Eva Horns Panamericana Private Hilfe für San Franciscos Armenhaus

Von Eva Horn 

Unweit der Konzernzentrale von Twitter beginnt San Franciscos Armenhaus: Im Stadtteil Tenderloin ringt eine kirchliche Non-Profit-Organisation mit Drogen und Armut. Unter den Helfern sind ehemalige Obdachlose, denen selbst geholfen wurde.

Kurt war früher Junkie. Heute engagiert er sich als Helfer.  Foto: Horn
Kurt war früher Junkie. Heute engagiert er sich als Helfer.  Foto: Horn

San Francisco - Wer an San Francisco denkt, denkt an blumenbekränzte Hippies oder an Technologieunternehmen und Start-Ups. San Francisco hat aber auch eine ganz andere, traurige Seite. Zehn Fußminuten von der Konzernzentrale des Kurznachrichtendienstes Twitter entfernt liegt Tenderloin, das vor sich hin faulende Filetstück der Stadt. Etwa 35 000 Menschen, überwiegend ­Afroamerikaner, wohnen hier auf engstem Raum, die ­meisten in Häusern, in denen die Stadt San Francisco die Mietzahlungen übernimmt. Die Bewohner sind oft traumatisiert, viele sind drogenabhängig, Gangstreitigkeiten sind an der Tagesordnung. Dies ist die Welt von San Francisco City Impact, einer kirchlichen Nonprofit-Orga­nisation, die sich seit 30 Jahren niederschwellig für die ­Belange der Bewohner des Viertels einsetzt. Einige der mittlerweile 60 Mitarbeiter sind ehemalige Obdachlose.

Wir treffen Kurt, einen herzlichen und engagierten Mann. Er erzählt uns, dass er jahrelang drogenabhängig war und auf der Straße lebte. Durch San Francisco City Impact fasste er neuen Mut, zum ersten Mal in seinem Leben fand jemand eine andere Ansprache an ihn und er dadurch den Ehrgeiz, selbst für seinen Lebensunterhalt sorgen zu wollen. Heute habe er zwei Jobs und sei seit mehr als zehn Jahren clean, erzählt er strahlend.

Machen staatliche Hilfen gleichgültig?

„Wisst ihr, man bekommt hier in San Francisco die Miete gezahlt und Essensmarken, und die meisten Menschen geben sich damit zufrieden. Sie wollen nicht mehr erreichen und die Stadt hat nichts dagegen, dass das so bleibt. Ich war früher selbst so. Aber das macht etwas mit deinem Kopf, du wirst gleichgültig und wartest auf jemanden, der dir sagt, was zu tun ist. Hier habe ich gelernt, dass diese Person nur ich selbst sein kann. Das hat bei mir den Schalter umgelegt.“ Er ist jetzt einer von 6000 Freiwilligen, die der Organisation jährlich bei ihrer Arbeit helfen. Zu tun gibt es genug.

In San Francisco gibt es zwar verhältnismäßig viele staatliche Hilfen und Unterstützung, das Sozialsystem ist aber völlig überlastet. Das liegt auch daran, dass andere Kommunen, in denen es weit weniger Leistungen gibt, die Menschen ohne Rückfahrkarte nach San Francisco schicken. Sie gehören dann zu den 8000 Personen in Tenderloin, die jeden Abend um einen Platz in den Notunterkünften konkurrieren müssen.

Unsere Kolumnistin Eva Hornprivat Wohlhabende Paten für mittellose Kinder

Alina, eine junge Schweizer Mitarbeiterin, die uns herumführt, erzählt von Kindern, die mit ihren alleinerziehenden Müttern und vielen Geschwistern monatelang in Notunterkünften hausen. San Francisco City Impact versucht, diesen Kindern in ihrer Schule eine Chance zu geben. Da die Schulgebühren hoch sind, hat jedes Kind bis zu 13 verschiedene Paten, die es monatlich mit einem Geldbetrag unterstützen.

Diese leben ebenso in San Francisco, nur in einem anderen Viertel. Dort, wo man auf dem Bauernmarkt teuren Käse einkauft und danach zur Bioeisdiele geht. Der Unterschied zwischen beiden Welten könnte größer kaum sein. San Francisco City Impact sieht sich daher auch als Mittler zwischen Arm und Reich, wie uns Pastor Roger, der Gründer der NGO, erklärt. Ohne die Spenden der Reichen könnte die Organisation nicht existieren, denn Geld von der Stadt gibt es für kirchliche Organisationen nicht. Er erzählt von furchtbaren Zuständen im Viertel, davon, dass die Bewohner sich aufgegeben haben und zwischen Essensmarken und bezahltem Wohnraum vor sich hin vegetieren.

Er und seine Mitstreiter versuchen, die Leute dazu zu bringen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Der Glaube an Gott soll ihnen dabei helfen. Überhaupt spielt Religion eine wichtige Rolle für die Organisation, sie scheint der kleinste gemeinsame Nenner zu sein, der die unterschiedlichen Menschen zusammenbringt.

Kolumne  
Eva Horn bereist mit ihrem Freund acht Monate lang Nord- und Mittelamerika auf der Panamericana. Sie berichtet in unregelmäßigen Abständen von ihren Abenteuern und besonderen Begegnungen.