„Familie Braun“ im ZDF Echte Menschen in fünf Minuten

Von Senta Krasser 

Vom Internet ins Fernsehen: Das ZDF zeigt in den Minifolgen der Serie „Familie Braun“, wie zwei rechte weiße Männer und ein kleines dunkelhäutiges Mädchen miteinander klarkommen. Dabei soll man über Nazis lachen.

Gemeinsam zu Hause: die Hauptdarsteller von „Familie Braun“: Vincent Krüger (l.), Nomie Lane Tucker (M.) und Edin Hasanovic (r.). Foto: ZDF 14 Bilder
Gemeinsam zu Hause: die Hauptdarsteller von „Familie Braun“: Vincent Krüger (l.), Nomie Lane Tucker (M.) und Edin Hasanovic (r.).Foto: ZDF

Stuttgart - Darf man über Nazis lachen? Ja, man muss sogar – hält man es mit Manuel Meimberg. Die 90. Doku, den 91. Talk, „diese Arten, sich mit den Nazis auseinanderzusetzen, haben wir doch schon durch“, findet der Autor so populärer Serien wie „Soko Leipzig“ oder „Unter uns“. Also hat sich Meimberg rangemacht und fürs ZDF eine Kurz-Serie geschaffen, in der es genau darum geht: sich über Nazis totzulachen.

„Familie Braun“, zeitlich eingeklemmt zwischen den Satirikern der „heute show“ und den Kultur-Freaks von „aspekte“, ist ein bis dato für die Mainzer Programmmacher einmaliges Projekt. Allein schon deshalb, weil „Familie Braun“ ursprünglich als Serie fürs Netz erdacht wurde, ohne konkret eine Ausstrahlung im linearen TV ins Auge zu fassen. Serienstart war konsequenterweise bereits eine Woche zuvor auf Youtube und in der Mediathek.

Die Serie ist nach dem filmbekannten Genremuster „Zwei Männer und ein Baby“ gebaut: Eines Tages steht vor der WG-Tür der beiden Neonazis Kai und Thomas die sechsjährige Lara. Sie ist das Ergebnis eines One-Night-Stands, an den sich Thomas nicht erinnern kann, und, noch schlimmer, „ein Negerkind“ (Kai), das so gar nicht ins verquere Weltbild der Hitler-Anhimmler passt. Laras Mutter hat keine Wahl. Sie wird abgeschoben nach Eritrea. „Ausländer raus – kennst du doch“, sind ihre letzten Worte. Und die Kleine bleibt.

NS-Ideologie trifft auf echte Menschen

Wie Lara in das mit NS-Devotionalien (Wasserkocher mit Hakenkreuz!) ausstaffierte Leben der harten Jungs hineinstolpert und durch ihren Liebreiz, einen, sagen wir: Veränderungsprozess in Gang setzt, davon erzählen die acht à fünf Minuten kurzen Serienkapitel. Schnell wird die Botschaft klar: Die NS-Ideologie funktioniert nicht mehr, sobald sie auf echte Menschen trifft. In diesem Fall auf die herzallerliebsten Teddyaugen von Lara. Ein kleines Kind schafft es, die Welt der Nazis zum Bröseln zu bringen. Wie schön. Aber nicht auch sehr einfach? Natürlich sei man sich bewusst, dass die Zuschauer so was wie Empathie für die Nazis Thomas und Kai entwickeln könnten, sagt Meimberg. Das sei eine gewollte Provokation, um „die Leute zum Diskutieren zu bringen“. Es gebe aber laut Produzent Uwe Urbas trotz aller Doppelbödigkeit kein Vertun: „Die Webserie geht klar gegen Rechts.“

In der Tat gibt es im ersten Kapitel von „Familie Braun“ nicht viel misszuverstehen: Gut und Böse sind klar unterscheidbar. Hier die hohlen Nazis, die alte Damen in der Straßenbahn mit dem Hitlergruß provozieren. Dort das Zuckerstück Lara, das beim Anblick des Hitler-Konterfeis ahnungslos fragt: „Warum guckt er so traurig“? Das alles wirkt wie mit dem Holzhammer gestrickt, und ist auch bewusst so angelegt. Fünf Minuten scheinen das Aufmerksamkeitsmaß zu sein, das Medienmacher ihren eiligen Mediennutzern zutrauen. Fünf Minuten „Familie Braun“ müssen entsprechend grob und eindeutig inszeniert werden.

Passt denn so was überhaupt zum orangenen Ball? „Ja, es passt“, sagt die verantwortliche ZDF-Redakteurin Lucia Haslauer so bestimmt, als sei jeglicher Zweifel ungehörig. Mit ebensolcher Entschlossenheit hat sie die Story von den Brauns im eigenen Haus, sprich in der Redaktion des Kleinen Fernsehspiels, durchgebracht und dem Produzenten Urbas zu dessen großem Erstaunen „überall die Türen geöffnet“, sodass sein Team frei drauf los entwickeln konnte. Für die Polyphon, für die Urbas arbeitet, sei die Produktion von „Familie Braun“ absolut „unique“ gewesen. Einmalig in der Tat: Die Polyphon stand bisher für eher Seichtes in Serie wie das „Traumschiff“ oder „Familie Dr. Kleist“.

Auf der Suche nach der Youtube-Zielgruppe

Neuland auch fürs ZDF. Noch nie zuvor hat die Anstalt auf dem Lerchenberg so klar – oder soll man sagen: verzweifelt? – die Chance ergriffen, auf Augenhöhe mit der schnellen, agilen, jungen Youtube-Welt zu agieren und sich damit eine Zielgruppe zu erschließen, die eigentlich längst verloren scheint. Angeblich fanden zumindest jene Youtuber des Berliner Vereins 301+, die in „Familie Braun“ in Gastauftritte eingearbeitet sind, „das Projekt total geil“, sagt Autor Meimberg. Da klemmt sich zum Beispiel in Kapitel zwei Florian Mundt alias LeFloid hinters Lenkrad, um auf einer Autobahnraststätte die von ihren Mitbewohnern mit einem „Afrika“-Pappschild ausgesetzte Lara aufzuklauben. Zu sehen sind auch der netzbekannte „Froddoapparat“ Max Krüger sowie „Space Frog“ Steven Schuto. Meimbergs Ehefrau Marie steuerte zusammen mit Marti Fischer den gitarrenlastigen Soundtrack bei, dem demnächst ein Musikvideo folgen soll.

Auf die Netzprominenz all dieser hippen Kreativen hofft die alte Tante ZDF nun sehr. Deren jeweilige Community soll schließlich über „Familie Braun“ reden, reden, reden – und somit freundlicherweise Werbung treiben. Auf Youtube wurden die ersten fünf Kapitel zusammen bisher um die 200 000 Mal geklickt und teilweise hymnisch kommentiert (Yasmin: „GEIL GEIL GEIL, ich will mehr davon“) Allerdings fallen die Klickzahlen von Folge zu Folge rapide. Über eine zweite Staffel „Familie Braun“ wird beim ZDF derzeit nicht nachgedacht.