Eurovision Song Contest Ein Manga-Girl für Stockholm

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Die 17-jährige Jamie-Lee Kriewitz gewinnt den deutschen Vorentscheid zum Songcontest. Das Manga-Girl reist nach Schweden mit einem Song, der nicht vom Stuhl haut – aber der in Ordnung ist und dem man alles Beste wünschen mag.

Jamie-Lee Kriewitz ist vor allem als „The Voice of Germany“-Gewinnerin bekannt. Foto: dpa 12 Bilder
Jamie-Lee Kriewitz ist vor allem als „The Voice of Germany“-Gewinnerin bekannt.Foto: dpa

Berlin/Köln - Spaßvögel haben schon im Vorfeld gejuxt, dass das Prozedere diesmal extra so hingedeichselt worden ist, dass am Ende drei „Semifinalisten“ überbleiben. Nur so für den Fall, dass nicht nur der Sieger seinen Verzicht erklären könnte, sondern solidarisch dann auch noch der Zweitplatzierte – und man dann theoretisch immerhin noch den Drittplatzierten nach Stockholm schicken könnte. Aber so blamabel wie im letzten Jahr, als der Sieger des Vorentscheids, Andreas Kümmert, auf offener Bühne seinen Verzicht erklärte und dann Ann Sophie nach Wien geschickt wurde, um dort gänzlich punktlos Letzte zu werden, lief es dann doch nicht.

Der austragende Rundfunksender NDR hat schließlich schon im Vorfeld entsprechend Sorge getragen. „Natürlich haben wir allen gesagt: Wir wollen jetzt nicht in Serie das Andreas-Kümmert-Ergebnis haben“, wurde der ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber zitiert, weswegen nach Angaben dieses gewieften Unterhaltungsmusikkenners vorab mit allen Kandidaten ausgiebig gesprochen worden sei.

Blamiert hatte sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen zu diesem Zeitpunkt ja ohnehin schon längst. Mit Xavier Naidoo, den der Unterhaltungskoordinator par ordre de Mufti ohne Gebührenzahlermitsprache nach Stockholm zu entsenden gedachte, aber die Geschichte ist ja längst hinreichend bekannt. Weswegen nun in einem Akt der Notwehr eigentlich zu erwarten gewesen wäre, dass entsprechende andere Kaliber aufgefahren würden. Aber dann wurden halt doch wieder willfährig Musiker nominiert, die in Wettbewerben wie „The Voice of Germany“ ihre Meriten verdient haben; eine Visitenkarte als Finalistin bei der RTL-Show „Das Supertalent“ vorzuweisen hatten oder von Ralph Siegel ins Rennen geschickt wurden (oder gleich beides, bessere Garanten für Qualität hätte der NDR schließlich schwerlich finden können); oder eben die Kandidaten, die von jederzeit gerne freundlich assistierenden Plattenfirmen dezent ins Gespräch gebracht wurden.

Barbara Schöneberger moderiert erneut

Zehn Starter gab’s also am Anfang des Abends, für den nach vermutlich ebenfalls sehr gewissenhaften Abwägungen als Moderatorin überraschenderweise Barbara Schöneberger gewonnen werden konnte. „So klingt Deutschland“ ward als Motto prompt eingeblendet, ein kleines ironisch gemeintes Medley der moderierenden Sängerfee folgte, und auf ging’s mit den „zehn Superkünstlern“ (so Schöneberger).

Die Grafik in einer größeren Ansicht gibt es hier.

Als erstes die laut Selbstdarstellungsvorabvideo „Wahlberlinerin und Hobbyfotografin“ Ella Endlich, die überdies auch ein Faible für knapp geschürzte Garderoben zu haben scheint. Hernach: der musikalisch beste Beitrag des Abends, das Schwesternduo Joco mit „Full Moon“. Die Gregorians, sicher der renommierteste Name im Wettbewerb, weswegen die Mönchskuttenträger es auch an Selbstbeweihräucherung nicht mangeln ließen. Ein vermutlich zur so genannten Hipsterszene zählender Herr namens Christian Friedel. Die zweite halbwegs namhafte Band, Luxuslärm aus dem schönen Iserlohn. Die recht nette, aber auch recht brave Popformation Keøma. Der Sänger Tobias Sammet mit einer Meatloaf-Lookalike-Contest-preiswürdigen Darbietung („Hardrock zum Mitsingen“, so der gewohnt kesse Peter Urban in seinem Resümee) und seiner allerdings durchaus bekannten Band Avantasia. Der kräftig gebaute, allerdings auch auf wenige Akkorde bauende bayerische Songwriter Alex Diehl. Die, nun ja, 17-jährige Schülerin Jamie-Lee Kriewitz aus Hameln. Und die Jurastudentin Laura Pinski, die im Wesentlichen mit ihrem bemerkenswerten Abendkleid glänzen konnte.

