Eurokrise Schäuble malt in Karlsruhe ein düsteres Bild
Stefan Geiger, 30.11.2011 06:20 Uhr
Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble Foto: dpa
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Karlsruhe - Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) malt in der mündlichen Verhandlung des Bundesverfassungsgerichts ein düsteres Bild vom aktuellen Stand der Eurorettung: "Wir haben die Ansteckung im ganzen Euroraum. Die Situation ist gegeben, vor der wir vor einem Jahr gewarnt haben." Das habe Auswirkungen auf die Einstufungen der Staaten durch die Ratingagenturen.

"Wir haben eine Zuspitzung der Marktsituation, und die nimmt jeden Tag zu." In Italien und Spanien sei der Bedarf an neuen Krediten in den kommenden Monaten besonders groß. Die "Märkte", sagt Schäuble, könnten die Einzelheiten der filigranen Rettungsversuche in Europa nur schwer verstehen, wo 17 Länder stets einstimmig entscheiden müssten. Sie zögen sich aus Europa zurück.

Deshalb benötige die Politik "handlungsfähige Instrumentarien", mit denen sie die Marktteilnehmer überzeugen könne. Anders werde man das Vertrauen der Märkte in absehbarer Zeit nicht zurückgewinnen können. Ein zentrales Instrument ist für Schäuble und die meisten Mitglieder des Bundestags das "Neuner-Gremium" des Haushaltsausschusses, in dem eilige und vertrauliche Entscheidungen zur Eurorettung getroffen werden sollen. Genau gegen dieses kleine Gremium klagen zwei SPD-Politiker, die sich in ihren Rechten als Bundestagsabgeordnete eingeschränkt sehen. Und wegen dieser Klage hatte das Verfassungsgericht die Arbeit des Gremiums mit einer einstweiligen Anordnung im Oktober zunächst gestoppt.

"Neuner-Gremium" ist dringend notwendig

Ohne das "Neuner-Gremium", das die notwendige Vertraulichkeit gewährleiste, sei eine zentrale Instanz zur Eurorettung, die Europäische Finanzstabilisierungsfaszilität, "handlungsunfähig", so Schäuble. Hinter dem Wortungetüm mit der bekannteren Abkürzung ESFS verbirgt sich formal eine privatwirtschaftlich organisierte Zweckgesellschaft, die die Euroländer gegründet haben und die vor allem drei Aufgaben haben soll: Sie soll bis zu einer Obergrenze von zuletzt 780 Milliarden Euro Anleihen überschuldeter Staaten aufkaufen, um so die wankenden Euromitglieder zu stützen. Sie soll "systemrelevante" Banken, die sich verspekuliert haben und deshalb zahlungsunfähig werden könnten, (indirekt) wieder mit Geld versorgen. Und sie soll überschuldeten Staaten "vorsorgliche" Kredite geben.

Das "Neuner-Gremium" soll diese Zahlungen genehmigen. Diese Hilfen müssten streng vertraulich vorbereitet und beschlossen werden, so Schäuble, denn: "Die Märkte sind keineswegs rational." Wenn sie in der angespannten und schwierigen Lage regierten, dann "herrscht Panik".

In der Theorie sagt eine einstweilige Anordnung nichts über die Erfolgschancen einer Klage aus, in der Praxis schon. Die Erfahrung lehrt, dass das Bundesverfassungsgericht zu dieser Aufsehen erregenden Maßnahme meist nur dann greift, wenn es nach einer summarischen Prüfung massivste Bedenken gegen die angegriffene Regel hat. Die Klage gegen das "Neuner-Gremium" könnte, das zeigt sich während der Verhandlung am Dienstag, eine Ausnahme sein.

Die Richter lassen sich erkennbar von dem beeindrucken, was ihnen Parlamentsmehrheit und Regierung vortragen. Beobachter halten es deshalb für eher wahrscheinlich, dass das "Neuner-Gremium" zumindest in einer "verfassungskonformen Auslegung" des Gesetzes doch noch Bestand haben könnte.

Differenzen zwischen Karsruher Richtern und Berliner Politiker

Noch selten freilich war auch die kaum verhohlene Empörung der Berliner Politiker über die Karlsruher Richter so groß wie diesmal. Dies zeigt sich bei den sorgfältig gewählten Worten im Gerichtssaal, vor allem aber in den Gesprächen drum herum. Die Grundaussage: Da habe man unter strikter Beachtung aller bisherigen Karlsruher Vorgaben nach sorgfältiger Vorbereitung und unter Einbindung der Opposition ein Gesetz gemacht, das mit breiter Mehrheit verabschiedet worden ist und vom in Karlsruhe stets eingeforderten Selbstbewusstsein des Parlaments zeuge.

