Stuttgart Exklusive Einblicke in die Travertin-Hallen

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Erstmals seit Jahrzehnten standen die Travertin-Hallen von Bad Cannstatt für kurze Zeit leer. Die Stuttgarter Zeitung zeigt die Bilder der Industriedenkmäler exklusiv und erinnert dabei an ein Stück hiesige Wirtschaftsgeschichte.

„Gebaute Visitenkarten“: die Travertin-Hallen von Bad Cannstatt. Foto: Lutz Schelhorn 10 Bilder
„Gebaute Visitenkarten“: die Travertin-Hallen von Bad Cannstatt. Foto: Lutz Schelhorn

Stuttgart - Ein Bagger mit Greifarm, jede Menge gelbe Säcke und eine einsame Plastiktüte, die dekorativ am Himmel schwebt. Wer sich den Travertin-Hallen in Bad Cannstatt von oben nähert, begibt sich in ein begehbares Recycling-Triptychon. Wo einst die Firma Lauster rund um ihren Travertin-Steinbruch in mehreren Hallen den „Cannstatter Marmor“ abbaute, arbeitet heute ein Triumvirat der Resteverwerter: Die Firmen Karle, Degenkolbe und Fischer Weilheim bereiten hier seit Kurzem Papier auf und erfüllen andere Aufgaben des Wertstoffkreislaufs.

Vor der Übernahme durch Karle und Co. standen die Hallen, die selbst aus Travertin gebaut sind, für kurze Zeit leer – zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Um die Schönheit des Areals, das seit 1987 als Kulturdenkmal eingestuft ist, zu dokumentieren, schickte der Recycling-Unternehmer Stephan Karle den Stuttgarter Fotografen Lutz Schelhorn, 57, über das Areal. Die Stuttgarter Zeitung zeigt die eindrucksvollen Aufnahmen exklusiv.

Gigantische Bauwerke, die an die Wagenhallen erinnern

Wer sich selbst in die Travertin-Denkmäler traut, kommt aus dem Staunen nicht heraus. Ein bisschen Wagenhallen-Ähnlichkeit hier, ein wenig Industrie-Nostalgie in Form gigantischer Krananlagen an der Decke dort. Ein imposanter Schacht stellt den Abschluss der obersten Halle dar.

Die Brüder Adolf und Fritz Lauster, die den Travertin hier von 1902 an abbauten, haben die gigantischen Hallen als „gebaute Visitenkarten aus dem im Steinbruch gewonnenen Travertin errichtet“, wie Karsten Preßler vom Landesamt für Denkmalpflege in einem lesenswerten Artikel über das Industriedenkmal schreibt.

Hanuta-Sammelbilder als zeitgeschichtliche Artefakte

Die riesigen Hallen entstanden laut Preßler zwischen 1920 und 1940. Sie wurden zum Teil in den abgebrochenen Fels ­hineingebaut. Im Jahr 1919 hatten Fritz und Adolf Lauster acht Angestellte. Ihren Betrieb bauten sie sukzessive aus. Den Höchststand der Beschäftigung erreichte die Firma während des NS-Regimes. Die Nazis schätzten das Baumaterial für ihre absurden Prunkbauten.

Die Erkundung der Hallen geht weiter: Waschbecken für die Arbeiter, Treppengeländer, Toilettenwände, alles ist mithilfe des schwäbischen Marmors architektonisch inszeniert. Die industriegeschichtlich-monumentalen Elemente werden immer wieder durch zeitgeschichtliche Artefakte aus dem Fachbereich Soziologie gebrochen: An einer Scheibe klebt ein Hanuta-Sammelbild von Jens Nowotny von der Fußball-WM 2002 neben einer halben Mannschaft französischer Altnationalspieler. In einer Toilette hängt ein humoristischer Versuch über die richtige Verwendung von Klobürsten. Und in einem anderen Raum thront eine unbekannte Schönheit in „Bravo“-Starschnitt-Größe über einem vergessenen Stuhl.

Die imposanten Hallen wurden schon einmal von einem Recycling-Unternehmen genutzt

Letztgenannte Artefakte stammen bereits aus der Zeit nach der Travertin-Gewinnung. 1974 musste die Firma Lauster Konkurs anmelden. Bald danach wurden die imposanten Hallen zum ersten Mal von einem Recycling-Unternehmen genutzt.

Wie muss es gewesen sein, während der Travertin-Hochphase in den Hallen zu arbeiten? Das weiß Hans Peter Kuban. Kuban absolvierte hier seine Ausbildung. Von 1958 bis 1975 arbeitete er als Steinkaufmann für die Firma Lauster. Kuban ist eine Art lebendes Travertin-Lexikon. Ein Gespräch mit ihm kommt einer Nachhilfestunde in Industriegeschichte gleich, einem Abstecher in eine Phase der Wirtschaft, in der Computer noch nicht einmal Zukunftsmusik waren. „Alles, was heute am Rechner gesteuert wird, haben wir damals mit der Hand hergestellt: die Fräsarbeiten zum Beispiel, wenn ein Kunde einen Treppenhandlauf bestellt hatte.“

In den Hallen war es zur Travertin-Hochzeit höllisch laut

Kuban erinnert sich an riesige Gattersägen, ans Hobeln, ans Schleifen. Wenn er erzählt, wird die Vergangenheit lebendig: „Es war wahnsinnig laut, wenn die Kreissäge mit ihren zwei Metern Durchmesser riesige Blöcke aus dem Stein herausgesägt hat.“ Gehörschutz habe man damals noch nicht gehabt. „Das hatte unter anderem zur Folge, dass wir auch nach Betriebsschluss alle furchtbar laut gesprochen haben, vor allem unser Betriebsleiter“, sagt Kuban.