Ella folgt ihrem Refraintext

Letztlich musste Ella Endlich ihrem Refraintext „nimm mich mit nach nirgendwo“ folgen und die Segel nicht in Richtung Stockholm setzen, sondern streichen. Gleiches galt in der verblüffend kleinen Kölner Konzerthalle, auch so viel zum Ansehen dieses nationalen Vorentscheids, für sechs andere. Ins Finale der letzten drei haben die Zuschauer (!) Avantasia, Alex Diehl und Jamie-Lee Kriewitz gewählt. Im zweiten Durchgang durfte Tobias Sammet im Abschlussinterview noch zum Besten geben, „dass Texte ja sowieso scheißegal“ sind. Alex Diehl sammelte mit einer entwaffnend offenen Seele noch ein paar Pluspunkte. Jamie-Lee Kriewitz indes vertraute auf die Kraft der Suggestion. Als Pausenfüllermusik schließlich der mit Abstand beste künstlerische Beitrag des Abends, Dolly Partons wunderbares und schon vielfach gecovertes Lied „Jolene“, dargeboten diesmal gemeinsam von der niederländischen Combo Common Linnets und der deutschen Band The Bosshoss.

„Deutschland hat gewählt“, sagt Barbara Schöneberger zum Abschied, als Jamie-Lee Kriewitz am Ende mit ihrem Song „Ghosts“ als Siegerin feststeht, mäßig turmhoch mit 44 Prozent der Stimmen. Das Manga-Girl reist nach Schweden mit einem Song, der nicht vom Stuhl haut, aber der in Ordnung ist und dem man alles Beste wünschen mag. „Es kann nur besser werden“, beschworen die Auguren vorab angesichts des Null-Punkte-Fiaskos von Ann Sophie im Vorjahr in Wien. Wohl wahr und wohlan, dann in Stockholm: Good Night. And good Luck.

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16 KommentareKommentar schreiben

Wie ich hier lesen kann, habe ich wohl einigen ESC-Fans ungewollt ans Bein gepinkelt: Das war nicht meine Absicht. Aber ich muß diese Sendungen nicht mehr gesehen haben, um sie beurteilen zu können. Bei aller Liebe, hier bin ich über Jahrzehnte gestählt. Unter Musikkennern ist es allgemeiner Usus und unbestritten: Dieser Musikwettbewerb ist musikalischer Müll. Und der Vorentscheid erst recht. Und damit zurück nach Mainz in die Sendezentrale.

Sicherlich kein Fehler, die Gewinnerin des mit Abstand besten Talentwettbewerbs (Voice of Germany) zum ESC zu schicken. Sie hat damit schon mal bewiesen, dass ihre Stimme und ihr Auftreten bei breiten Publikum gut ankommen. Diesmal gibt es auf keinen Fall 0 Punkte, auch wenn Deutschland sich in Europa gerade nicht beliebt gemacht hat, was leider immer noch die Votings stark beeinflußt.

Selbstverständlich habe ich die Sendung nicht gesehen: Aber schon die Bilder oben sind gruselig. Was noch gefehlt hat, wäre ein act mit tanzenden Nonnen.

Niemand muss.: Ich schaue mir auch keine Sendungen über Fußball, Ski, Boxen, Autorennen, Volksmusik, Heimatlangweiligfilm, Bohlen- oder Raab-Sendungen, Immer-ähnlich-langweilige Talkshows, Dauerwerbesendungen und ähnliches Schreckliche nicht an. Wer aber mit etwas Offenheit die Sendung geschaut hat, bekam Künstler und Musikrichtungen zu sehen und zu hören, die man sonst seltener sieht. Das heißt nicht, dass alles gut war oder man gut finden muss, Geschmäcker sind verschieden. Aber von den dargebotenen Alternativen erscheint mir die gewählte Sängerin die passendste Wahl für die ESC zu sein.

GEZ Veruntreuung: Wenn die für sowas nur nicht solche horrende Summen an Gebührengeldern versenken würden wär's mir ja Wurscht ... warum hat die Schöneberger da wohl als Moderatorin mitgemacht?

"warum hat die Schöneberger da wohl als Moderatorin mitgemacht": Ja, warum wohl? Vielleicht weil sie für diese Aufgabe geeignet ist und sie gut macht?

Imitatoren: Ich hatte das Gefühl, das war ein Imitatorenwettbewerb. Erst macht eine auf Helene Fischer (Ella Endlich), dann kommt ein Scorpions-Double (Avantasia) und schließlich ein übergewichtiger Liedermacher (Diehl), der den letztjährigen Sieger nachmacht. Und zu guter Letzt gewinnt eine Mischung aus Björk und Lena Meyer-Landrut...

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