Und nun sei es den Karlsruher Richtern offenkundig auch wieder nicht recht. Dabei gehe es diesmal nun wirklich um etwas Wichtiges, nicht nur um die Handlungsfähigkeit der Bundesregierung, nicht nur um Deutschland, sondern um die Zukunft Europas.

Dem Verfassungsgericht dagegen geht es, wie Präsident Andreas Voßkuhle erklärt, darum, dass die "verfassungsrechtlichen Spielregeln" gerade auch in schwierigen Zeiten eingehalten werden. Sachzwänge dürfe man zwar nicht ausblenden, sie dürften aber nicht handlungsleitend sein. "Die Forderung ,Not kennt kein Gebot' hat - wie wir alle wissen - historisch gesehen den Menschen - wenn überhaupt - immer nur sehr kurzfristig Glück gebracht." Das war aber noch ganz zu Beginn der Verhandlung.

Kommentare (3)
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NOV
30
R.M., 14:27 Uhr

Schäuble der Wechselpesimist ......

....der dieses Instrument virituos zu Spielen vermag. Ein Politiker dem Verschlagenheit und Cleverniss zu gleich in nicht unerheblichen Maße gegeben ist. Es gibt ,wenn überhaupt nur wenige Politik-Akteure auf Bundes- oder EU-Ebene die im in dieser Beziehung den Kelch reichen können. Je nach Lage der Dinge einmal Zweckoptimist oder kalkulierender Pesimist, das ist Schäuble egal welches Amt er begleidet. Ein schwer einschätzbarer mit allen denkbaren Winkelzügen ausgestatteter Macht-Politiker der alten Schule. Schwere Kost für all die anderen auf dem politischen Parket.

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NOV
30
Montesquieu, 12:39 Uhr

irrational

Vor Jahren hat man den an der Europäischen Union zweifelnden Bürger als einfältig und rückständig hingestellt. Es wurden dann Info-Büros mit netten bunten Prospekten ausgestattet und argumentiert, dass alles einschließlich Verträge bestens geprüft, begründet und vorbereitet sei. Der Beitritt zur EU sei rational und vernünftig geplant einschließlich der Märkte und kluger Regelungsmechanismen. Nun zeigt sich, dass da überhaupt nichts mehr rational ist und dass entweder keine Sicherungs- und Prüfmechanismen installiert wurden oder dass diese versagt haben. Man rätselt und fühlt nur noch Stimmungen - statt wirklich zu wissen. Verbotene staatliche Beihilfen wurden geduldet, Stromkonzerne hielten sich nicht an kartellrechtliche Vorschriften, Staaten schönten ihre Bilanzen und Haushalte, hielten sich nicht an die Verträge (Maastricht-Kriterien) und wurden dafür kaum zur Rechenschaft gezogen. Die Vernunft-EU war in Wirklichkeit eine Täuschungs- und Verdunkelungs-EU. Unternehmer und Politiker konnten aus den Misständen Profit schlagen und in die eigene Tasche wirtschaften. Obwohl andere Mitgliedstaaten nicht für die Verbindlichkeiten eines Landes haften dürfen, ist genau dieses passiert. Denn obwohl es verboten ist, finanziert die EZB mitgliedstaatliche Haushalte, denn sie kauft Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Staaten auf. So werden Versäumnisse, Betrügereien korrupter Politiker und Spekulationsgewinne von Banken nachträglich geheilt. Weil man sich zu fein und zu bequem war, die Übeltäter frühzeitig unter Druck und an die Luft zu setzen, muss nun der steuerehrliche Bürger für den Schaden haften? Dem Elefant einen Porzellanladen zum Geschenk? Ist das etwa ein kluges, gerechtes und rationales Europa? Nein! Das, was die Verantwortlichen seit Jahren absondern, hat nichts mit Rationalität sondern nur noch mit Stimmungen und Launen zu tun. Diese angeblichen Profis bewegen sich längst auf dem Parkett der Gaukler und Wahrsager, wollen aber noch immer noch fürstlich entlohnt werden für ihre Fehlleistungen.

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NOV
30
O. Selzer, 08:56 Uhr

Das ist wie mit dem Impfstoff zur Schweinegrippe

Gell, Herr Schäuble!

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