Fahrsicherheitstraining für Senioren Geht’s noch?

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Statistisch betrachtet verursachen 80-Jährige deutlich häufiger schwere Verkehrsunfälle als 40-Jährige. Bedeutet das, dass Senioren schlechte Autofahrer sind? Ein Besuch bei einem Sicherheitstraining am Glemseck.

85 Jahre alt und noch immer sicher unterwegs: Dieter Weihrauch und seine Beifahrerin, Ehefrau Henny Foto: factum/Granville 11 Bilder
85 Jahre alt und noch immer sicher unterwegs: Dieter Weihrauch und seine Beifahrerin, Ehefrau Henny Foto: factum/Granville

Leonberg - Das Alter setzt Karl-Heinz Maier zu. Bald 75 Lebensjahre nagen an seinen Gelenken, diverse Operationen konnten den Verfall nicht stoppen. Mittlerweile besteht sein rechter Oberschenkel größtenteils aus Metall, das Bein ist acht Zentimeter kürzer als das linke. Um den Längenunterschied auszugleichen, trägt Maier einen orthopädischen Schuh mit Plateausohle. Mit dem Quadratlatschen kann er nicht Auto fahren, Maier zieht ihn aus, sobald er sich mühevoll hinters Lenkrad gesetzt hat, und tritt strümpfig auf das Gaspedal und die Bremse. Kürzlich ging beim Anfahren etwas schief: Maier landete mit seinem Volkswagen an der eigenen Hauswand. Der schöne Golf war schrottreif. Weil jemand, der mit einem Reporter offen und ehrlich über solche Probleme redet, nicht bloßgestellt werden sollte, ist Karl-Heinz Maier die einzige Person in diesem Bericht, deren Name geändert wurde.

Auf deutschen Straßen fahren immer mehr Senioren. Thematisiert wird diese demografische Binsenwahrheit meistens dann, wenn die Kombination aus Alter und Auto zu einer Tragödie führt. In der vergangenen Woche hat das Bad Säckinger Schöffengericht einen 85-Jährigen zu einer Bewährungsstrafe verurteilt, weil er einen schweren Unfall verursacht hatte. Zwei Menschen starben, 27 wurden teilweise lebensgefährlich verletzt, weil der Mann bremsen wollte und stattdessen das Gaspedal erwischt hatte. Einmal mehr stellt sich nun die heikle Frage: Kann man zu alt werden für das Autofahren?

Vielleicht findet man eine Antwort auf dem Verkehrsübungsplatz am Glemseck. Vier Teilnehmer haben sich zu dem Seniorenfahrsicherheitstraining des ADAC angemeldet, der dreieinhalbstündige Kurs kostet etwa so viel wie eine halbe Tankfüllung. Karl-Heinz Maier ist in seinem neuen Dacia aus Bad Cannstatt gekommen, mit Gehstützen quält er sich die paar Meter vom Parkplatz in den Schulungsraum und lässt sich auf dem vordersten Stuhl nieder. Der Kursleiter Martin Sasse, 46, fragt in die Runde: „Was führt euch her?“

Die vier Teilnehmer stellen sich vor

Maier berichtet von seinem VW-Totalschaden und dem Dacia, den er seit einer Woche besitzt: „Mein erster Automatik, bisher hatte ich immer Schaltgetriebe. Das ist eine große Umstellung, ich habe immer noch die alten Mechanismen drin.“

Neben ihm sitzt Heidi Kling, 75, aus Sonnenberg. Die Mercedes-Fahrerin hat vor einem Vierteljahrhundert schon mal ein Sicherheitstraining beim ADAC mitgemacht. „Ich dachte, es ist an der Zeit für eine Auffrischung“, erzählt sie. „Zumal es in meinem Bekanntenkreis Leute gibt, von denen ich denke, dass sie nicht mehr fahren sollten.“

