Fahrradfahren in Stuttgart Fahrrad-Abstellplätze werden Pflicht

Von Jörg Nauke 

Künftig sind bei Neubauten für jede Wohnung zwei geeignete, wettergeschützte Fahrrad-Stellplätze herzustellen. Die verbindlich vorgeschriebenen Fahrrad-Abstellplätze können auf nachzuweisende Pkw-Stellplätze angerechnet werden.

  Foto: Michael Steinert
 Foto: Michael Steinert

Stuttgart - Stuttgarts grüner OB Fritz Kuhn ist sich mit seinem Parteifreund Winfried Hermann im baden-württembergischen Verkehrsministerium in der Forderung einig, dem Fahrrad zu größerer Bedeutung zu verhelfen. Eine höhere Nutzung, so formuliert es Kuhn in seinem Papier „Nachhaltig mobil in Stuttgart“, trage zur Verbesserung der ökologischen Bilanz einer Stadt bei. Dem veränderten Mobilitätsverhalten wollen die Grünen durch den Ausbau der Abstellmöglichkeiten für Fahrräder Rechnung tragen.

Dies geschieht einerseits mittels einer Änderung der Landesbauordnung (LBO); am 23. Juli ist die Novelle der LBO zur Verbändeanhörung frei gegeben worden. Außerdem erarbeitet die Stadt eine an den Vorgaben des Landes orientierte „Fahrradabstellplatzordnung“. Schon jetzt konfrontiert die Stadt aber Investoren mit dem Entwurf. Nicht alle sind davon begeistert.

Das Problem sehen aber auch die Skeptiker: Bei den meisten Wohngebäuden fehlen vernünftige Möglichkeiten zum Abstellen von Fahrrädern. Sie stören im Treppenhaus oder im Hof, sind schutzlos Wetter und Dieben ausgesetzt.

Bisher reicht eine „leicht erreichbare Fläche“

Die Landesbauordnung beschränkt sich derzeit auf die Forderung nach leicht erreichbaren Flächen zum „dauerhaften Aufbewahren“ von Fahrrädern und Kinderwagen, die sich auch im Freien befinden dürfen – dies gilt zudem lediglich für Wohngebäude, also nicht für Häuser, in denen es auch Läden gibt.

Künftig gibt es eine Stellplatzpflicht. Es sind bei Neubauten für jede Wohnung zwei geeignete, wettergeschützte Fahrrad-Stellplätze herzustellen. Die Pflicht besteht nur dann nicht, „wenn solche nach Art, Größe oder Lage der Wohnung nicht erforderlich sind“. Die Stadt wird in ihrer Satzung, deren Erstellung wegen Personalmangels ausgesetzt ist, konkreter: Pro 35 Quadratmeter Wohnfläche sei ein Stellplatz nachzuweisen, sagt der Pressesprecher Sven Matis. Für eine 105 Quadratmeter große Wohnung sind also drei Fahrradabstellplätze zu bauen, unabhängig von der Zahl der Bewohner. Die Fahrradstadt Heidelberg empfiehlt Hausbesitzern Anlehnbügel mit einer Breite von bis zu einem Meter und einer Höhe von 85 Zentimetern. Die Abstände zwischen den Bügeln sollen 1,20 Meter betragen, um eine beidseitige Nutzung zu ermöglichen. Räder sind bis zu zwei Meter lang.

Zwang zum Kfz-Stellplatz könnte entfallen

Die Mehrkosten für den Bauherrn können durch den Wegfall von Kfz-Stellplätzen aufgefangen werden. Bis zu einem Viertel der vorgeschriebenen Kfz-Stellplätze – die LBO schreibt mindestens einen pro Wohnung vor – sollen durch Fahrradstellplätze ersetzt werden können. Und die Gemeinden werden ermächtigt, weniger als den einen notwendigen Kfz-Stellplatz pro Wohnung auszuweisen. Bisher war lediglich eine Erhöhung (auf zwei Parkplätze) möglich. „Die Satzung soll Angebote für Radfahrer schaffen, sie richtet sich nicht gegen Autofahrer“, betont Stadtsprecher Matis.

Und auch Baubürgermeister Matthias Hahn (SPD) hat deutlich gemacht, gerne weiter am Grundsatz festzuhalten, dass pro neuer Wohnung ein Kfz-Stellplatz vorgesehen wird. Die Lebenswirklichkeit sehe in vielen Bereichen der Stadt doch so aus, dass das Auto dazugehöre. Durch eine Reduzierung der Stellplätze ließen sich die Baupreise senken, dafür erhöhe sich aber der Parksuchverkehr. Das sagte er allerdings, bevor Kuhn die OB-Wahl gewonnen hatte.

Immobilienunternehmen kritisieren „Regulierungswut“

Kritik kommt vom Verband baden-württembergischer Wohnungs- und Immobilienunternehmen, der die „Regulierungswut“ geißelt und die Forderung nach diebstahlsicheren Fahrradabstellplätzen als weiteres Indiz sieht, „dass Bauen immer teurer wird“. Viele der neuen Vorschriften in der LBO seien nicht praktikabel. Ulrich Wecker, Geschäftsführer des Haus- und Grundbesitzervereins, hält größere Abstellflächen für Räder, Kinderwagen und Gehhilfen in Neubauten durchaus für sinnvoll; er wendet sich aber gegen eine Gängelung der Eigentümer. Jede Entscheidung sei ein Einzelfall, die dem Hausbesitzer überlassen bleiben solle. Eine Änderung des Mobilitätsverhaltens sei „nicht über Druck und Vorschriften“ zu erreichen.

