Fahrräder in S-Bahnen in der Region Stuttgart Kampf um die Sitzplätze im Mehrzweckabteil

Von Sascha Maier 

Mit der warmen Jahreszeit werden auch die Züge immer voller. Vor allem der Anteil der Radfahrer steigt. In den Abteilen, die für sie, Rollstuhlfahrer und Kinderwagen vorgesehen sind, kommt es häufig zu Streit um die Sitzplätze. Aber wer ist im Recht?

Haben Radfahrer im Mehrzweckabteil ein Recht auf einen Sitzplatz? Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Haben Radfahrer im Mehrzweckabteil ein Recht auf einen Sitzplatz? Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Stuttgart - Dass es zwischen unterschiedlichen Verkehrsteilnehmern zu Konflikten kommt, ist ein altes Lied. Doch dass dies sogar innerhalb eines Verkehrsmittels selbst passiert, ist wohl nur in S-Bahnen und Regionalzügen der Fall: Die Mitarbeiter der Bahn beobachten, dass es vor allem im Sommer immer häufiger zu Streitigkeiten um Sitzplätze in den Abteilen kommt, in denen Fahrräder bei den Klappsitzen längs entlang der Fenster abgestellt werden können. Was ist aber, wenn der Radfahrer einsteigt und da schon jemand sitzt?

So neulich geschehen in der S 1 auf dem Weg von Bad Cannstatt nach Stuttgart: Das Abteil war voll, zumindest keine anderen Sitzplätze in Sicht, ein zugestiegener Radfahrer forderte drei Personen auf, doch bitte aufzustehen, damit er sein Rad bequem parken kann. Auf den Protest des Trios, das zu Fuß unterwegs war, sprangen dem einen Radfahrer weitere zur Seite: „Die Plätze hier sind für uns reserviert!“ Damit lagen sie falsch.

Schwammig formulierte Aushänge

Denn in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) der Bahn, die das Hausrecht hat, steht nichts davon, dass Fahrgäste Drahteseln Platz machen müssen. „Die Frage wurde im Kundendialog geklärt, und Bahnreisende sind nicht verpflichtet, für Radfahrer aufzustehen“, sagt eine Bahn-Sprecherin. Grund dafür sei auch, dass die Fahrgäste laut den AGB auch prinzipiell keinen Anspruch auf Fahrradmitnahmen geltend machen können, wenn die Bahn zu voll ist.

Doch das konnten die renitenten Radfahrer, die sich im Recht wähnten, womöglich gar nicht wissen. Denn die entsprechenden Aushänge in den Abteilen sind etwas schwammig formuliert. Es heißt dort: „Die Mehrzweckbereiche sind vorzugsweise für Reisende mit Rollstuhl, mit Kinderwagen oder Fahrrad vorgesehen.“ Eltern mit Kleinkindern haben – ähnlich wie betagte Bahnreisende – laut den Bahn-AGB tatsächlich ein Anrecht auf einen Sitzplatz. „Mobilitätseingeschränkte Personen und Eltern mit Kinderwagen haben Vorrang vor Fahrrädern“, erklärt die Sprecherin.

Der Radverkehr in Stuttgart und der Region ist auch wegen der Feinstaub-Belastung ein großes Thema. Denn das hohe Verkehrsaufkommen im Straßenverkehr und andere Faktoren führen dazu, dass die Grenzwerte für Feinstaub und Stickoxide in Stuttgart seit Jahren überschritten werden. Die wichtigsten Fakten dazu sehen Sie im Video:

Da sich die Konflikte häufen, weil Fahrradfahren voll im Trend ist, bessert die Bahn in Sachen Kommunikation gerade nach. Zumindest in manchen Regionalzügen werden bereits Durchsagen gemacht, die Bahnreisende per pedes auffordern, sich nach Möglichkeit Sitzgelegenheiten jenseits der Fahrradstellplätze zu suchen.

Allgemein setzt die Bahn zur Entspannung auf Dialog. „Unsere Kundenbetreuer erhalten im Rahmen der regelmäßigen Schulungen Deeskalations-Trainings, um auch im Falle eines Streits zwischen Fahrgästen eingreifen zu können“, sagt die Sprecherin der Bahn. Häufig sei das Ergebnis Ermessenssache. Außerdem appelliert sie an den gesunden Menschenverstand der Bahnreisenden: „Unabhängig von den Handlungen des Kundenbetreuers muss eine gegenseitige Rücksichtnahme der Fahrgäste untereinander vorausgesetzt werden.“

Um Konflikte bereits im Vorfeld zu vermeiden, rät die Bahn Radfahrern, vor allem den Berufsverkehr zu meiden und Radtouren am besten erst nach der Hauptverkehrszeit zu starten. „Andersherum ist es aber auch wichtig für Radfahrer, zusammenzurücken, wenn das keine Umstände macht“, sagt die Sprecherin.

Dass sich das Problem trotz Fahrrad-Boom weiter verschärft, ist allerdings unwahrscheinlich. Denn immer mehr Nahverkehrszüge werden mit Mehrzweckabteilen für Radler ausgerüstet. Diese sind häufig durch ein Fahrrad-Symbol gekennzeichnet. Wer zu Fuß unterwegs ist und Streit in jedem Fall vermeiden will, kann also ganz einfach in ein anderes Abteil einsteigen, am besten in der Mitte. Denn: Die Mehrzweckabteile befinden sich meistens am Anfang und am Ende der Regionalzüge.

1 Kommentar Kommentar schreiben

Radfahrer: Für mich ist nicht zu übersehen, dass Radfahrer sich immer aggressiver verhalten, sei es im Strassenverkehr, der Fussgängerzone oder wohl auch in der S-Bahn. Es ist nicht tolerabel, dass eine absolute Minderheit für sich Sonderrechte in Anspruch nimmt. Ich denke, auch mein Verhalten dieses Leuten gegenüber wird sich massiv ändern. Was allerdings das Thema Feinstaub hier zu suchen hat, erschliesst sich mir überhaupt nicht. Ist das wieder mal der grüne Mainstream der Redaktion ???

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