Brigitte Brüssel, 65, aus Lauffen ist anstelle ihres Ehemannes gekommen, der sich für den Kurs angemeldet hatte, aber kürzlich gestorben ist. Nun muss die Witwe im BMW die 700 Kilometer nach Bad Segeberg alleine bewältigen, wo sie regelmäßig ihre Tochter besucht: „Mein Mann und ich haben uns ja stets alle anderthalb Stunden hinterm Steuer abgewechselt.“

Zu guter Letzt stellt sich der älteste Teilnehmer vor: Dieter Weihrauch aus Fellbach ist 85, hat als Architekt 2,4 Millionen Kilometer auf europäischen Straßen zurückgelegt und auf dieser gigantischen Wegstrecke nur zwei kleine Blechschäden verursacht. Seit er Kehlkopfkrebs hatte, muss er mit Einschränkungen leben: Weihrauch atmet durch eine operativ angelegte Öffnung der Luftröhre, zum Sprechen schließt er ein davor befestigtes Ventil durch Druck mit dem Zeigefinger. Wenn er hinter dem Lenkrad sitzt, kann er nicht mehr mit seiner Gattin Henny plaudern – „aber dadurch bin ich immer voll auf die Straße konzentriert“.

Die Liebe zum Auto hält bis zum Tod

Jeder Teilnehmer bekommt ein Walkie-Talkie in die Hand gedrückt, dann geht’s raus zu den Autos. Erste Übung, Handlingparcours: wenden, einparken, rückwärtsfahren. Bosch sei Dank gibt es heutzutage Sensoren in den Stoßfängern, die den Abstand zum Hindernis messen, und Rückfahrkameras. Dieter Weihrauch schaut jedoch nicht auf den Bildschirm seines Infiniti, laut Werbung ein „Premium-Performance-Fahrzeug“ – ganz klassisch, mit konzentrierten Blicken in die Außenspiegel, steuert er den 4,87 Meter langen und 1,93 Meter breiten SUV in die Lücke. „Ein 100-Kilo-Mann wie ich braucht ein großes Auto“, sagt er – und: „Einparken war für mich noch nie ein Problem.“ Die Führerscheinprüfung würde er dennoch nicht mehr bestehen, denn den zwingend vorgeschriebenen Blick über die Schulter macht der Hals nicht mehr mit.

Die Liebe zum Auto hält bei Deutschen meistens bis zum Tod. Das gilt zumindest für die Wirtschaftswundergeneration, die mittlerweile den Herbst ihres Lebens erreicht hat. Mit jeder weiteren körperlichen Fessel, die einem das Alter anlegt, gewinnt das Auto noch mehr an Bedeutung: Selbst wer es nicht mehr in die S-Bahn schafft, kann sich meistens noch auf den Fahrersitz seines Pkw plumpsen lassen. Doch wann ist der Punkt erreicht, an dem die Einbußen an geistiger und körperlicher Beweglichkeit nicht mehr durch jahrzehntelange Erfahrung auszugleichen sind?

Übungseinheit zwei: Vollbremsung aus Tempo 50. Karl-Heinz Maier soll losfahren, doch sein Dacia rührt sich nicht von der Stelle, weil Maier das Automatikgetriebe nicht durchschaut – er sucht den ersten Gang. Der Kursleiter Sasse funkt ihn an: „Herr Maier, bitte den rechten Fuß auf die Bremse, dann den Schalthebel auf D, Fuß von der Bremse und Gas geben.“ Der Dacia beschleunigt, bis er den mit zwei Pylonen markierten Punkt erreicht hat, an dem Maier sein Auto möglichst abrupt abbremsen soll. Er benötigt dafür mehr als 30 Meter – die anderen drei Teilnehmer bringen ihre Wagen in weniger als zehn Metern von 50 auf null. Heidi Kling, Brigitte Brüssel und Dieter Weihrauch treten ins Bremspedal, als wollten sie es abbrechen, Maier streichelt es bloß mit seiner rechten Socke, mehr Druck lässt das lädierte Bein offenbar nicht zu.