Facebook und die Diskussionskultur Identität und digitale Stammeskultur

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Das hat auch Leonard Reinecke, als Juniorprofessor an der Universität Mainz spezialisiert auf Kommunikation in sozialen Medien, beobachtet. „Damit ich mich im Netz äußere, muss mich ein Thema zumindest ein bisschen bewegen“, analysiert er. Deshalb laufen auf Facebook emotionale Themen so gut, deshalb setzen sich hier die mit der schrillsten Meinung durch und nicht die mit einer ausgewogenen Haltung. Zum Glück gibt es für fast jede Facette zu fast jedem Thema ein digitales Lagerfeuer, um das sich Gleichgesinnte scharen können; ein Meinungsmonopol existiert bei Facebook nicht. Aber auch hier ergibt sich derselbe Effekt. In den Worten von Leonard Reinecke: „Am Ende brät man im eigenen Saft.“

Facebook sei, so der Kommunikationswissenschaftler, eigentlich ein völlig unpolitisches Medium. Selbst wer sich dort einer politischen Gruppierung anschließt oder deren Aktivitäten folgt, wirke damit nicht in erster Linie an einer politischen Diskussion mit. „Da geht es eher um Identitätsmanagement“, so Reinecke. Also die Frage: wer bin ich und wer will ich sein?

Digitale Stammeskultur

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler José Marichal hat dafür bereits 2010 den Begriff „neo-tribes“ vorgeschlagen: Menschen schließen sich digitalen Stämmen an, die sich in ihrer Identität ständig selbst bestätigen. Was zum Bild des digitalen Lagerfeuers passt, um das wir moderne Steinzeitmenschen uns versammeln, weil es soziale Wärme spendet.

Über Facebook mögen Revolutionen gestartet werden, weil etwa im Arabischen Frühling Individuen erkennen, dass sie in ihrer Wut auf das Regime nicht allein sind. Hierzulande, wo sachliche Diskussionen uns weiter bringen, ist der Dienst politisch gesehen nutzlos. Weil er gar nicht dafür gemacht ist und weil die überwiegende Mehrzahl der Nutzer nichts daraus macht.

Das wiederum ist ein erleichternder und zugleich trauriger Befund. Diejenigen, die bei Facebook ihre vorgebliche oder wahre Meinung durchdrücken, machen das in erster Linie, um sich besser zu fühlen. Sie tun so, als würden sie diskutieren. Aber eigentlich brabbeln sie nur vor sich hin.