für die Investitionen zu erwirtschaften. Im vergangenen Jahr hat das Minus im Klinikum Esslingen rund 400 000 Euro betragen. Die Kreiskliniken sind dagegen nicht einmal annähernd in der Lage, ihre Investitionen zu refinanzieren. Dass Jahresergebnis für 2012 werde voraussichtlich ein Minus von 16,1 Millionen Euro ausweisen. Vor allem der mehr als 50 Millionen teure Neubau am Paracelsus-Krankenhaus in Ruit belaste die Kreiskliniken. Schon jetzt sei zudem in beiden Häusern die Eigenkapitalquote deutlich zu gering. Auch fehle es an liquiden Mitteln.

In den kommenden Jahren drohe eine weitere Verschlechterung, wenn beide Häuser wie bisher weitermachten. Erschwerend komme hinzu, dass die Kreiskliniken weitere Investitionen in Höhe von rund 100 Millionen Euro planten. So würde eine komplette Sanierung des Altbaus in Ruit 56,4 Millionen Euro kosten, der Neubau der Psychiatrie je nach Standort in Kirchheim, Plochingen oder Nürtingen zwischen 14,9 und 32,7 Millionen Euro.

Massives Defizit droht.

Ernst & Young haben errechnet, dass das Jahresergebnis der Kreiskliniken im Jahr 2016 voraussichtlich ein Minus in Höhe von 23,3 Millionen Euro ausweisen werde. Aber auch dem Klinikum Esslingen drohe dann ein Defizit in Höhe von 3,5 Millionen Euro. Vorrangiges Ziel müsse es also sein, die Investitionen zu reduzieren und Doppelstrukturen abzubauen. Unter anderem schlagen die Gutachter deshalb vor, den bestehenden Krankenhausbau in Plochingen für die allgemeine Psychiatrie umzubauen. So ließen sich allein hier 21,3 Millionen Euro einsparen.

Bei den Doppelstrukturen soll vor allem das Angebot der nur wenige Kilometer voneinander entfernt liegenden Häuser in Esslingen und Ostfildern aufeinander abgestimmt werden. Gedacht ist an ein Krankenhaus an zwei Standorten. Einige wesentliche Bereiche wie die Urologie und die Geburtshilfe könnten, so der Vorschlag der Gutachter, in Esslingen konzentriert werden (siehe auch unten stehender Bericht). Geschehe dies, müsse man nicht das gesamte Altgebäude in Ruit sanieren und spare damit weitere 22 Millionen Euro. In einem Zeitrahmen von fünf Jahren würden durch die Vorschläge 120 der rund 3000 Stellen – 20 davon im medizinischen Bereich und 100 vor allem in der Verwaltung – wegfallen. Dies lasse sich über eine natürliche Fluktuation regeln.

Entschuldung ist die Voraussetzung

Aber selbst diese Maßnahmen werden, so Nils Söhnle, nicht ausreichen, um die Wirtschaftlichkeit des neuen gemeinsamen Unternehmens zu gewährleisten. „Eine Entschuldung der Kreiskliniken ist die zwingende Voraussetzung für die Zukunftsfähigkeit des gemeinsamen Unternehmens“, sagt der Gutachter. Zusätzlich zu den 80 Millionen Euro, die der Kreis bereits an Verbindlichkeiten von den Kreiskliniken übernommen habe, müsse er weitere 50 Millionen Euro abdecken.Auf erhebliche Vorbehalte stößt das Gutachten beim Betriebsrat des Klinikums Esslingen. Zwischen dem Klinikum Esslingen und dem Ruiter Krankenhaus solle „alles neu gerührt, geschüttelt und gemixt werden“, schreibt Beate Müller, die Betriebsratsvorsitzende des Klinikums. Sie bezweifle aber, „ob dieser Cocktail anschließend genießbar ist“. Das Gutachten lasse zu viele Fragen offen, etwa welcher Chefarzt oder welcher Abteilungsleiter gehen müsse oder bleiben könne. Weil die Folgen für die Gesamtbelegschaft noch nicht abzusehen seien, erteile der Betriebsrat dem Gutachten „eine klare Absage“. Noch keine Stellungnahme gibt es vom Betriebsrat der Kreiskliniken. Deren Vorsitzende, Silke Leonhardt, erklärte, die Mitglieder des Gremiums müssten sich zunächst abstimmen.