Europäischer Kopfschmerz- und Migränetag Gewitter im Kopf

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Heftige, pulsierende Schmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Übelkeit bis hin zu Erbrechen – Migräne bedeutet mehr als einfach nur Kopfschmerzen. Wie lebt es sich mit dieser Krankheit? Und was kann man dagegen tun?

Migräne kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen (Symbolfoto). Foto: dpa-Zentralbild
Migräne kann das Leben der Betroffenen stark beeinträchtigen (Symbolfoto). Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Oft künden kleine Vorboten von der nahenden Attacke: Häufiges Gähnen, Müdigkeit, Reizbarkeit. Irgendetwas stimmt nicht. Wer an Migräne leidet, weiß, dass es bald losgehen wird. Heftige, meist einseitige, pulsierende oder pochende Kopfschmerzen, Licht- und Lärmempfindlichkeit sowie Übelkeit bis hin zu Erbrechen prägen die Attacke. Bei körperlicher Belastung werden die Beschwerden schlimmer. „Wenn man eine akute Migräneattacke hat, ist man der Krankheit ausgeliefert“, sagt Lucia Gnant, Präsidentin der Migräneliga Deutschland e.V., einem Zusammenschluss von Betroffenen.

Rund 15 Prozent der Bevölkerung in Deutschland leiden an Migräne; Frauen sind drei Mal mehr davon betroffen als Männer. Neurologe Tobias Freilinger, Oberarzt in der Spezialambulanz Kopfschmerz der Universitätsklinik Tübingen, spricht von einer Volkskrankheit: „Migräne ist eine sehr sehr häufige Erkrankung.“ Die Veranlagung dazu ist im Wesentlichen von genetischen Faktoren bestimmt.

Wie genau eine akute Attacke entsteht, ist nicht abschließend geklärt. „Man geht aber davon aus, dass es im Bereich der Gehirnhäute in der Nähe der Hirngefäße zu entzündlichen Veränderungen kommt. Hierdurch werden feine Nervenendigungen des Trigeminusnervs gereizt“, erklärt Freilinger, der auch die Arbeitsgruppe Kopfschmerzen am Hertie-Institut für Klinische Hirnforschung leitet.

Ein Drittel der Patienten leidet an Seh- und Sprachstörungen

Für etwa ein Drittel der Betroffenen beginnt die Migräneattacke mit zusätzlichen neurologischen Reiz- oder Ausfall-Symptomen: Dann flimmert es plötzlich vor den Augen, das Bild wird verschwommen oder unscharf. In schweren Fällen können zudem die Gliedmaßen kribbeln oder taub werden und das Sprechen schwerfallen, weil die Zunge nicht gehorchen will und die richtigen Worte zu fehlen scheinen. „In der Aura-Phase wird man als Migränepatient quasi zur hilflosen Person“, sagt Lucia Gnant. Mediziner gehen davon aus, dass die Hirnrinde von diesen Menschen besonders erregbar ist. „Während der Aura wandert eine Art elektrische Welle im Bereich der Hirnrinde über bestimmte Bereiche des Gehirns“, erklärt Neurologe Freilinger.

Verschiedene Faktoren, so genannte Trigger, können eine Attacke auslösen, zum Beispiel hormonelle Schwankungen, Stress, Wetterlagen, Alkohol, bestimmte Nahrungsmittel oder Änderungen des Lebensrhythmus. Für die Patienten ist es folglich wichtig, ihre Trigger zu kennen – und sie nach Möglichkeit zu vermeiden. Dabei sollten Betroffene sich auf die Auslöser konzentrieren, die sie selbst beeinflussen können, rät die Migräneliga. „Ein regelmäßiger Tagesablauf – möglichst zur selben Zeit schlafen und essen – ist sehr wichtig“, erklärt Gnant. Entspannung und Ausdauersport seien ebenfalls von großer Bedeutung.

Tobias Freilinger kann da nur zustimmen. Eine weitere Möglichkeit zur Vorbeugung von Migräneattacken besteht in der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten, etwa Betablockern oder Mitteln, die ursprünglich aus der Behandlung der Epilepsie kommen. „Das ist aber für viele ein großer Schritt, der in erster Linie für Patienten in Frage kommt, die sehr häufig an Migräne leiden“, sagt der Arzt. Voraussichtlich im kommenden Jahr wird eine neue Klasse von Medikamenten zur Verfügung stehen – so genannte CGRP-Antikörper sollen in den Entstehungsmechanismus der Migräne eingreifen und so Attacken vorbeugen.

Mehr als nur Kopfschmerzen

„Migräne bedeutet mehr, als einfach nur Kopfschmerzen, wie jeder sie kennt“, betont Freilinger. „Sie kann das Alltagsleben der Betroffenen mitunter stark beeinträchtigen.“ Bis zu 72 Stunden kann eine Attacke dauern. Eine Heilung der Krankheit ist nicht möglich. „Mit einer guten Behandlung durch einen Arzt kann man sie aber zumindest in den Griff bekommen“, sagt Lucia Gnant von der Migräneliga. Bei einer akuten Migräneattacke können demnach Schmerzmittel wie Aspirin oder Paracetamol helfen sowie Medikamente gegen Übelkeit. Zudem gibt es spezielle Migränemittel, die so genannten Triptane. Wenn es gelingt, diese rechtzeitig einzunehmen, geht es den Patienten oft schon nach einigen Stunden wieder besser.

In der Bevölkerung mangelt es noch immer häufig an Verständnis. Was Vorurteile angeht, hat sich die Situation Gnants Einschätzung nach zwar in den vergangenen Jahren verbessert, doch noch immer hörten Migränegeplagte oft Sätze wie „Sei doch nicht so empfindlich.“ „Dabei können wir nichts dafür, dass wir auf Wetterveränderungen, Lärm oder grelles Licht sensibler reagieren als andere“, betont die Präsidentin der Migräneliga. „Trotzdem sollte man wegen der Krankheit nicht immer auf alles verzichten, was Spaß macht. Wenn man zum Beispiel feiern möchte, etwa weil man auf eine Hochzeit eingeladen ist, dann wird man vermutlich Alkohol trinken und spät ins Bett kommen – und dafür kann man eine Migräneattacke mal in Kauf nehmen.“

Lucia Gnant weiß, wovon sie spricht – sie ist selbst Patientin und geht offen mit ihrer Erkrankung um. Das empfiehlt sie auch anderen, schränkt aber ein: „Ob man es dem Arbeitgeber sagt oder nicht, muss man immer im Einzelfall entscheiden. Am besten spricht man vorher mit seinem Arzt darüber.“ Wer den Schritt machen möchte, solle sich zudem zunächst selbst gut über die Krankheit informieren.

Hilfen dazu bieten neben der Migräneliga auch die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft.