Ethnologie Was bleibt von alten Kulturen?

Christine Pander, 13.11.2012 09:49 Uhr

Stuttgart - Wagenstandsanzeiger. Nicht nur das Wort, sondern auch die dazugehörige Übersichtstafel am Stuttgarter Hauptbahnhof haben es Jared Diamond angetan. Der 75-jährige Wissenschaftler und Bestsellerautor zieht seinen Hartschalenkoffer energisch hinter sich her, bis er zwischen den Markierungen B und C an Gleis 16 kerzengerade stehen bleibt. Laut Wagenstandsanzeiger müsste der Wagen, in dem er einen Sitzplatz reserviert hat, direkt vor seinen Füßen halten. Der Zug kommt, Diamond schmunzelt. „Jetzt bin ich aber enttäuscht, unser Abteil ist drei Meter weiter hinten.“

Auch wenn er mittlerweile lieber im Bett als im Zelt schläft, unternimmt Diamond immer wieder Expeditionen in den Dschungel Neuguineas. Der Mann mit dem tiefen grauen Scheitel, dem silbernen, gepflegten Bart und dem leuchtend roten Trachtenjanker ist nach Deutschland gekommen, um sein neues Buch „Vermächtnis“ zu präsentieren, in dem er erklären will, was wir von traditionellen Kulturen lernen können. In München hat er seinen nächsten Auftritt. Diamond setzt sich im Zug ans Fenster und beginnt, in nahezu fehlerfreiem Deutsch zu erzählen.

Reisen in das abenteuerlichste Land der Welt

Es ist Liebe auf den ersten Blick, als Diamond 1964 das erste Mal Neuguinea bereist. Der Kannibalismus bei den dort lebenden Stämmen ist erst seit 15 Jahren unter Strafe gestellt. „Mag sein, dass es noch ein bisschen Kannibalismus gab, aber das war in den Endzügen“, sagt Diamond. Er will im Dschungel Vögel beobachten. Von einem Medizinerkollegen seines Vaters, der dort die Ursache der Kuru-Krankheit erforschte und später den Nobelpreis dafür erhielt, bekommt er Tipps, auch ein anderer Freund seines Vaters, ein Ornithologe, unterstützt seine Vorbereitungen.

Neuguinea gilt damals als das abenteuerlichste Land der Welt – völlig unberührt von der westlichen Zivilisation. Jung und dumm und abenteuerlustig sei er gewesen, sagt er. „Die Menschen dort hatten Stein­äxte, und ich glaubte dummerweise, dass sie auch primitiv sind, was ihre Mentalität betrifft. Aber schon am ersten Tag war klar: sie benehmen sich anders, aber sie sind so klug wie wir.“ Das klingt weder verklärt, noch hat Diamond dabei einen romantischen Schimmer im Blick.

In Neuguinea gibt es mehr als tausend Sprachen, Diamond spricht zunächst keine davon. Mit einem einfachen Kauderwelsch, dem Pidgin-Englisch, nähert er sich seinen Gastgebern an. Über die Jahre dauern seine Aufenthalte zwischen viereinhalb Wochen und längstens drei Monaten. Er übernachtet im Zelt und ist auf die Unterstützung der dort lebenden Menschen angewiesen. Denn nur sie kennen die Pfade durch den Dschungel – ein Fehltritt kann tödlich sein.

Ein Ex-Polizist bereitet seine Reisen vor

Seit den achtziger Jahren wird er von einem Freund begleitet, einem ehemaligen Londoner Polizisten. „David bereitet meine Reisen vor und kann Situationen sehr gut einschätzen.“ Auf den Londoner Straßen hat der Weggefährte gelernt, Konflikte ohne Waffen beizulegen. Das ist Diamonds Lebensversicherung: Stammeskriege sind bis heute ein Teil der Tradition in Neuguinea. „Wir sind den Umgang mit Fremden gewohnt. Die Menschen dort waren und sind es teilweise bis heute nicht.“

Diamond dürfte auf seine Gastgeber exotisch gewirkt haben: Der weiße Mann wird, als er bei einem seiner Besuche 40 Jahre alt ist, von der Stammesgesellschaft wegen seines vergleichsweise stattlichen Alters als „halb tot“ eingestuft. „Sie haben mir dann einen zwölfjährigen, kräftigen Jungen als Begleiter zur Seite gestellt.“