Esslinger Shanty-Chor An der Neckarküste

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Der Shanty-Chor der Marinekameradschaft Tsingtau hält das Andenken an die ehemalige deutsche Kolonie in Ostchina hoch – auch wenn er streng genommen nichts mit ihr zu tun hat.

Jeden Dienstag trifft sich die Marinekameradschaft Tsingtau, um alte Seemannslieder zu singen. Foto: Horst Rudel 10 Bilder
Jeden Dienstag trifft sich die Marinekameradschaft Tsingtau, um alte Seemannslieder zu singen. Foto: Horst Rudel

Esslingen - Langsam trudelt die Marinekameradschaft Tsingtau ein. Der Tsingtau-Keller ist ein mittelalterliches Sandsteingewölbe im mittelalterlichen Stadtkern von Esslingen, einer Stadt, die nichts mit der Seefahrt zu tun hat, außer dass der Hafenmarkt in der Nähe ist. Aber da ankerten keine Schiffe, wie vielfach geglaubt wird, sondern da hatten einst die Töpfer ihre Stände, die Kochhafen feilboten, wie im Schwäbischen die Kochtöpfe heißen. Unter den Steuerrädern, den Flaggen, den mächtige Schiffsmodellen, den Wimpeln und dem Glaskasten mit den Seemannsknoten lassen sich die alten Männer nieder.

Es gibt in Esslingen keinen Nachkommen mehr von den ehemaligen Kolonialtruppen der einzigen Kolonie Deutschlands in Ostchina, die damals Tsingtau hieß und heute Qing-Dao heißt. Und in der Marinekameradschaft gibt es unter den 60 passiven Mitgliedern und den 30 Sängern des Shanty-Chors nur noch fünf Leute, die jemals zu See gefahren sind. Rätselhaft, was den sympathischen Haufen zusammenhält, der sich an diesem Dienstag zur Chorprobe trifft.

„Homa ne Platte“, schallt es quer durch den Raum – die Kommandostruktur der Marinekameradschaft funktioniert noch vorbildlich. „Was, ne Flasche?“ Viele der betagten Sänger hören nicht mehr so gut. „Nein, eine CD von unserem Shanty-Chor.“

Seemänner aus Württemberg

Deutschland hatte einst das drittgrößte Kolonialreich der Welt, geschützt von verwegenen Kolonialtruppen. Unvergessen ist immer noch Paul von Lettow-Vorbeck, der von 1914 an in Deutsch-Ostafrika einen Guerillakrieg gegen die Engländer führte und erst Ende 1918 aufgab, nachdem er mitten im Buschland zufällig erfahren hatte, dass der Krieg in Europa schon zu Ende war.

Die Soldaten von Tsingtau waren aus demselben Holz geschnitzt. Mit 6000 Mann verteidigten sie die deutsche Kolonie gegen 58 000 britische und verbündete japanische Soldaten drei Monate lang vom 2. September bis zum 7. November 1914, bevor sie den Gang in die Kriegsgefangenschaft antraten. Manche mussten dort bis ins Jahr 1920 bleiben. Aber warum zum einbeinigen Klabautermann haben sich die Nachkommen der Kolonialtruppen ausgerechnet in Esslingen getroffen und nicht wenigstens in der Landeshauptstadt? „Stuttgart, wo liegt’n das?“ scherzen die alten Männer „Das is da, wo se nächstens die Autos verbieten.“ „Ha, dann kannst du nur noch mit dem Hubschrauber reinfliegen.“

Die historisch korrekte Antwort ist wohl, dass etliche Seeleute und einige Kolonialtruppen aus Süddeutschland stammten und sich nach dem Ende der japanischen Kriegsgefangenschaft wieder in ihrer Heimat Württemberg niederließen, einige davon in Esslingen. Bekannt ist beispielsweise Heinrich Reiser, der bis 1909 als Artillerist in Tsingtau Dienst tat und aus Esslingen stammte. Seit den fünfziger Jahren war die Kameradschaft eher ein allgemeiner Verbund von Seeleuten, heute treffen sich vor allem Ruheständler mit Liebe zur See und Musik.