Ethik
Der Mensch ist eben ein Mensch
Eva Kirn-Frank,
27.01.2010 19:53 Uhr
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"Die Autorität der Ideale wird nicht durch ihren Ursprung in der menschlichen Natur untergraben", meint der Moralphilosoph Kwame Anthony Appiah Foto: StZ
""Die Natur hat unsere Vorfahren gelehrt zu gehen; wir können uns nun selbst beibringen zu tanzen.""
Kwame Anthony Appiah
Für ein gelingendes Leben sollte man nicht nur moralisch handeln, sondern ein tugendhafter Mensch sein: Appiah ist ein Anhänger der Tugendethik in der Nachfolge von Aristoteles und John Stuart Mill. Doch wie ist das mit dem tugendhaften Charakter in der Realität? Hilfsbereitschaft etwa kann man in gespielten Szenarien testen, wie sie aus der "Versteckten Kamera" bekannt sind. Dazu lässt man beispielsweise auf einem belebten Gehsteig einen Papierstapel fallen. Dabei zeigt sich: finden die Passanten im Telefonhäuschen eine Münze (die man dort platziert hat), oder haben den Duft einer Bäckerei in die Nase, zeigen sie sich viel hilfsbereiter als sonst. Bei Stress ist es umgekehrt.
Dass solche Ergebnisse dem Ideal des gleichbleibend tugendhaften Charakters widersprechen, schade nicht, findet Appiah. Schon Aristoteles wusste, dass Tugend etwas ist, was man sich in jahrelanger Selbsterziehung beibringen muss, und dass die meisten es nicht schaffen. Und er geht über den Befund hinaus: solche Erkenntnisse könne man nutzen, um soziale Institutionen zu schaffen, die Menschen vor Situationen bewahren, in denen sie Schlechtes tun. Dazu gehörten auch materielle Umstände. Zum Abschlachten der Tutsi etwa wurden Menschen aufgehetzt, die am Rande des Existenzminimums lebten.
Mitgefühl ist die stärkste Reaktion
Hilft dabei die natürliche Ausstattung des Menschen? Man habe, so der Psychologe Jonathan Haidt, einige moralische Grundmuster gefunden, die automatische Reaktionen auslösen. Er nennt sie Module. Am offenkundigsten ist das Moralmodul des Mitgefühls. Es lässt sich schon bei Kleinkindern von anderthalb Jahren nachweisen: sie reagieren mit Streicheln, wenn die Mutter sich den Fuß stößt.
Studien an Grundschulkindern zeigen, dass sie schon genau differenzieren können. Wenn in ihrer Schule das Kaugummikauen im Unterricht verboten ist und man ihnen erzählt, in einer anderen Schule sei es nicht verboten, finden sie, es sei dort also erlaubt. Erzählt man jedoch, der Lehrer dort habe es nicht verboten zu schlagen, so halten sie daran fest, dass Schlagen dennoch falsch sei. Sie wissen also, welche Regel nur eine Konvention und welche immer gültig ist. Auch der Wunsch nach Fairness und Bestrafung antisozialen Verhaltens scheint ein angeborenes Modul zu sein.
Problematischer ist das Reinheitsmodul. Es lässt moralischen Abscheu empfinden, doch ursprünglich dürfte ihm der Ekel vor bestimmten, möglicherweise gefährlichen Nahrungsmitteln zugrunde liegen. Haidt untersuchte diese Reaktion auf Geschichten mit einigermaßen harmlosen Tabuverletzungen. Eine handelt von einem Mann, der Sex mit einem toten Huhn hat; eine andere von einer Familie, die ihren überfahrenen Hund verzehrte.
Moral lässt sich vernünftig weiterentwickeln
Interessanterweise fanden US-amerikanische Collegestudenten solche Handlungen zwar insgesamt ekelhaft, nicht aber moralisch unstatthaft. Leute im Armenviertel Philadelphias jedoch fanden sie schlechtweg verwerflich ("Das tut man nicht!"). Das ursprüngliche Reaktionsmuster lässt sich demnach kulturell verändern. Noch eindeutiger wurde das Respektsmodul durch die Aufklärung verändert. Respektvolles Verhalten kam früher nur Statushöheren zu; im Sinne der Menschenrechte ist jeder ein Souverän.
Die naturwüchsigen Reaktionen genügen also nur teilweise, um eine Ethik zu fundieren. Daher sind Appiah zufolge moralische Gründe und biologische Erklärungen nicht austauschbar, und Moral lässt sich vernünftig weiterentwickeln, indem Menschen miteinander reden. Beide Sichten, die von außen wie von innen, seien nötig. "In der Ethik wie in der Optik benötigen wir Stereoskopie, um die Welt in allen ihren Dimensionen zu sehen."
Appiah lässt eine Vielzahl von Experimenten Revue passieren: gespielte Szenarien, Gedankenexperimente, anthropologische Erkundungen und Gehirnscans aus dem Computertomografen, wenn Probanden über Handlungsalternativen nachdenken. Die Ergebnisse zeigen, dass die intuitiven Urteile der Menschen teilweise unvereinbar sind - genauso wie die Theorien der Philosophen. Sie stimmen zur Vorsicht, wo man aus Experimenten allzu weit gehende Folgerungen zieht. Zwar wendet sich dieser Philosoph auch gegen die eigene Zunft, wo diese sich in immer abstrakteren Gefilden versteigt. Doch ebenso deutlich zeigt er, wie unsinnig es wäre, den Menschen auf seine biologischen Reflexe zu reduzieren.
Ideale gelten mehr als der reine Instinkt
Die Experimente bestätigen Appiah den klassischen Satz vom Doppelwesen des an Natur und Geist teilhabenden Menschen. "Wer behauptet, die Autorität der Ideale werde durch deren Ursprung in der menschlichen Natur untergraben, der bestreitet den menschlichen Charakter des Menschseins", schreibt er. Appiah plädiert für eine Ethik, die sich von der zwanghaften Suche nach nur einer Herleitung befreit hat. Wolle man wirklich zu plausiblen Resultaten kommen, müsse die Ethik kompliziert und vielschichtig werden.
Unplausibel ist dagegen der Untertitel der deutschen Ausgabe: "Übungen zum guten Leben". Das Buch, das aus einer Vorlesungsreihe entstanden ist, hat mit Ratgeberliteratur nichts zu tun. Es umreißt Baustellen ethischer Erkenntnis und glänzt dabei mit farbigen Vergleichen. Ein Appiah-Zitat taugt zum Leitspruch: "Die Natur hat unsere Vorfahren gelehrt zu gehen; wir können uns selbst beibringen zu tanzen." Dabei sei aus einem experimentierfreudigen Leben mehr zu lernen als aus philosophischen Experimenten.
Kwame Anthony Appiah: Ethische Experimente. Übungen zum guten Leben. Aus dem Englischen von Michael Bischoff. München, C.H. Beck, 2009, 267 Seiten, 19,90 Euro.
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