Ethik Die Wissenschaft muss sich der Verantwortung stellen

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Jörg Hacker, der Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften, rät bei einem Vortrag an der Uni Stuttgart zu einem Fachaustausch unter Fachkollegen bei kritischen Themen.

Experimente mit kritischem Material sollten ethisch geprüft werden. Foto: dpa
Experimente mit kritischem Material sollten ethisch geprüft werden.Foto: dpa

Stuttgart - Friedrich Dürrenmatt zeigt in seiner Komödie „Die Physiker“, wie schwierig es ist, als Wissenschaftler Verantwortung zu übernehmen. Der geniale Johann Wilhelm Möbius behauptet, ihm erscheine der König Salomo, damit man ihn in die geschlossene Psychiatrie steckt. Dort meint er, frei forschen zu können, weil ihn niemand mehr ernst nimmt. Doch er irrt sich. Gar nicht so wenige ahnen, wie mächtig die Waffen wären, die sie auf der Grundlage seiner Forschung entwickeln können. Später hat Dürrenmatt noch einige Thesen hinzugefügt: In einem Anhang hält er fest, dass die Auswirkungen der Physik alle Menschen etwas angehen. Und er schreibt: „Was alle angeht, können nur alle lösen.“

Das war Anfang der 60er-Jahre, als die Gefahr eines Atomkriegs die öffentliche Debatte beherrschte. Heute könnte Dürrenmatt auch Biologen und Gentechniker auftreten lassen, denn ihre Arbeit lässt sich ebenfalls missbrauchen. Mit geeigneten Viren könnten Terroristen zum Beispiel eine Pandemie auslösen. Der Mikrobiologe Jörg Hacker hat in einem Vortrag an der Universität Stuttgart erläutert, wie sich die Wissenschaft heute ihrer Verantwortung stellen will: nicht wie von Dürrenmatt vorgeschlagen in einer für alle offenen Debatte, sondern erst einmal im Austausch unter Fachkollegen. Hackers Beispiel sind Experimente mit gefährlichen Grippeviren, über die seit vier Jahren diskutiert wird.

Wandelbare Viren

Weil Grippeviren in der Natur sehr wandelbar sind, haben einige Forschergruppen untersucht, was auf die Menschheit zukommen könnte. Vor allem die Teams von Ron Fouchier und Yoshihiro Kawaoka haben für Aufsehen gesorgt, als sie die Erreger der Vogelgrippe H5N1 genetisch veränderten. Sie haben mit ihren Experimenten gezeigt, dass wenige Änderungen im Erbgut ausreichen, um die Viren auch unter Säugetieren übertragbar zu machen. Bisher konnten sich Menschen nur bei Geflügel anstecken. Es stellte sich zwar heraus, dass die veränderten Viren weniger tödlich waren als die ursprünglichen Erreger der Vogelgrippe. Doch der Schock saß: was, wenn die Erreger versehentlich aus dem Labor entweichen oder Terroristen die Experimente nachahmen?

Jörg Hacker hat das bei Infektionskrankheiten zuständige Robert-Koch-Institut geleitet, als 2009 die Schweinegrippe H1N1 die Welt in Atem hielt. Die Erreger waren damals weniger gefährlich, als man befürchtet hatte: In Deutschland starben nicht viel mehr Menschen als sonst an der Grippe, aber weltweit dürfte es weit mehr als 100 000 Opfer gegeben haben. Heute ist Hacker Präsident der Nationalen Akademie der Wissenschaften (Leopoldina) und auf Einladung des Forschungsverbunds Simtech in Stuttgart. Gemeinsam mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft fordert die Nationale Akademie, dass erst einmal die Wissenschaftler die Chance bekommen, ihre Verantwortung wahrzunehmen. „Wir setzen auf die Selbstregulierung der Wissenschaft“, sagt Hacker.

Auch der Ethikrat hat sich mit den riskanten Experimenten befasst – und neue gesetzliche Regelungen verlangt. Bewusstseinsbildende Maßnahmen und Kodizes würden nicht ausreichen. Man sollte eine Kommission einrichten und alle Forscher verpflichten, sich vor riskanten Projekten dort ein Votum abzuholen. Die Nationale Akademie hat hingegen selbst eine Kommission eingerichtet, um die Debatte zu beflügeln und Kollegen auf Wunsch zu beraten. Co-Vorsitzender ist der Regelungstechniker Frank Allgöwer von der Universität Stuttgart. Weitere Arbeitsgruppen an den Hochschulen sollen folgen, in denen die Wissenschaftler über die Risiken ihrer eigenen Arbeit sprechen.

Ob das genüge, wird Hacker aus dem Publikum gefragt. „Das wird man sehen“, antwortet er. „Wir müssen da Erfahrungen sammeln.“ Aber wenn die bestehenden gesetzlichen Vorschriften und die interne Diskussion nicht reichen sollten, müsse man auch über Alternativen diskutieren. Die Forschung mit den gefährlichen Grippeviren steht indes weitgehend still: Die US-Regierung hat ihre Förderung vor anderthalb Jahren auf Eis gelegt und erwartet im Mai den Bericht ihrer Ethikkommission.

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