Der CDU-Ratsfraktionschef Alexander Kotz hält die Regelung für Neubauten für sinnvoll, die Verrechnung mit Kfz-Stellplätzen aber für falsch. Die CDU wolle forcieren, dass mehr Autos vom öffentlichen Raum in die Tiefgaragen verlagert würden.

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21 KommentareKommentar schreiben

mehr freude mit dem fahrrad weniger kfz-stress: es ist wichtig für stuttgart, nun aus dieser fehlplanung der autogerechten stadt, bessere und nachhaltigere konzpte zu realisieren. der individualverkehr mit dem auto ist im engen und charmanten talkessel und auf den hügeln fehl am platz. das fahrrad kann hier zu einer beträchtlichen steigerung der aufenthaltsqualität führen. dafür sollen nun mehr fahrradstellplätze pflicht werden. kfz-stellflächen sollten daher auch reduziert werden. um die für den radfahrer schwierige hügellage zu meistern, sollten hier auch über innovative aufstiegsanlagen nachgedacht werden wie seilbahnen, sessellifte, schrägaufzüge, fahrradzüge der ssb, etc. hier könnte stuttgart eine besondere vorreiterrolle darstellen. innovative und interessante konzepte wie das fahrrad für stuttgart ein emotionaler mehrgewinn sein kann. dass das massenhafte nutzen der autos in stuttgart fehl am platze ist und auch nicht mehr zeitgemäss ist, sollte nun auch jedem bekannt sein. daher brauchen wir nun die richtigen vorgaben und visionen und strategien.

Dogmen aus Bayern, Berlin? Gegen Dreirad und GG-schulung: Seltsame Fraktionen, Besserwisser und Besserverdiener, die hier ihren Schwachsinn ablassen. Es gibt eine starke Zunahme des Fahrradverkehrs in geeigneten Stadtteilen. Kein Radfahrer gibt sich die Kaltentaler Abfahrt, bzw. Auffahrt, dort gibt es wunderbare Abseitswege. Sinn macht der Ausbau deswegen, da der Stadtwald keinesfalls für die Radfahrer freigegeben wurde. Sie sind nur geduldet. Die selben Herrschaften, Besserwisser werden ätzend, wenn man ihnen das Recht auf ein bisschen Straßenrad abtrotzt. Ob alle Blutspender oder Organspender sind? Wer im sozialen Wohnungsbau wohnt, weiss diesen Ausblick zu schätzen, den eines überdachten Fahrradabstellplatzes, ein Kfz ist hier nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Die Verpflichtung einen Stellplatz anzumieten eher lästig. Es gibt im sozialen Wohnungsbau sogar Reibereien um diese Plätze - die des Fahrradstellplatzes - nicht jedes Kind erlernt deswegen das Radfahren - eine Gleichgewichtsschulung. Die Breite des Abstellplatzes: Dem Dreirad geschuldet, dem altersgerechten Dreirad, dem Inklusions-Dreirad und möglicherweise den Rollstuhlfahrern einer Stadt, in der in den nächsten Jahren viele Kfz-Begeisterte aufs Motorrad umsteigen, der vielen Baustellen wegen. Comprende oder auf bajuwarisch "Host mi"

Wunderbare..: ... grüne Welt: die nächste Bevormundung, um die Ideologie gegen jede Vernunft durchzudrücken. Auf den mittlerweile 3 (!) parallelen Fahrradwegen hinter der Kaltentaler Abfahrt sieht man kaum Radler, in der Gegenrichtung stadtauswärts praktisch keine. Und es ist Sommer. Wie sich diese verlogene Mischpoke von realitätsfernen Ideologiefanatikern die Verkehrslage im Winter wohl vorgestellt hat? Gar nicht?!

Idiotie: ab 105 m² Wohnfläche drei Fahrradabstellplätze egal wer und wieviele dort wohnen. 1,20 Abstand von Fahrrad zu Fahrrad. Es ist richtig für genügend Radabstellplätze zu sorgen. Aber 1,20 m Abstand von Rad zu Rad? Weiß einer wie viel Platz diese Dinger dann brauchen? Da braucht es ja mehr Platz für Fahrräder als für Autos. 70 cm Abstand reichen auch. Wo gibt es denn so viel Platz wie wir in Zukunft für unsere Fahrräder einplanen müssen? Ist in der Verrodnung auch vorgeschrieben wie viele Anhänger pro Wohnung Platz brauchen? Einer für jedes Kind und einer zum einkaufen? Ich wäre dafür, das Erdgeschoss eines jeden Mehrfamilienhauses für die Fahrräder der Bewohner frei zu lassen.

Unsinn: Vorab. In der Stadt bin ich selber mit dem Fahrad täglich und beruflich unterwegs. Und ich baue. Seit über 30 Jahren. Und so langsam gehen mir die Grünen mit ihrer Besserwisserei und Bevormundung so richtig auf den Senkel. Überzeugen werden sie durch immer neue Weltverbesserungsgesetze nämlich niemanden. Im Gegenteil werden gute Entwicklungen durch ihren fanatischen Perfektionismus, der lediglich polarisiert, kaputt gemacht. Fahrt doch einfach Fahrrad und stellt sie in eurer Garage/Keller/Carport ab. Hört auf den Leuten zu sagen, wie sie glücklicher leben sollen.

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