420 Beschäftigte hatte das Unternehmen, als Kuban für Lauster arbeitete. Der Konkurs der Firma beschäftigt Hans Peter Kuban bis heute. „Die Arbeit in den Travertin-Hallen wäre ansonsten eine Lebensanstellung für mich gewesen“, sagt der 76-Jährige, der sich sicher ist, dass man auf dem Areal auch heute noch Travertin abbauen könnte. Kuban wünscht sich, dass die Travertin-Historie von Stuttgart sichtbarer wäre. „In der wunderschönen Lauster-Villa auf dem Hügel hätte man ein Lokal einrichten können mit Aussichtsplattform über den ehemaligen Steinbruch“, sagt er. Recycling-Unternehmer Stephan Karle, der das gesamte Areal kürzlich gekauft hat, kann diese Idee verstehen. Er benötigt das Gebäude aber selbst für Verwaltungszwecke und für die Mitarbeiter der drei hier aktiven Verwertungsfirmen.

Die Lauster-Säulen wirken wie eine künstlerische Intervention

Spätestens im nächsten Jahr will Karle das Areal an einem Tag oder Wochenende der offenen Tür für Interessierte öffnen. Vielleicht kann Hans Peter Kuban dann seine historischen Aufnahmen vom Areal einbringen, die er wie einen Schatz hütet.

Dass die Travertin-Vergangenheit von Stuttgart auch so nicht in Vergessenheit gerät, liegt vor allem an den Lauster-Säulen, die im Stile einer künstlerischen Intervention zwischen den Kraftwerksbauten und dem ehemaligen Steinbruch an der Neckartalstraße aufgereiht sind. Die Säulen locken noch heute viele Neugierige an: Geht man etwa nichts ahnend in Bad Cannstatt am Neckar spazieren, kann es passieren, dass man von Touristen gefragt wird, wo denn „die Hitler-Säulen“ zu finden seien. Die richtige Antwort auf diese falsche Frage lautet: nirgends. Die Säulen, die dekorativ im Nirgendwo stehen, sind nämlich höchstens indirekt Hitler-Zeugnisse. Vor allem funktionieren sie aber vorzüglich, um den Ausspruch „wie bestellt und nicht abgeholt“ zu illustrieren.

Wie bestellt und nicht abgeholt: die Säulen waren für ein Mussolini-Denkmal gedacht

Tatsächlich wurden die 14 Säulen bestellt und nie abgeholt. Geordert allerdings nicht von Hitler, sondern vom Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt Berlin (G.B.I.) unter Leitung Albert Speers im Jahr 1936. Der G.B.I. wollte die Säulen aus Stuttgart, die 1937 gebrochen und bearbeitet wurden, für ein zu groß geratenes Mussolini-Denkmal nutzen, das zum Glück wie viele andere Vorhaben der Nazis nicht umgesetzt wurde. Die Säulen wurden nie abtransportiert und stattdessen am Straßenrand aufgestellt. Nach dem Krieg kaufte die Firma Lauster die Säulen von der Stadt Berlin zurück. „Die Aussagekraft der Säulenmonumente besteht in ihrem scheinbar zusammenhanglosen Standort ohne Bindung an ein Bauwerk. In ihrer Unfertigkeit dokumentieren sie beispielhaft Gigantomanie, Hybris und Scheitern des Nationalsozialismus und seiner Staatsarchitektur“, schreibt Karsten Preßler vom Landesamt für Denkmalpflege im Regierungspräsidium Stuttgart in seinem Aufsatz über die Lauster-Säulen abschließend.

Wer unabhängig von der NS-Zeit mehr zur Travertin-Geschichte Stuttgarts erfahren möchte, dem sei ein Besuch im Travertinpark unterhalb des Römerkastells im Stadtteil Hallschlag zu empfehlen. Auf dem Gelände des früheren Steinbruchs Schauffele erfährt man seit 2010 in einem sehr ­sehenswerten Freilichtmuseum, wie das Gestein einst abgebaut wurde.

Das Areal rund um den ehemaligen Steinbruch gilt als wichtige Travertin-Fundstelle

Das Areal rund um die ehemaligen Steinbrüche zwischen Cannstatt und Münster gilt als eine der wichtigsten Travertin-Fundstellen in ganz Europa. Vereinfacht gesagt entsteht Travertin dort, wo es heiße oder kalte Quellen gibt oder wo viel Mineralwasser im Boden sprudelt – eben wie in Bad Cannstatt. Beim Austritt an die Oberfläche bildet der im Wasser gelöste Kalk Gesteinsvorkommen. Für Archäologen ist dieser Teil von Cannstatt ein Paradies: Travertin wirkt konservierend, immer wieder wurden hier Fossilien entdeckt. Einige der Funde können heute im Naturkundemuseum am Löwentor ­bewundert werden.

Verbaut wurde der Travertin übrigens in vielen Stuttgarter Vorzeigegebäuden: im Mittnachtbau an der Königstraße, im Neubau der Staatsgalerie, im Haus der Geschichte, im Schloss Rosenstein. Beim Betrachten der Fassaden dieser Gebäude wird klar: Wer braucht schon Marmor, wenn er Travertin hat.